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Narzisst: Was Sie über
Narzissmus wissen sollten

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Narzissmus wissen sollten © Bild: Shutterstock.com

Woran erkenne ich einen Narzissten? Ab wann spricht man von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung? Und wie verhalten sich Narzissten in einer Beziehung? Die Psychotherapeutin MMag. Nicole Trummer steht Rede und Antwort.

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Was ist Narzissmus?

Narzissmus an sich ist noch keine psychische Erkrankung, sondern beschreibt lediglich eine selbstbezogene und selbstüberschätzende Persönlichkeitseigenschaft. Auch gesunde Menschen können narzisstische Persönlichkeitsmerkmale haben, erklärt die Psychotherapeutin MMag. Nicole Trummer. Von einer psychischen Erkrankung spricht man dagegen erst dann, wenn eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vorliegt. Von einer solchen sind soweit bekannt mehr Männer als Frauen betroffen.

Welche Formen von Narzissmus gibt es?

Wie eingangs erläutert, unterscheidet man zwischen gesunden Menschen mit leichten narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen und solchen, die an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden. Erstere stellen sich gerne in den Mittelpunkt und scheuen sich nicht davor, berufliche Herausforderungen anzunehmen, durch deren Bewältigung sie sich Anerkennung versprechen. "Das sind die sogenannten erfolgreichen Narzissten", erläutert Trummer. Bei Zweiteren wiederum wird eine Unterteilung in verschiedene Subtypen vorgenommen.

»Wir leben in einer Gesellschaft, in der Menschen mit narzisstischem Verhalten gern gesehen werden«

"Die auffälligste Form ist jener Narzisst, der sich unbeirrt, eigenwillig, exhibitionistisch und dickhäutig gibt." Hierbei handelt es sich um den offenen oder auch grandiosen Narzissten. Er tritt selbstbewusst und extrovertiert auf und besticht nicht zuletzt durch seinen Charme. Der grandiose Narzisst erbringt hohe Leistungen, sofern ihm diese Ruhm in Aussicht stellen. "Es gibt aber auch jenen Narzissten, der sehr verletzlich, überempfindlich, verschlossen und dünnhäutig ist." In diesem Zusammenhang spricht Trummer vom verdeckten oder vulnerablen Typ.

Auch der verdeckte Narzisst braucht Bewunderung. Im Gegensatz zum grandiosen Narzissten fordert er diese aber nicht direkt ein. Vielmehr zeigt er sich bescheiden, freundlich, großzügig und altruistisch. Beruflich nimmt er oft eine führende Position in karitativen Einrichtungen, mitunter auch in Sekten, ein. "Der vulnerable Typ hat eine ausgeprägte Opfermentalität", so Trummer. Nichts desto trotz ist er ständig damit beschäftigt, sich ins beste Licht zu rücken. Er neigt zu Manipulation und weiß, wie man im Gegenüber Schuldgefühle auslöst. Heimlichkeiten und Lügen sind ihm nicht fremd.

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Dann wäre da noch der erfolglose Narzisst. Er hat sehr hohe Erwartungen und Ansprüche an sich und das Leben, denen er allerdings nicht gewachsen ist. Sein Leistungseinsatz ist eher gering. Dementsprechend wenig Erfolg erntet er in den meisten Bereichen seines Lebens. Beim erfolglosen Narzissten handelt es sich oftmals um Studienabbrecher. Nicht selten lehnt er eine Arbeitsstelle ab, weil sie ihm zu minder scheint. Stattdessen gibt er sich der Illusion hin, dass sein Potenzial früher oder später entdeckt werden und sich damit auch Erfolg und Reichtum einstellen würden. "Er lebt in einer Fantasiewelt, die mit der Realität in Widerspruch steht", so Trummer.

Woran erkenne ich einen Narzissten?

Wenn wir von Narzissten sprechen, so haben wir meist den grandiosen Narzissten vor unserem inneren Auge. Der grandiose Narzisst zeichnet sich vor allem durch eine hohe Selbstidealisierung und das starke Bedürfnis danach aus, bewundert zu werden. Seine berufliche Karriere ist meist von Erfolg gekrönt. Nicht selten bekleidet er eine Führungsposition. Was die persönliche Ebene betrifft, wirkt er oft arrogant und überheblich. Es mangelt ihm an Einfühlungsvermögen und auf Kritik reagiert er für gewöhnlich überempfindlich.

Wie erfolgt die Diagnose?

Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung kann anhand des amerikanischen Klassifikationssystemens DSM-V diagnostiziert werden. Um von einer solchen sprechen zu können, müssen mindestens fünf der folgenden neun Kriterien erfüllt sein. Die Person ...

  • hat ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit.
  • gibt sich Fantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Glanz und der idealen Liebe hin.
  • sieht sich als besonders und einzigartig und will auch nur mit anderen besonderen oder angesehenen Menschen oder Institutionen verkehren, da sie sich ausschließlich von ihnen verstanden glaubt.
  • verlangt nach übermäßiger Bewunderung.
  • legt ein Anspruchsdenken an den Tag, erwartet sich also beispielsweise eine bevorzugte Behandlung.
  • verhält sich in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch.
  • weist einen Mangel an Empathie auf.
  • ist oft neidisch auf andere oder glaubt, andere wären neidisch auf sie.
  • zeigt arrogante, überhebliche Verhaltensweisen oder Haltungen.

Diese Kriterien beschreiben in erster Linie den grandiosen Narzissten. Auf den vulnerablen treffen sie weniger zu, zeigt sich dieser doch sehr anpassungsfreudig und empfindsam. In seinen sozialen Beziehungen gibt Ängstlichkeit den Ton an. Scham ist sein ständiger Begleiter. Ebenso wie ein Gefühl der inneren Leere. "Während sich der grandiose Typ hinstellt und sagt 'Schau, wie toll ich bin', wertet sich der vulnerable selbst ab", so Trummer.

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In der Praxis habe sich allerdings gezeigt, dass narzisstisch gestörte Menschen sowohl über ein grandioses als auch über ein vulnerables Selbst verfügen. "Es ist, als würden sie eine Maske aufsetzen, je nachdem, in welchem der beiden Zustände sie sich gerade befinden", veranschaulicht die Psychologin, wobei eine der beiden Facetten dominant sei, sprich häufiger zum Vorschein käme als die andere.

Wie entsteht die narzisstische Persönlichkeitsstörung?

Man geht zwar davon aus, dass die Wurzel der Erkrankung in der elterlichen Erziehung liegt. Welche Art der Erziehung die Entstehung einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung fördert, darüber herrscht aber noch weitgehend Uneinigkeit. So nehmen die einen an, dass ein extrem verwöhnender Erziehungsstil Schuld an der Entstehung der Störung trägt. Auf diese Weise könne der Sprössling nie über die kindliche Grandiosität, die er in jungen Jahren naturgemäß erlebt, hinauswachsen.

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Andere wiederum meinen, dass der Erkrankung ein hochgradig manipulativer, kontrollierender und emotional verletzender Erziehungsstil vorausgeht. Um sich vor diesem zu schützen, entwickelt das Kind ein narzisstisches Verhalten, das es im Laufe der Zeit aber nicht mehr abzulegen schafft. Dann wiederum gibt es die Theorie, dass manche Eltern das selbstbezogene Verhalten ihres Kindes bewusst fördern. Dementsprechend selbstverständlich sei es für den Heranwachsenden im späteren Leben, andere Menschen auszubeuten, um an das eigene Ziel zu gelangen.

Ist Narzissmus genetisch bedingt?

Es besteht auch eine genetische Komponente. "Diverse Studien zeigen, dass sich Personen, die später an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden, bereits im Alter von drei Jahren aggressiv und oppositionell verhielten und eine reduzierte Impulskontrolle aufwiesen", so die Psychologin. Kommt nun ein extrem autoritärer Erziehungsstil - in erster Linie vonseiten der Mutter - in der frühen Kindheit und ein stark nachsichtiger im Jugendalter hinzu, so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich beim Betroffenen eine narzisstische Persönlichkeitsstörung entwickelt.

Wo liegt die Grenze zwischen gesundem Egoismus und Narzissmus?

"Wir leben in einer Gesellschaft, in der Menschen mit narzisstischem Verhalten gern gesehen werden", sagt Trummer. Weil sie eine hohe Leistungsmotivation, Führungswillen und den Mut, Entscheidungen zu treffen, besitzen. Gesunde narzisstische Menschen gestalten ihren Alltag, ihre Umgebung - ihr Leben - auf die für sie optimale Weise. Daher ist ihr subjektives Wohlbefinden sehr hoch. "Gesunder Egoismus bedeutet, gut auf sich zu schauen, ohne dabei jemand anderen zu verletzen", so die Therapeutin. "Narzissten dagegen schauen nur auf sich. Ob geschäftlich oder privat - es geht immer nur um die Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse. Das ist der große Unterschied."

Wie funktioniert Narzissmus und Beziehung?

"Narzissten geben in Liebesbeziehungen zu Beginn alles", sagt Trummer. Sobald sie sich aber ihres Partners sicher fühlen, kommt ihre dominante, mitunter sogar feindselige Art zum Vorschein. Oft ist auch Eifersucht im Spiel. Nicht zuletzt deshalb, weil der Betroffene den Partner zu kontrollieren versucht. "Er will ihm vorschreiben, was er anzuziehen, wie er seine Haare zu tragen hat", erläutert die Psychologin. Auf Kritik reagiert der Erkrankte gekränkt. In seinen eigenen Augen hat er keine Schwächen. Fehler machen nur die anderen. Dieses Bild versucht er mit aller Kraft aufrecht zu erhalten - weil das seine Strategie ist, sich zu schützen.

»Narzissten wollen keine Partnerschaft auf Augenhöhe. Sie wollen sich überlegen, mächtiger, größer fühlen«

Aufgrund der unrealistischen Selbsteinschätzung kommt es immer wieder zu Konflikten. Die fehlende Einsicht in die eigene Unvollkommenheit erschwert deren Lösung. Stattdessen klagt der Betroffene den Partner an, wertet ihn ab, straft ihn mit Liebesentzug oder reagiert schlicht und einfach mit Flucht, die nicht zuletzt auch in einen Beziehungsabbruch münden kann. Ein solcher kann aber auch einen anderen Grund haben: "Wenn ein Narzisst die Beziehung nicht mehr als zweckmäßig erlebt, dann kann es sein, dass er sie von heute auf morgen beendet", erklärt Trummer.

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Für Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung hat der eigene Nutzen oberste Priorität. Die fehlende Empathiefähigkeit tut ihr Übriges. Gelingen kann eine Beziehung dann, wenn der Erkrankte einen Partner findet, der sich aus freien Stücken unterordnet, es quasi als seine Aufgabe sieht, ihm zu dienen. Dabei handelt es sich oft um ängstliche Personen, die selbst an einem geringen Selbstwertgefühl leiden und folglich glauben, sie müssten sich die Liebe des Partners erst verdienen. "Narzissten wollen keine Partnerschaft auf Augenhöhe. Sie wollen sich überlegen, mächtiger, größer fühlen."

Wie kann man die Krankheit behandeln?

Ein guter Schritt wäre, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das tun aber die wenigsten Betroffenen - zumindest, was die grandiosen Narzissten anbelangt. Der Grund ist einfach: Ihnen ist nicht bewusst, dass sie krank sind. Sie meinen, mit ihnen wäre alles in Ordnung. "Wenn es zu Problemen kommt, dann sind die anderen daran schuld. Der grandiose Narzisst macht keine Fehler", veranschaulicht Trummer dessen Selbstwahrnehmung. Sucht er schließlich doch einen Therapeuten auf, so sind meist akute Krisen, wie etwa eine Scheidung oder ein Jobverlust, der Grund für diese Entscheidung.

»Der grandiose Narzisst will sich nicht verändern, weil er dann seine Schutzstrategien aufgeben müsste«

"Grundsätzlich will sich der grandiose Narzisst nicht verändern, weil er dann seine Schutzstrategien aufgeben müsste. Der Wille zur Veränderung ist aber eine Grundvoraussetzung für eine Psychotherapie", so die Therapeutin. Anders beim vulnerablen Typ, der sich seines niedrigen Selbstwertgefühls bewusst ist. Ziel der Therapie ist es, das Selbstwertgefühl des Betroffenen aufzubauen. Das gilt sowohl für den vulnerablen als auch für den grandiosen Typ. Schließlich sollte er lernen, seinen Selbstwert in Eigenregie zu regeln, ohne dabei auf die Bestätigung anderer angewiesen zu sein.

Nicole Trummer
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MMag. Nicole Trummer ist Psychotherapeutin, klinische Psychologin, Gesundheitspsychologin und Arbeitspsychologin mit Schwerpunkt unter anderem auf Depression, Stress, Ängste, Zwänge, Phobien und traumatische Erlebnisse. Hier geht es zu ihrer Homepage.


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