Kathrin Gulnerits
©Matt ObserveÖsterreich will Innovationsland sein und investiert dafür viel. Doch ohne Gründergeist und Risikokapital wird es kein Unternehmerland. Es braucht mehr Mut zum Risiko – bei Gründern ebenso wie bei Investoren.
Vorne mitspielen. Weltspitze sein. Auch Österreich will das. An den Forschungsausgaben allein kann es kaum liegen: Mit 3,34 Prozent des BIP gehört Österreich 2026 zur europäischen Spitze. Gerade wurde wieder ein österreichischer Erfolg gefeiert: Die Universität Wien ist im Shanghai-Ranking Österreichs Nummer eins. Das international viel beachtete Ranking bewertet u. a. Forschungsleistung, Publikationen, Zitationen und wissenschaftliche Auszeichnungen. Weniger Aufmerksamkeit bekam, wo Österreichs beste Universität im internationalen Vergleich steht: in der Gruppe 101 bis 150. Keine 500 Kilometer weiter, in München, liegen die TUM auf Platz 45 und die LMU auf Platz 49.
Rankings kann man relativieren. Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner sagte vor einem Jahr: „Ich sehe diese Uni-Rankings kritisch.“ Der Rektor der Universität Wien, Sebastian Schütze, hält dagegen. Es mache für Österreich einen „Riesenunterschied“, ob eine Universität unter den Top 100 liege. Wer die besten internationalen Studierenden und Forscher anziehen wolle, müsse zur Kenntnis nehmen, dass diese sehr wohl auf Rankings schauen.
Einmal gescheitert – ewig gescheitert?
Österreich vergleicht sich gerne mit Deutschland. Besonders beliebt ist die Zehnerformel: Deutschland hat grob zehnmal so viele Einwohner, also teilt man deutsche Zahlen durch zehn. Der Vergleich hinkt oft, bemüht wird er trotzdem gerne – besonders, wenn Österreich dabei gut aussieht.
Beim Gründen fällt er weniger schmeichelhaft aus. In Deutschland wurden im ersten Halbjahr 2026 3.053 Start-ups gegründet – ein Rekord. Umgelegt auf Österreich wären das mehr als 600 Gründungen im Jahr. Tatsächlich haben sich die Start-up-Neugründungen laut Austrian Start-up Monitor bei rund 270 jährlich eingependelt. Eins zu eins vergleichbar sind die Zahlen nicht. Aber während die Gründungsdynamik in Deutschland anzieht, ist in Österreich ein vergleichbarer Aufschwung nicht zu erkennen. Vielleicht fehlt es nicht an Ideen, sondern an Gründergeist?
Gründergeist zeigt sich dort, wo Menschen bereit sind, etwas zu riskieren: beim Forscher, der die Universität verlässt, beim Angestellten, der eine sichere Karriere gegen eine ungewisse Gründung tauscht, beim Unternehmer, der eigenes Geld in eine Idee steckt. Dazu gehört auch der Umgang mit dem Scheitern. Einmal gescheitert – ewig gescheitert? Österreich mangelt es offenbar nicht an Selbstvertrauen. 55,4 Prozent der Befragten glaubten 2024, über die nötigen Fähigkeiten und Kenntnisse für eine Gründung zu verfügen. Tatsächlich gründen wollten innerhalb der nächsten drei Jahre aber nur 7,5 Prozent – der vorletzte Wert unter 21 untersuchten europäischen Ländern. Jene, die gute Chancen erkennen, hält rund 44 Prozent die Angst vor dem Scheitern aber davon ab.
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Das Geld der anderen
In München sieht man, wie private Unternehmer eine Gründerkultur mitprägen können. Auch dort fließt öffentliches Geld. Doch daneben stehen Unternehmen, Investoren und Family Offices. Das prominenteste Beispiel ist Susanne Klatten. Die BMW-Großaktionärin gründete 2002 die gemeinnützige UnternehmerTUM und unterstützt sie bis heute mit eigenem Geld. 2025 spendete sie knapp 2,95 Millionen Euro. Für eine Frau mit Klattens Vermögen ist das verkraftbar. Interessanter ist die Haltung dahinter: Eine Unternehmerin setzt privates Vermögen dafür ein, dass andere Unternehmer werden können. Klatten ist dabei kein Einzelfall. Insgesamt erhielt UnternehmerTUM 2025 rund 8,27 Millionen Euro an Schenkungen und Zuwendungen.
Österreich will Innovationsland sein. Es muss aber auch Unternehmerland werden
Ein österreichischer Unternehmer fasst zusammen, was München aus seiner Sicht erfolgreich gemacht hat: „Kopierbar? Vielleicht. Es brauchte eine Universität mit unternehmerischem Anspruch, private Unternehmer wie Susanne Klatten und ein wirtschaftliches Umfeld, das bereit ist, mitzuziehen.“
Und Österreich? Im ersten Halbjahr 2026 flossen 472 Millionen Euro in österreichische Start-ups. 64 Prozent davon entfielen auf Finanzierungsrunden mit ausschließlich internationalen Investoren, nur fünf Prozent auf rein österreichisch finanzierte Runden. Heimische Geldgeber sind an vielen Finanzierungen beteiligt. Doch je größer die Runde, desto dünner wird ihre Präsenz. Die OECD beziffert Venture-Capital-Investitionen in Österreich 2024 auf 0,02 Prozent des BIP, gegenüber 0,06 Prozent im EU-Durchschnitt. Die Bundesregierung hat das Problem erkannt. 2027 soll ein Fonds starten, der privates Wachstumskapital mobilisieren soll. Bis zu 100 Millionen Euro stellt der Bund bereit, insgesamt sollen 500 Millionen Euro zusammenkommen. Das Muster ist bekannt: Um mehr privates Risikokapital in Bewegung zu bringen, muss zunächst der Staat Geld auf den Tisch legen.
Eine Gesellschaft kann Milliarden in Forschung investieren, Institute errichten und Gründerzentren fördern. Am Ende muss trotzdem jemand sagen: Ich gründe. Ich investiere. Ich nehme das Risiko. Und wenn es nicht funktioniert, versuche ich es noch einmal. Das Problem ist nicht, dass Österreich zu wenig innovativ ist. Sondern, dass aus Innovation zu selten Unternehmertum wird. Österreich will Innovationsland sein. Es muss aber auch Unternehmerland werden. Die Wegstrecke bis dahin ist noch lang.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 36/2026 erschienen.
