In der Klasse der US-Multimilliardäre tritt ein neuer Frauentyp immer selbstbewusster auf: Selfmade-Milliardärinnen, Erbinnen, aber auch Ex-Gattinnen oder Witwen, die das oft auch gemeinsam erwirtschaftete Geld ihrer Ex-Männer dazu einsetzen, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen und den Schaden, den diese verursacht haben, etwas zu korrigieren.
In der Klasse der US-Multimilliardäre tritt ein neuer Frauentyp immer selbstbewusster auf: Selfmade-Milliardärinnen, Erbinnen, aber auch Ex-Gattinnen oder Witwen, die das oft auch gemeinsam erwirtschaftete Geld ihrer Ex-Männer dazu einsetzen, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen und den Schaden, den diese verursacht haben, etwas zu korrigieren.
Millionen TV-Zuseher folgen Molly Wells jede Woche auf Apple-TV. Die hat die Ehe mit einem milliardenschweren Tech-Oligarchen erfolgreich hinter sich gelassen, genießt Villa, Jet und Designerfashion, hat 87 Milliarden Dollar Abfertigung auf dem Konto – und langweilt sich. Bis sie zur Philanthropin wird und mit ihrem Geld möglichst alles unterstützt, was ihren Ex auf die Palme bringt.
„Reich!“ heißt die TV-Serie. Und sie ist gar nicht so fiktiv, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat. Denn es gibt sie wirklich, diese superreichen Frauen, die nach Scheidung oder durch den Tod des Milliarden Dollar schweren Gatten solo, aber mit voller Brieftasche, auf der Suche nach Sinn im Leben sind.
Radikale Umverteilerin: MacKenzie Scott
MacKenzie Scott hat seit der Scheidung von Amazon-Gründer Jeff Bezos im jahr 2019 26,4 Milliarden Dollar für 2.500 Projekte gespendet.
© ZUMA PressEine dieser Frauen ist MacKenzie Scott, die ExFrau von Amazon-Gründer Jeff Bezos. Während er phallische Raketen baut und damit seine neue Gattin samt Freundinnen ins Weltall befördert, hat sie alleine im Vorjahr laut Wirtschaftsmagazin Forbes 7,2 Milliarden Dollar für wohltätige Zwecke verschenkt – mehr als die Milliardäre Elon Musk, Larry Page, Larry Ellison oder ihr Ex zusammen in ihrem ganzen Leben für philanthropische Projekte gegeben haben. Seit ihrer Scheidung 2019 hat sie unglaubliche 26,4 Milliarden Euro für mehr als 2.500 Projekte gespendet, vorwiegend an Organisationen, die sich unter anderem um non-binäre Personen oder Migranten kümmern oder um eine Verbesserung der Frauenrechte kämpfen.
Sie hat dabei mit der traditionellen Logik von Stiftungen bewusst gebrochen und sich gegen langfristige bürokratische Förderstrukturen und für eine Strategie der maximalen Geschwindigkeit entschieden. Sie gibt oft große Summen ohne Zweckbindung an Organisationen, denen sie vertraut. Scott begründet das mit der Überzeugung, dass diejenigen vor Ort besser wissen, was gebraucht wird. In ihren regelmäßig erscheinenden Online-Essays begründet sie das mit ihrer eigenen Lebensgeschichte. Ohne die 1.000 Dollar, die ihr eine Kommilitonin während des Studiums ohne Bedingungen geborgt hat, hätte sie ihr Studium nicht abschließen können. Das, so Scott, habe sie nachhaltig geprägt. Sie glaubt auch, dass Menschen, die konkrete Probleme lösen, keine zusätzlichen Hürden durch Kontrolle und Bürokratie brauchen.
Damit verschiebt sie bewusst Macht. Anders als die ultrareichen Tech- und Handelsmilliardäre, die ganz ungeniert eine umfassende, weltweite Kontrolle über ganze Wirtschafts- und Lebensbereiche anstreben, stärkt sie die Autonomie der Empfänger. Damit ändert sie auch die Art und Weise, wie Entscheidungen in diesen Organisationen getroffen werden, nämlich in einem offenen Dialogprozess und nicht von oben herab von einem Stiftungsratsvorsitzenden bestimmt. Also so ziemlich das Gegenteil dessen, was ihr Ex im weltweiten Onlinehandel und KI-Business anstrebt.
Clevere Strategin: Melinda Gates
Dass ein dickes Bankkonto Frauen eine besondere Macht verleiht, weiß auch Melinda French Gates. Seit 2021 ist sie von Microsoft-Gründer Bill Gates geschieden. Bereits als sie noch mit ihm verheiratet war, war sie bis 2024 die treibende Kraft hinter der Milliarden Dollar schweren Bill & Melinda Gates Foundation. Seit 2022 betreibt sie mit Pivotal Ventures ihr eigenes, rund sieben Milliarden Dollar schweres Wohltätigkeitsimperium.
Auf die Rolle als integre Wohltäterin legt sie besonderen Wert, auf die darf nicht der geringste Schatten fallen. Das hat der Ex erst vor einigen Wochen schmerzhaft am eigenen Leib miterleben müssen, als Melinda in ihrem Podcast den Opfern des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein ihr tiefstes Mitleid ausgedrückt hat. Bill Gates, der Kontakte zu Epstein hatte, richtete sie aus, dass es noch offene Fragen an ihn gebe, auf die er alle Antworten geben müsse. Damit hatte seine Krisenkommunikation, die auf Beschwichtigung ausgelegt war, keine Chance mehr. Seine Unschuldsbeteuerungen wollte da niemand mehr hören. Melinda hingegen hörte die Welt sehr genau zu.
Über 52 Milliarden Dollar hat Melinda Gates bislang, teilweise noch mit dem Ex gemeinsam, vorwiegend für Projekte im Bereich der Gesundheitsvorsorge, Frauenrechte und wirtschaftliche Teilhabe vergeben. Im Gegensatz zu MacKenzie Scott sieht sie sich in einer Brückenfunktion zwischen Philanthropie und Politik. Sie will strukturelle Veränderungen erreichen und arbeitet daher auch eng mit Regierungen oder internationalen Organisationen zusammen. Von Melinda French Gates unterstützte Projekte fließen in die Gesetzgebung bestimmter Länder, internationale Abkommen oder institutionelle Reformen, etwa bei der UNO, ein.
Wie wichtig das ist, hat sie durch das Scheitern der „The Giving Pledge“-Initiative von Warren Buffet hautnah miterlebt. Der Milliardär hat vor 15 Jahren die reichsten Menschen der Welt, darunter auch Melinda und Bill Gates, dazu aufgefordert, mehr als die Hälfte ihres Vermögens für gemeinnützige Zwecke zu spenden. Was anfangs höchst erfolgreich war, immerhin haben auch Larry Ellison und Elon Musk unterzeichnet, ist in den letzten Jahren im Sande verlaufen.
Maßgeblich am Abdrehen von „The Giving Pledge“ beteiligt war der Tech-Milliardär Peter Thiel. Er hat seinen Kumpel Musk davon überzeugt, dass gemeinnützige Projekte nicht zum doch viel lukrativeren Plan der digitalen Weltherrschaft passen. Der zog wie so viele andere zurück und investierte das Geld lieber in Donald Trump, der den meisten Initiativen, die das Leben von Bürgern der USA besser machen sollen, das Geld gestrichen hat. Und Melinda Gates hat gesehen, dass es nicht nur wichtig ist, Geld zu sammeln und zu geben, sondern auch, Einfluss auf jene politischen Strukturen zu haben, die das Geld zu den Menschen bringen. Das macht sie zu einer nicht zu unterschätzenden Gegnerin für viele Politiker und Superreiche.
Mächtige Witwe: Laurene Powell Jobs
Laurene Powell Jobs, Witwe von Apple-Gründer Steve Jobs.
© Getty ImagesLaurene Powell Jobs, die Witwe des 2011 verstorbenen Apple-Gründers Steve Jobs, agiert im Vergleich zu Scott und French Gates wesentlich anonymer. Ein großer Teil ihres auf rund 15 Milliarden Dollar großen Privatvermögens fließt in das Emerson Collective, eine hybride Organisation, die Philanthropie, Impact Investing und politische Einflussnahme kombiniert. Da ihr der Wert von medialer Unterstützung bewusst ist, hat sie sich mit The Atlantic auch ein eigenes Medienimperium zugelegt, das sich besonders kritisch mit Donald Trump und den Machenschaften der Tech-Oligarchen auseinandersetzt. „Technologien haben sich in die falsche Richtung entwickelt“, sagte Powell Jobs in einem ihrer raren öffentlichen Auftritte.
Mit ihren Aktivitäten will sie hier bewusst gegensteuern. Emerson Collective spendet nicht nur Milliarden, sondern agiert auch als Risikokapitalgeber für Start-ups in den Bereichen digitale Gesundheit, Künstliche Intelligenz, Bildung, Energie und Umwelt und investiert in junge Tech-Unternehmen wie Commonwealth Fusion System, das saubere Energie durch Fusion erzeugen will. Diese Firmen sind durchaus gewinnorientiert und speisen laufend neues Kapital für neue Investments oder Spendenaktivitäten ins Emerson Collective. Powell Jobs investiert gezielt in Unternehmen, die bei Zukunftstechnologien weltweit vorne mitmischen, um sicherzustellen, dass diese auch nach ethisch vertretbaren Kriterien entwickelt werden.
Die philanthropischen Spenden des Unternehmens sind in der Regel anonym, was Powell Jobs 2022 in einem Interview mit Bloomberg so erklärte: „Oft passiert bei der Philanthropie, dass viel Macht dem Geber zufällt und nicht so sehr den Organisationen und Führungskräften, die vor Ort arbeiten. Ich wollte sicherstellen, dass die Führungskräfte und die unglaublichen Mitarbeiter, die den Alltag zur Verbesserung des Lebens anderer Menschen leisten, tatsächlich vorne sind und wir hinten.“
Mein Ziel, 99 Prozent meines Vermögens für Philanthropie zu spenden, ist es, anderen mit Wurzeln – Nahrung, Wärme, Unterkunft, Gesundheitsversorgung, Bildung – zu helfen, damit auch sie Flügel haben können
Selfmade-Wohltäterin: Judy Faulkner
Judy Faulkner, Gründerin von Epic Systems
© Getty ImagesEthische Werte im Geschäftsleben sind für Judy Faulkner entscheidend. Die Gründerin von Epic Systems, einem der weltweit größten Anbieter von Gesundheitssoftware, hat als Selfmade-Frau ein Vermögen von rund 7,8 Milliarden Dollar erwirtschaftet. 99 Prozent davon will sie noch zu Lebzeiten spenden.
Warum, erklärt die Mutter von drei Kindern so: „Vor vielen Jahren fragte ich meine damals noch kleinen Kinder, welche zwei Dinge sie von ihren Eltern brauchen. Sie sagten: ,Essen und Geld‘. Ich sagte ihnen: ,Wurzeln und Flügel‘. Mein Ziel, 99 Prozent meines Vermögens für Philanthropie zu spenden, ist es, anderen mit Wurzeln – Nahrung, Wärme, Unterkunft, Gesundheitsversorgung, Bildung – zu helfen, damit auch sie Flügel haben können.“
Ihre Roots & Wings Foundation unterstützt einkommensschwache Familien und wendet jährlich rund 100 Millionen Dollar auf. Über eine Milliarde Dollar hat sie bislang über ihre Organisation gespendet.
Wissensstifterin: Marilyn Simons
Für gesunde Wurzeln steht auch Marilyn Simons. Die Witwe der Hedgefonds-Legende Jim Simons steht mit ihrer 4,5 Milliarden Dollar schweren Simons Foundation für die Förderung von Wissenschaft. Ihr Fokus liegt auf Mathematik, Physik und Autismusforschung – Bereiche, die selten im Zentrum politischer Aufmerksamkeit stehen, aber langfristig enorme gesellschaftliche Auswirkungen haben.
Diese Art der Philanthropie ist weniger ideologisch sichtbar, aber strukturell entscheidend. Sie beeinflusst, welche Forschung betrieben wird, welche Themen Priorität erhalten und welche wissenschaftlichen Karrieren möglich sind. Simons gilt als eine der wichtigsten Förderinnen der Naturwissenschaften in den USA.
Geübte Geldverteilerin: Susan Buffett
Für besonders dicke Wurzeln hat Vater Warren Buffett gesorgt. Der Gründer des Investmentfonds Berkshire Hathaway aus Omaha im US-Bundesstaat Nebraska hat schon vor vielen Jahren angekündigt, 99 Prozent seines auf rund 141 Milliarden Dollar geschätzten Vermögens für Wohltätigkeit auszugeben. Verwaltet wird dieser Geldsegen von seiner Tochter Susan Alice Buffett. Die 73-Jährige leitet mehrere große Stiftungen und gehört zu den wichtigsten Entscheiderinnen, wenn es um die künftige Verteilung des Buffett-Vermögens geht.
Die wichtigste Stiftung ist die 1999 gegründete Sherwood Foundation, die sich auf die Region Nebraska konzentriert und dort vor allem Bildungs- und Sozialprojekte fördert. Gleichzeit ist Susan Alice Buffett Vorsitzende der Susan Thompson Buffett Foundation, die bislang über 8,4 Milliarden Dollar für reproduktive Medizin und Organisationen wie Planned Parenthood gespendet hat, die sich für Zugang zu Verhütung und Abtreibung engagiert. Ihr jüngstes philanthropische Projekt ist der Buffett Early Childhood Fund, der sich bei Vorschulprogrammen und Forschungsprojekten zu frühkindlicher Entwicklung engagiert.
Vor zwei Jahren erklärte Vater Warren dem Wall Street Journal, dass seine Kinder gezeigt hätten, dass sie in der Lage seien, eine enorme Menge an Geld zu verteilen: „Sie waren 2006 für diese gewaltige Verantwortung noch nicht voll vorbereitet, aber mittlerweile sind sie es“, schrieb Buffett in einem Brief an die Aktionäre von Berkshire Hathaway, als er erstmals bekannt gab, dass seine Kinder die Treuhänder eines gemeinnützigen Trusts werden, der mehr als 99 Prozent seines Vermögens erhalten wird. Womit Susan Alice künftig gemeinsam mit ihren beiden Brüdern über finanzielle Mittel verfügen wird, die mehr als den jährlichen Haushalts vieler Staaten in Afrika oder Asien ausmachen.
Unterschiedliche Ansätze, gleiche Ziele
Ein zentraler Unterschied zwischen den Philanthropinnen liegt in der Frage, wie Geld eingesetzt wird. MacKenzie Scott steht für schnelle, direkte Geldvergabe ohne Kontrolle durch den Geldgeber. Melinda French Gates setzt auf langfristige Projekte mit institutionellen Partnern. Laurene Powell Jobs auf einen Mix aus Spenden und Beteiligungen. Marilyn Simons auf wissenschaftliche Projekte.
Diese Unterschiede bestimmen, wie die Projekte kurzfristig oder langfristig wirken. In den letzten Jahren zeigt sich ein Trend: Die Geschwindigkeit nimmt zu. Besonders Scott hat den Druck auf andere Großspender erhöht, ihre Mittel schneller einzusetzen. Die vielleicht wichtigste Frage ist aber nicht, wie viel gespendet wird, sondern welche Wirkung diese Spenden haben.
Die private Agenda
Diese schwerreichen Philanthropinnen entscheiden, welche Probleme Priorität erhalten, welche Organisationen wachsen und welche Ideen gesellschaftliche Unterstützung bekommen. Dabei unterliegen sie keiner demokratischen Kontrolle. Ihre Legitimation basiert ausschließlich auf ihrem Vermögen. Kritiker sehen darin eine Gefahr für demokratische Prozesse. Befürworter argumentieren, dass staatliche Systeme oft zu langsam oder ineffizient sind und private Initiativen notwendige Innovation ermöglichen. Trotz unterschiedlicher Ansätze gibt es gemeinsame Motive, etwa Verantwortung für gesellschaftliche Ungleichheit, den Wunsch nach systemischer Veränderung und die Skepsis gegenüber rein staatlichen Lösungen.
MacKenzie Scott betont bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihr Vertrauen in lokale Akteure. Melinda Gates hebt die Bedeutung politischer Reformen als Basis eines nachhaltigen Wandels hervor. Laurene Powell Jobs warnt vor der Machtkonzentration in der Philanthropie selbst. Diese Aussagen zeigen ein Bewusstsein für die Ambivalenz ihrer Rolle. Die moderne Philanthropie in den USA ist kein Randphänomen mehr. Sie ist zu einem zentralen Bestandteil gesellschaftlicher Steuerung geworden. Die hier beschriebenen Frauen stehen exemplarisch für eine Entwicklung, in der privates Vermögen öffentliche Aufgaben übernimmt.
Ihre Macht ist leise, aber tiefgreifend. Und sie wächst täglich.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 33+34/2026 erschienen.
