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Luca Ferrari: Der Mann mit der Matrix-Methode

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Luca Ferrari©Blending Spoons

Als das oberösterreichische Haustier-Tracking Start-up Tractive im März um 770 Millionen Euro verkauft wurde, feierte Österreich seinen historisch größten Exit. Aufregend. Die noch spannendere Geschichte findet sich beim Blick auf den Käufer, Luca Ferrari. Er baut eine völlig neue Art von Technologie-Konzern inspiriert vom Kultfilm Matrix.

Ein Gespräch mit Luca Ferrari über Erfolg birgt ein markantes Bekenntnis. „Ich bin dauerhaft unzufrieden“, sagt der CEO von Bending Spoons im Podcast „Invest Like the Best“.

Daran hat vermutlich auch der erfolgreiche Börsengang von Bending Spoons Anfang Juli nichts geändert. Er brachte dem italienischen Tech-Unternehmen rund 1,68 Milliarden US-Dollar und eine Anfangsbewertung an der US-Technologiebörse Nasdaq von rund 18,4 Milliarden US-Dollar.

Permanente Unzufriedenheit

Bending Spoons sammelt seit 2023 digitale Schwergewichte: die Notizen-App Evernote, die Kontaktbörse Meetup, den Datentransfer-Anbieter WeTransfer, den Routenplaner Komoot, das Videoportal Vimeo, die Eventmanagementfirma Event­brite, das Webportal AOL und den oberösterreichischen Haustier-Tracking-Dienst Tractive.

Die ambitionierte Akquisitionsstrategie ist überwiegend fremdfinanziert und der Kern von Ferraris Business-Mindset: Wo andere bereits einen Erfolg sehen, erkennt er eine Zwischenversion. Wo Unternehmen sich auf ihrem Höhepunkt wähnen, beginnt für ihn die Arbeit. Seine permanente Unzufriedenheit beschreibt der 41-Jährige als Motor seines Geschäfts. Die Unzufriedenheit zwinge ihn, genau hinzusehen und nie davon auszugehen, dass ein Produkt seine bestmögliche Version bereits erreicht hat.

Tractive schreibt Geschichte

Auch das oberösterreichische Start-up Tractive schien am Höhepunkt des Erfolgs angekommen, als CEO Michael Hurnaus im Frühjahr den Verkauf an Bending Spoons bekannt gab. Der Exit um umgerechnet 770 Millionen Euro wirkte wie der Gipfel einer österreichischen Rekordgeschichte. 2012 in Pasching gegründet, entwickelt Tractive zunächst einen GPS-Tracker für Hunde. Daraus entstand innerhalb weniger Jahre ein globales Technologieunternehmen für Haustiere.

Über eine Million Abonnenten verfolgen über die App den Standort ihrer Hunde oder Katzen, analysieren deren Aktivität und Gesundheitsdaten oder erhalten Warnungen, wenn ihr Tier einen definierten Bereich verlässt. Das Unternehmen wuchs auf mehr als 100 Millionen Euro Jahresumsatz, beschäftigt heute rund 300 Mitarbeitende und verkauft seine Produkte in 175 Ländern. Als der Verkauf ab Bending Spoons bekannt wurde, richtete sich die Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf die Kaufsumme.

Der Käufer Bending Spoons sagt außerhalb der Technologieszene kaum jemandem etwas. Das Unternehmen tritt selten öffentlich auf. Sein Gründer noch seltener. Während amerikanische Tech-Unternehmer ihre Visionen auf Bühnen inszenieren oder über soziale Netzwerke ihre Gedanken verbreiten, gibt Luca Ferrari selten Interviews. Selbstdarstellung interessiert ihn wenig. Doch die Übernahmen sprechen für Ferraris Geschäftsidee.

Unternehmen von Grund auf neu denken

Evernote. WeTransfer. Vimeo. Tractive: Auf den ersten Blick verbindet diese Unternehmen wenig. Eine Notizen-App, ein Datenversand, eine Videoplattform oder eine Haustier-Tracking-App haben kaum gemeinsame Märkte. Für Ferrari haben sie dieselbe Geschichte. Er kauft Unternehmen mit treuen Nutzern, starken Marken und erheblichem Entwicklungspotenzial.

„Wir versuchen, ein Unternehmen von Grund auf neu zu denken, als wäre es nicht da. Dann konzipieren wir es neu und bauen es neu auf, als seine leistungsstärkste und erfolgreichste Version“, beschreibt der CEO des Unternehmens, das 2025 einen Umsatz von 1,31 Milliarden US-Dollar verbuchte, im US-Branchenmedium Axios seinen Blick auf Märkte. Der Ursprung dieser Sichtweise liegt Jahre zurück und weit weg vom Silicon Valley.

Schlaflos in Indonesien

Nach erfolgreich abgeschlossenen Studien reisen drei junge Italiener im Jahr 2010 mit Rucksäcken durch Südostasien. Luca Ferrari hat Ingenieurwissenschaften studiert. Auf der indonesischen Insel Lombok diskutiert er mit Francesco Patarnello und Matteo Danieli bis tief in die Nacht über die Zukunft. Sie sind erschöpft vom Reisen, doch ihre Ideen lassen sie nicht schlafen. So beschreibt es Ferrari im Nasdaq Emissionsprospekt zum Börsengang.

Zwei Monate später steht ihr erstes Start-up, eine Smartphone-App, die mittels KI für den Nutzer ein Tagebuch erstellt. Die Idee scheitert. Die Lehren daraus überleben. 2013 gründen Ferrari und seine Freunde in Kopenhagen – wo Ferrari einen weiteres Studium, Telekommunikationstechnik, abschließt – Bending Spoons.

Den Name borgen sie sich nicht zufällig aus dem visionären Film Matrix. Darin erklärt ein kleiner Junge dem Protagonisten Neo, wie man in der Matrix einen Löffel verbiegt. „Es gibt keinen Löffel“, ist der magische Satz. Er bedeutet, dass in der Matrix die Welt nur eine virtuelle Simulation ist. Begreift man dies, wird Veränderung möglich. Ferrari baute daraus die Unternehmensphilosophie, mit der er alle Akquisen neu denkt.

„Das Unternehmen ist das Produkt“

Den CEO von Bending Spoons einfach für einen klugen Sanierer zu halten, wäre ein Missverständnis. Er möchte eine Organisation schaffen, die immer besser darin wird, Unternehmen zu optimieren. Wie Steve Jobs den Computer neu erfinden wollte, Reed Hastings das Fernsehen und Brian Chesky das Wohnen auf Reisen, hat sich Ferrari eine völlig neue Organisation zum Ziel gesetzt. Dass er zwischendurch bei McKinsey arbeitete, das mag geholfen haben.

Sein Geschäftsmodell beschreibt der Sohn eines Friseurehepaars aus einem kleinen Ort bei Verona als Mischung aus Private-Equity-Unternehmen und Technologiekonzern. „Das Unternehmen ist das Produkt“, lautet das Motto. Eine „alltime great company“ ist sein Ziel. Die harte Arbeit der Eltern und die Lehren aus wiederholtem Scheitern haben ihn geformt, sagt er im Podcast Global Talent. Gleichzeitig träumt er seit der Kindheit davon, etwas Dauerhaftes, Großes zu schaffen. Seine Vorbilder sind Elon Musk, Jeff Bezos, Warren Buffet und Hermann Hesses Siddharta.

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Das Tractive Management-Team (v. li.): CMO Martin Theißen, COO Wolfgang Reisinger, CTO Dominik Hurnaus, CEO Michael Hurnaus.

 © Tractive

Mitarbeiter machen den Unterschied

Auf Luca Ferraris Profil des internen Kommunikationssystems Slack stand lange Zeit nicht CEO. Er firmierte als Recruiter. Der Personalverantwortliche. Rund die Hälfte seiner 70 Wochenstunden Arbeitszeit verbringe er damit, außergewöhnliche Menschen zu finden, erzählt er im Podcast „Invest Like the Best“. Er führt Bewerbungsgespräche, entscheidet bei Schlüsselpositionen persönlich. Außergewöhnliche Mitarbeiter hält er für die knappste Ressource überhaupt. Kapital lässt sich aufnehmen. Technologie kaufen. „Die Mitarbeiter sind unser Wettbewerbsvorteil“, sagt er.

Dass er meint, diese ausgerechnet in Mailand zu finden, ist kein Zufall. Zwar kritisierte er gegenüber Reuters italienische Bürokratie und Regulierungen, doch fiel die Entscheidung für den Firmensitz nicht aus romantischen Gründen. Mit seinen Mitgründern verglich er rund 20 weltweite Städte und prüfte vorhandenes Talent, den Wettbewerb um Mitarbeiter und die Lebensqualität bevor Mailand gewann. „Die hohe Lebensqualität und die Konzentration erstklassiger Universitäten bieten enormes Potenzial“, erklärt er.

Unser Playbook ist seit 2013 unverändert: Akquise, Transformation, gefolgt von Reinvestition

Luca Ferrari

Offen gibt er zu, wie er Mitarbeiterführung auf dem harten Weg lernte. Als junger Geschäftsführer sei er Konflikten aus dem Weg gegangen sei. Dieser Fehler kostete Geld, erkannte er im Rahmen von Feedbackschleifen. Er habe gelernt, dass Führung nicht Harmonie, sondern Klarheit bedeutet, auch wenn dies manchmal schmerze, beschreibt er im Podcast. Die dichten Akquisen der letzten Jahre beweisen seinen Fortschritt diesbezüglich.

„Unser „Playbook“ (Akquise, Transformation und Optimierung, gefolgt von Reinvestition) ist seit 2013 im Wesentlichen unverändert geblieben. Was sich jedoch erheblich weiterentwickelt hat, ist unser Verständnis davon, was für eine erfolgreiche Umsetzung erforderlich ist. Eine effektive Umsetzung hängt letztlich von drei Faktoren ab: den Mitarbeitern, unseren eigenen Technologien und unseren eigenen Daten“, beschreibt Ferrari im Emissionsprospekt.

Harter Transformationsprozess

Unternehmen werden nach Umsatzströmen und großen Nutzercommunities gescannt und ihr Potenzial für technologische Optimierung evaluiert. Künstliche Intelligenz spielt im Prozess eine wesentliche Rolle. Ihr Einsatz steigert die Effizienz der Prozesse bei Bending Spoons und ist maßgeblich für die Produktivitätssteigerung der gekauften Unternehmen. So lassen sich ineffiziente Preismodelle aufspüren, Sparmöglichkeiten in Betriebsprozessen und Personalstruktur oder Optimierungsmöglichkeiten durch technische Modernisierung. Dieser Transformationsprozess veränderte alle Unternehmen nach der Übernahme durch Bending Spoons.

Auch für Tractive bedeutet er eine Kündigungswelle. In Oberösterreich trifft es über die Hälfte der Belegschaft. Die Phase der Reinvestition, mit der erworbenen Unternehmen in eine langlebige Zukunft geführt werden, bleibt jenen vorbehalten, die vom Recruiter das Prädikat außergewöhnlich erhalten.

Laut dem Emissionsprospekt für den Nasdaq-Börsengang erhielt Bending Spoons im Jahr 2025 mehr als 800.000 Bewerbungen. Das 44-köpfige Talent-Team aus Recruitern, Softwareingenieuren, Data Scientists und KI-Forschern stellte 286 der Bewerber ein.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 33+34/2026 erschienen.

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