Lena Schilling: "Menschen machen Fehler, und da bin ich keine Ausnahme"

Der EU-Wahlkampf der Grünen ist außer Tritt geraten. Spitzenkandidatin Lena Schilling war mit schweren Vorwürfen in Medienberichten konfrontiert. Im Interview erklärt sie, warum sie ihre Chatnachrichten "nicht arg" findet, wenn man den Zusammenhang kennt, und wie sie weiterhin für "laute, goscherte" Klimapolitik kämpfen will.

von Lena Schilling © Bild: News/Matt Observe

Interviews in Printmedien benötigen eine gewisse Vorlaufzeit. In Ihrem Fall konnte man zuletzt nicht sicher sein, ob das Interview bei Erscheinen nicht von einer Skandalgeschichte über Sie überholt wird. Wie sicher sind Sie, dass das jetzt nicht der Fall ist?
Was wir in den letzten Wochen gesehen haben, ist jedenfalls außergewöhnlich. Auch der Chef des Presserats hat festgestellt, man müsse bewerten, was da gerade passiert. So etwas gab es einfach noch nicht, dass persönliche Chats aus meinem Privatleben, aus dem Zusammengang gerissen, verwendet werden. Mein Presseteam bekommt mittlerweile die absurdesten Fragen von Medien. Etwa ob ich das Lobau-Camp selbst angezündet hätte. Da weiß ich gar nicht mehr, was ich sagen soll.

Ab wann war Ihnen klar, dass da etwas kommt? Sie haben sich mit Teilen ihres Freundeskreises vor Monaten rund um die Entscheidung über ihre Kandidatur überworfen.
Für mich war diese Kandidatur ein großer Schritt. Ich war Aktivistin, die außerhalb des Parlaments auf der Straße steht und sich für etwas einsetzt. Ich habe in dieser Rolle die Grünen, weil ich mir von ihnen viel erwartet habe, oft kritisiert. Dann kam der Wandel zur Spitzenkandidatin. Ich habe schon gemerkt, dass es daran aus meinem persönlichen Umfeld Kritik gibt, dass Freundinnen, die in anderen Parteien organisiert sind, damit ein Problem haben. Aber ich habe nie gedacht, dass es so weit geht, dass solche Menschen Nachrichten an Medien weiterleiten und versuchen, daraus eine Geschichte zu machen.

Wie kann es sein, dass die Grünen von diesen Geschichten so sehr auf dem falschen Fuß erwischt wurden? Das Krisenmanagement ist misslungen, einzelne Aussagen in den Pressekonferenzen waren zum Fremdschämen, und man musste sich entschuldigen.
Der Chef des Presserats hat gemeint, diese Situation ist Neuland. Daher kann man sich auch nicht auf sie vorbereiten. Und selbst wenn – was hätte das denn bedeutet? Dass ich im Vorfeld jeden Chat, den ich in den letzten fünf Jahren mit anderen Menschen geschrieben habe, anschauen müsste und überlegen: Was könnte jemand, der das jetzt gerade nicht gut findet, an die Medien schicken? Natürlich nicht. Wofür ich sehr dankbar bin, ist, dass sich die Grünen so geschlossen hinter mich gestellt haben. Das hätte ganz anders sein können. Das ist ein extrem wichtiges Signal. Wenn man als junge Frau, als junger Mensch in die Politik geht, dann ist es einfach härter. Was mir passiert ist, wäre sicher bei anderen Leuten nicht passiert. Da braucht es das klare Signal zu sagen: Ja, junge Menschen sollen in die Politik. Wir brauchen die jungen Menschen, die auf die Straße gegangen sind, auch im Parlament. Und ja, wir sind Menschen, wir haben alle Fehler. So what? Ich habe mich für Fehler, die ich in meinem persönlichen Umfeld gemacht habe, auch entschuldigt. Die Kränkungen, die entstanden sind, tun mir leid.

Mindestens empörend war es, dass Generalsekretärin Olga Voglauer bei einer Pressekonferenz den SPÖ-Spitzenkandidaten Andreas Schieder ins Verschwörereck gerückt hat. Wie kommt er eigentlich dazu?
Sie hat sich dafür entschuldigt, ich finde, das sollte man anerkennen. Ich habe noch in der Pressekonferenz klargestellt, dass ich diese Tangente nicht sehe. Menschen, die früher in meinem Umfeld waren und wo es einen Zusammenhang mit den Geschichten über mich gibt, sind in anderen Parteien engagiert. Aber so hätte man das nicht formulieren sollen. Andreas Schieder hat mit der Sache natürlich nichts zu tun.

Lena Schilling
© News/Matt Observe
Die gebürtige Wienerin kommt aus einem politischen Elternhaus. Schon als Kind war sie daher bei Demonstrationen gegen die schwarz-blaue Koalition der 2000er-Jahre dabei. Erstmals politisch aktiv wurde Schilling als Klimaaktivistin bei Fridays For Future. Sie ist Mitbegründerin des Jugendrats und war bei den Protesten gegen den Lobautunnel aktiv. Im Jänner wählten die Grünen Schilling zur Spitzenkandidatin bei der EU-Wahl. Seit Mai ist sie Parteimitglied.

Es geht bei Ihrem Fall um Vertrauen und persönliche Enttäuschungen. Was bedeutet Vertrauen für Sie?
Vertrauen bedeutet, dass ich mich auf Menschen verlassen kann. Dass ich ein Mensch sein kann, der Fehler hat, manchmal schwach ist, nicht immer perfekt ist, nicht immer funktioniert. Der mal traurig ist, mal müde, mal überdreht. Dass ich all diese Eigenschaften, die zum menschlichen Repertoire gehören, mit einer Person teilen kann. Es gibt Menschen, die mich weiter begleiten, das ist in diesen Tagen wahnsinnig viel wert. Ich finde gerade auch neue Vertraute. Aber das ist im politischen Geschäft offensichtlich nicht so einfach.

Hat sich der Kreis der Vertrauten eingeengt?
Jedenfalls verändert. Ich habe in den letzten Tagen viel mit Menschen auf der Straße geredet. Da sagen mir viele: "Um Gottes Willen, wenn man meine Chats mit meiner besten Freundin veröffentlichen würde, hätten wir ein Problem." Es ist eine Lehre für mich und viele Menschen, dass wir in unserer Kommunikation aufpassen.

Ganz offensichtlich haben Sie auch Vertrauen enttäuscht. Beschäftigt Sie das?
Das muss man trennen. Einerseits ist Vertrauen in zwischenmenschlichen Beziehungen manchmal belastet. Auch in meinem Freundeskreis. Das ist aber mein Privatleben. Ich wehre mich dagegen, das in der Öffentlichkeit auszubreiten. Das ist die Vertrauensfrage, die bei mir liegt, mit der ich mich persönlich beschäftige, die mir aber auch ganz persönlich gehört. Eine andere Frage ist jene des politischen Vertrauens.

Wie angeschlagen ist dieses?
Um dieses werde ich jedenfalls kämpfen. Ich glaube, dass es ganz, ganz wichtig ist, eine andere Art von Fehlerkultur zu etablieren und auch offen zu sagen, ja, ich bin eine 23-jährige Frau. Ich habe Fehler gemacht, auch in zwischenmenschlichen Beziehungen. So wie andere Menschen auch. Menschen machen Fehler, und da bin ich keine Ausnahme. Das darf so sein. Jetzt möchte ich mich wieder auf die Fragen konzentrieren, die wichtig für unsere Zukunft sind. Ich stehe ganz genau so mit brennendem Herzen für dieselben Themen wie früher. Ich habe angekündigt, dass ich wie eine Löwin kämpfen werde, und ich werde das weiterhin machen. Es geht um nichts anderes als die Zukunft der nächsten Generationen. Die Art, wie wir leben. Die Frage, ob wir eine Demokratie haben. Und die Frage, ob wir die Klimakrise in den Griff bekommen. Am Ende des Tages geht es darum, dass ich zeigen kann, für welche Politik ich stehe: starke, mutige, laute, goscherte Klimapolitik. Für ein soziales, gerechtes, feministisches Europa.

Das Europäische Parlament gilt als Arbeitsparlament. Man muss kompromissfähig und verhandlungssicher sein. Das ist das Gegenteil von laut und goschert. Liegt Ihnen das, um jeden Beistrich zu ringen?
Das Schöne ist, dass wir als Menschen an Dingen wachsen. Parlamente sollen genau der Ort sein, wo Menschen mit Haltung, Verstand und Herz sich für Dinge einsetzen und darum kämpfen: um jeden Beistrich, um jeden Kompromiss, um jede Verbesserung. Ich war in den letzten Jahren nicht immer nur goschert und auf der Straße, sondern es gab auch stundenlanges, basisdemokratisches Organisieren bei drei Grad in Zeltlagern. Dass ich auch durchhalten kann, wenn es mühsam ist, habe ich bewiesen. Aber klar habe ich viel Respekt vor der Aufgabe. Ich gehe da nicht hin und sage, ich mache das mit links. Aber, wenn wir, die wir in 150 Ländern gemeinsam für die Klimabewegung auf die Straße gegangen sind, es nicht tun, wer dann?

Wie viel wird nach der EU-Wahl vom Green Deal übrig bleiben? Die EVP kratzt an früheren Beschlüssen. ÖVP-Kandidat Reinhold Lopatka will die EU gar zum Weltmarktführer bei Verbrennermotoren machen.
Der 9. Juni wird richtungsentscheidend dafür sein, ob wir Klima- und Sozialpolitik machen oder ob wir eine EVP haben, die den Verbrennermotor forciert, ob rechte Parteien stärker sind, die mutmaßlich Geld von China nehmen, wie man es Maximilian Krah von der AfD vorwirft, oder einen Harald Vilimsky, der Viktor Orbán zum Kommssionspräsidenten machen will. Mit jeder Stimme geht es darum, ob am Ende die Progressiven, Mutigen stark sind, die an einer guten Zukunft Europas arbeiten wollen, oder eben nicht.

Nicht nur in Österreich ist das Vertrauen in die Politik am Tiefpunkt. Wie kommt die Glaubwürdigkeit in die Politik zurück?
Das ist wie in jeder Beziehung und in jeder Freundschaft: miteinander reden und zuhören. Sich zusammensetzen, über Dinge streiten, sie ausdiskutieren, Konflikte aushalten, Verständnis füreinander haben, sich in die Situation des anderen versetzen. Im politischen Kontext heißt das, Foren zu schaffen, wo Menschen nicht nur mal zu einem Partizipationsprojekt sprechen, sondern wirklich Möglichkeiten zur Beteiligung haben. Ich habe vor, ein Jugendbeteiligungsprojekt zu starten, wo junge Menschen zusammenkommen, um Gesetzesvorschläge, die im EU-Parlament behandelt werden, zu diskutieren. Junge Menschen können mir Stellungnahmen schicken. Ich werde versuchen, alles, was von ihnen kommt, ins Parlament zu tragen. Ich merke auf der Straße: Die Leute kommen und plaudern mit mir.

Worüber?
Über Klimapolitik, den Verbrennermotor, darüber, wie sie von A nach B kommen. Es gibt aber auch welche, die fragen ganz einfach: "Frau Schilling, wie geht es Ihnen?" Es gibt ein ganz basales Verständnis dafür, dass man miteinander redet. Werde ich das mit acht Millionen Österreicherinnen und Österreichern machen können? Nein. Aber wir versuchen, möglichst gute Methoden für den Austausch zu entwickeln. Ich glaube, das Problem ist, dass alte Politik lange so verstanden wurde: Man wählt Parlamentarier, die tun dann irgendwas, und man liest darüber in den Medien. Ich komme von woanders. Von dort, wo Politik heißt, auf der Straße zu stehen, in der Schule Referate zu halten, zu diskutieren und zu streiten, welches Thema man beim nächsten Klimastreik in den Vordergrund stellt. Politik ist so viel mehr als nur Menschen, die gewählt sind, viel Geld kriegen und dann weg sind. Ich will dann nicht einfach plötzlich jemand anders sein. Für mich ist klar: Gemeinsam kann man richtig etwas bewegen.

Politiker sollen Vorbilder sein. Ist dieser Anspruch zu hoch? Man bekommt eben Menschen mit ihren Fehlern.
Das finde ich eigentlich auch schön. Ja, ich bin ein total normaler Mensch mit Bedürfnissen, Fehlern und Stärken. In diesem Gesamtpaket werde ich mein Allerbestes tun. Dieses Versprechen kann ich geben.

Auch Sie werden die Berichte über Chats z. B. von Thomas Schmid und diversen türkisen Politikern verfolgt haben. Haben Sie sich da nie gedacht: "Pass lieber auf, was du schreibst"?
Ich hatte ja nicht vor, in die Politik zu gehen. Ich finde, es ist schon ein Unterschied, ob ich in einer Entscheidungsposition bin oder nicht. Und es ist schon ein Unterschied zwischen privatesten Nachrichten, die irgendwie lustig gemeint sind, und Chats, wo sich Leute aus einer Machtposition heraus Jobs zuschanzen.

Das sah in Ihrem Fall nicht jeder so.
Die Chats, die da öffentlich gemacht wurden, die finde ich nicht arg. Ja, ich hab jahrelang mit den Grünen gekämpft, weil ich total viel von ihnen erwartet habe, dann waren sie mit der ÖVP in der Regierung, und mir ist zu wenig weitergegangen. Dass ich auf die Frage "Fühlst du dich als Grüne?" schreibe: "Nein, aber vielleicht kann ich es lernen", war natürlich flapsig. Und das "Ich habe nie jemanden so sehr gehasst wie die Grünen" – wenn man von jemandem viel erwartet, dann ist da auch viel Emotion. Ich finde, das kann man verstehen, wenn man den Zusammenhang sieht. Wenn man nur ein Schnipsel präsentiert bekommt, klingt es hart. Und ich hätte nicht gedacht, dass es arg ist, das in einer losen Unterhaltung mit einer engen Freundin zu besprechen.

Die zweite Nachricht, die kursiert …
Ich habe nie überlegt, zur Linksfraktion zu wechseln. Das ist einfach Blödsinn. Nachdem ich gesagt habe, ich will kandidieren, war ich viel in den Bundesländern bei den Landesorganisationen der Grünen unterwegs. Ich habe mich vorgestellt und meine Positionen erklärt. Alle sollten wissen, wer die Quereinsteigerin ist und was sie will. Das war ganz anders, als radikale Forderungen mit lustigen Aktionen zu verfolgen, den Opernball zu stören oder mit frechen Schildern vor dem Parlament zu stehen. Darum habe ich geschrieben "Nach der Wahl darf ich wieder ein bisschen lustig sein". Ich hätte darin kein Problem gesehen, aber natürlich verstehe ich, dass das ohne Kontext anders gewirkt hat.

»Wenn irgendwer einen Blödsinn schreiben will, wird man irgendwas finden«

Ich nehme an, Sie haben ihre Chat-Nachrichten alle noch einmal gelesen. Kommt noch was?
Aus dem Bauch heraus würde ich sagen: Nein. Aber ich habe schon vorher nicht gedacht, dass so was kommt. Darum bin ich vorsichtig. Ich würde lieber über politische Themen reden als mir Gedanken zu machen, welche Chats irgendjemand verwenden könnte. Wenn irgendwer einen Blödsinn schreiben will, wird man irgendwas finden. Ich habe mich für meine Fehlbarkeit entschuldigt. Enge Freundinnen und Freunde haben versucht, meinen Wahlkampf zu diffamieren und zu sabotieren, was sie ein Stück weit auch geschafft haben. Ich schaue nach vorne, stelle mich auf die Straße, quatsche mit Leuten und erkläre in Elefantenrunden, warum Klimaschutz, Feminismus und soziale Gerechtigkeit wichtig sind.

Okay, schauen wir nach vorne. Die ÖVP steht bei Klimapolitik auf der Bremse. Sollen die Grünen mit ihr noch einmal in eine Regierung gehen?
Die Frage stellt sich jetzt nicht. Für mich ist jetzt wichtig, dass das Europaparlament eines wird, das etwas weiterbringt. Dass wir das Renaturierungsgesetz durchbringen, die Böden, das Wasser schützen. Dass wir uns Gedanken machen, wie wir Kinderarmut bekämpfen. Dass wir 2024, fucking 2024, dafür sorgen, dass Frauen für ihre Arbeit dasselbe Geld kriegen wie Männer. It could be that easy. Ist es nicht. Die Nationalratswahl fühlt sich für mich sehr weit weg an. Auch wenn sie das natürlich eigentlich nicht ist.

Wie kommunizieren Sie eigentlich jetzt mit Ihrem Umfeld? Selbstlöschende Brieftauben?
(Lacht.) Das sollte ich mir überlegen. Tatsächlich sind meine Tage derzeit so dicht, dass ich eh fast nur mit meinen Pressesprecher und meinem Team kommuniziere. Wir telefonieren viel.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 22/2024 erschienen.