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Dark Tourism: Was uns an Orte des Schreckens zieht

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Schiffswrack am Strand von Zuydcoote in Dünkirchen.

©Imago / Dreamstime

Ob Hiroshima, die Normandie oder Srebrenica – Orte wie diese sind untrennbar mit Kriegstragödien verbunden. Zugleich werden sie heute von Touristen besucht.

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Der Wind fegt über feuchte Sandweiten. Wolken lasten über der Nordsee, die an diesem Morgen mattsilbrig und grau daliegt. Hier, in Nordfrankreich bei Dünkirchen am Strand Zuydcoote, gibt das Meer bei Ebbe seltsame Gebilde frei. Rostige Rippen und Gestänge, lang ausgestreckt im Sand, leicht gekrümmt. Es sind Überbleibsel der „Crested Eagle“, eines englischen Dampfers, der Ende Mai 1940 bei der „Operation Dynamo“ zum Einsatz kam.

Unter diesem Decknamen lief im Zweiten Weltkrieg eine gigantische Evakuierungsaktion, um eingekesselte Truppen der Alliierten vor der Wehrmacht zu retten. Die einzige Chance war der Seeweg nach England, das massenweise Schiffe entsandte.

Kurz nach der Abfahrt in Dünkirchen geriet sie unter Bombenbeschuss und fing Feuer. Über 300 Soldaten starben. Heute streifen Besucher um das Wrack, das von Muscheln und grünen Algenbärten überzogen ist. Wellen spielen ihre Melodie. Bei Flut verschwindet alles komplett. Die „Crested Eagle“ ist ein winziges Freilichtmuseum der Geschichte und steht für eine der unzähligen Kriegstragödien weltweit, deren Spuren bis heute sichtbar sind.

Intensive emotionale Reaktionen

Der Besuch von Stätten und Orten an denen schreckliche Dinge vorgefalen sind, kann dazu beitragen, Trauer und Mitgefühl für die Opfer zu empfinden. „Diese Orte ziehen uns an, da sie intensive emotionale Reaktionen hervorrufen und ein tieferes Verständnis für die menschliche Geschichte ermöglichen“, sagt Reisepsychologin Christina Miro.

„Besonders KZ-Gedenkstätten erinnern uns an die dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte und schärfen das Bewusstsein für die Wichtigkeit von Frieden und den Schutz der Menschenrechte.“

Ob man sich ausgerechnet im Urlaub mit solchen Themen beschäftigen sollte? Psychologin Miro meint, man könne sich unterwegs durchaus emotionalen Herausforderungen stellen, „vorausgesetzt, man ist sich dessen bewusst und kennt seine eigene Belastbarkeit.“ Wichtig sei, „ein Gleichgewicht zwischen emotional fordernden Erlebnissen und dem persönlichen Wohlbefinden zu wahren.“ Fünf weitere Beispiele von Zielen, die Bestürzung auslösen, bewegen und aufrütteln:

Hiroshima, Japan

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Hiroshima, Japan

Das Friedensdenkmal, allgemein als „Atombomben-Dom“ bekannt, in Hiroshima.

 © Imago / Depositphotos

6. August 1945. Jener Tag zerriss die Geschichte Hiroshimas in ein Davor und Danach. Über der Stadt detonierte die Atombombe „Little Boy“, so der Spitzname der US-Amerikaner für ihre tödliche Fracht. Die Temperatur am Boden stieg auf 4.000 Grad. Zehntausende Zivilisten starben sofort, gefolgt von späteren Strahlenopfern.

Das Friedensgedächtnismuseum dokumentiert die Gräuel bis ins Detail. Die nüchterne Sachlichkeit von Fotos und Exponaten wie Kleiderfetzen und herausoperierten Glassplittern verstärkt die Wirkung. In den Sälen herrscht eine fast unheimliche Stille der Anteilnahme.

Für das Museum braucht man eine starke Psyche. Es versteht sich, ebenso wie der nahe „Atombomben-Dom“, als Mahnmal für Frieden. Der „Dom“, eine überkuppelte Ausstellungshalle der Industrie- und Handelskammer, überstand die Katastrophe als Ruine und ist Weltkulturerbe.

Belchite, Spanien

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Belchite, Spanien

Ruinen in Belchite, die an den spanischen Bürgerkrieg erinnern.

 © Imago / Dreamstime

Halb verfallene Kirchen. Fragmente von Häusern, Mauern, Balken – wie in einer Kapsel aus Zeit und Raum eingefroren sind diese Bilder. Der Geisterort Belchite, im Nordosten Spaniens in der Region Aragonien gelegen, bezeugt ein Kapitel des Spanischen Bürgerkriegs 1936 bis 39, der Diktator Francisco Franco an die Macht brachte.

Gegenüber standen sich Republikaner und nationalistisch-faschistische Kräfte, so wie im Sommer 1937 bei der Schlacht von Belchite. Die republikanische Offensive sollte den Vormarsch der Nationalisten im Norden stoppen und zur Einnahme von Aragoniens Hauptstadt Zaragoza führen. Zwei Wochen lang lieferten die in Belchite verschanzten Nationalisten heftige Gegenwehr, trotzten den Bombardements und der Einkesselung.

Der fast völlig zerstörte Ort ist so belassen worden: als Lehre aus dem Krieg und zur Abschreckung. Besucher können Führungen buchen. Gelegentlich werden in Belchite auch Filme gedreht.

Küste der Normandie, Frankreich

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Küste der Normandie, Frankreich

Das Les Braves Denkmal am Omaha Beach in Saint Laurent sur Mer erinnert an die D-Day-Landungen der Alliierten im Zweiten Weltkrieg an der historischen Küste der Normandie (Frankreich).

 © IMAGO / imagebroker

Es war am 6. Juni 1944, als sich Meer und Strände der Normandie mit Blut tränkten: am D-Day, dem Tag der Landung der Alliierten. Den Empfang bereiteten deutsche Stellungen, verminte Hochpfähle, metertiefe Gräben.

Ein Augenzeuge, US-Generalleutnant Omar Bradley, schilderte: „Alle Boote gerieten unter Maschinengewehr-Kreuzfeuer. Als die ersten der Männer hinuntersprangen, krümmten sie sich und fielen ins Wasser. Dann ging alles durcheinander. Einige wurden im Wasser getroffen und verwundet. Andere ertranken gleich.“

Die Landungsstrände trugen Codenamen wie Omaha Beach und Juno Beach, die bis heute geläufig sind. In der Normandie halten Museen, Memorials und Gedenkstätten die Erinnerung wach – ebenso die Gräberreihen wie auf dem deutschen Soldatenfriedhof bei La Cambe. Manche waren kaum 20 Jahre alt, im Grunde auch sie unschuldige Opfer des Kriegswahns.

„Killing Fields“, Gedenkstätte Choeung Ek, Kambodscha

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„Killing Fields“, Gedenkstätte Choeung Ek, Kambodscha

Totenköpfe von Opfern der Roten Khmer in Choeung Ek in Kambodscha.

 © Imago / SuperStock

Den düstersten Teil der Geschichte Kambodschas schrieb die kommunistisch orientierte Guerillabewegung der Roten Khmer, die zwischen 1975 und 1979 unter Pol Pot ein Terrorregime führte. Daran geknüpft waren Massenmorde an mehr als 300 Schauplätzen, den „Killing Fields“.

Knapp 20 Kilometer südlich der Hauptstadt Phnom Penh konfrontiert die Gedenkstätte Choeung Ek mit dem Völkermord. Dort folterte man sogenannte „Verschwörer“, zwang sie zu Geständnissen, richtete sie hin.

Choeung Ek gilt als bekannteste Stätte der „Killing Fields“, vormals befanden sich hier ein Garten und ein chinesischer Friedhof. Ein buddhistischer Stupa ist mit tausenden menschlicher Schädel gefüllt. In einer ehemaligen Schule in Phnom Penh, die unter den Roten Khmer ab 1975 in ein Gefängnis– und Folterzentrum umgewandelt wurde, ist heute das Tuol-Sleng-Genozid-Museum untergebracht.

Memorial Center Srebrenica, Bosnien-Herzegowina

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Memorial Center Srebrenica, Bosnien-Herzegowina

Grabsteine der Opfer des Massakers von Srebrenica, auch bezeichnet als Völkermord von Srebrenica, auf der Srebrenica-Potočari-Gedenkstätte.

 © Imago / Pixsell

Nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens tobten die Konflikte auf dem Balkan. So auch im Bosnienkrieg 1992 bis 95, der das Massaker von Srebrenica mit sich brachte.

„Am 11. Juli 1995 nahmen bosnisch-serbische Einheiten die Stadt Srebrenica unter Führung des Militärchefs Ratko Mladić ein und töteten in den darauffolgenden Tagen über 8.000 muslimische Bosnier, Männer und Jungen“, zeichnet die Bundeszentrale für politische Bildung die Geschehnisse nach, die internationale Gerichte als Völkermord anerkannt haben. Die Episode im Bosnienkrieg gilt als das schlimmste Massaker seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa.

Das Memorial Center Srebrenica gibt Opfern Gesichter und Namen, darunter im Gedenkraum mit persönlichen Gegenständen von Opfern aus Massengräbern.

Für Reisepsychologin Christina Miro ist die Auseinandersetzung mit derlei Geschichte wichtig: „Um aus ihr zu lernen und sie nicht zu wiederholen.“ Das Memorial Center ist kein Ort des Massentourismus, aber um den Jahrestag 11. Juli steigen die Besucherzahlen stets deutlich an.

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