Die britische Regierung hat ein Gesetz ins Parlament eingebracht, das die Suche nach neuen Öl- und Gasfeldern in der Nordsee beenden soll. Warum die Förderung dort trotzdem weitergeht, wie London den Schritt begründet und was die Branche davon hält.
Großbritannien soll künftig keine Lizenzen mehr für die Erkundung neuer Öl- und Gasfelder in der Nordsee vergeben. Die Regierung von Premierminister Andy Burnham hat dazu am 4. November den Energy Independence Bill im Parlament eingebracht. Laut der Mitteilung der britischen Regierung werden keine neuen Lizenzen für die Erkundung neuer Felder in der Nordsee mehr ausgegeben. Auch an Land soll es in England keine neuen Öl- und Gaslizenzen mehr geben, das schließt die Förderung von Schiefergas durch Fracking ein.
Gebohrt wird trotzdem weiter. Bestehende Felder dürfen bis zum Ende ihrer Lebensdauer produzieren. Zusätzlich führt das Gesetz sogenannte Übergangs-Energiezertifikate ein. Sie erlauben laut einem Faktenblatt des Energieministeriums zusätzliche Förderung in Gebieten, die an bereits lizenzierte Felder grenzen und über Anbindungsleitungen an deren Anlagen angeschlossen werden. Auf diese Weise ließen sich rund 60 Millionen Barrel Öl erschließen. Öl und Gas würden noch für Jahrzehnte Teil des britischen Energiemix bleiben, heißt es in der Regierungsmitteilung.
Was der Energy Independence Bill für die Nordsee ändert
Technisch nimmt das Gesetz der Aufsichtsbehörde North Sea Transition Authority die Befugnis, Lizenzen für die Erkundung neuer Felder zu erteilen. Auch ihr Auftrag ändert sich. Bisher war die Behörde vor allem darauf ausgerichtet, möglichst viel Öl und Gas aus dem Meeresboden zu holen. Künftig soll sie laut dem Faktenblatt zu ihren neuen Befugnissen wirtschaftliche Gesichtspunkte, die Klimaziele und den Übergang zu anderen Energieformen abwägen und dabei auch Beschäftigte, Gemeinden und Zulieferbetriebe im Blick haben.
Das Verbot ist Teil eines größeren Pakets. Die Regierung kündigt einen Energievermögensfonds mit zwei Milliarden Pfund an, der aus Steuereinnahmen der Öl- und Gasbranche gespeist wird und in neue Industrien und erneuerbare Energien investieren soll, dazu einen eigenen Jobservice für Beschäftigte aus der Nordsee-Industrie. In Kraft ist das alles noch nicht: Der Entwurf muss erst alle Lesungen im britischen Parlament durchlaufen. Ein grundsätzliches Moratorium für neue Lizenzen hatte die Labour-Regierung bereits angekündigt, das Gesetz soll es nun dauerhaft festschreiben.
Warum London den Schritt mit Klima und Versorgung begründet
Die Regierung will mit dem Verbot nach eigenen Worten ein klares Signal für das globale Klimaziel von 1,5 Grad senden. Zugleich argumentiert sie mit dem Zustand der Nordsee selbst. Weitere Lizenzen würden den natürlichen Rückgang der Förderung nicht umkehren und auch nichts daran ändern, dass Großbritannien Öl und Gas importieren muss, heißt es im Faktenblatt. Die Produktion lag 2025 demnach um 75 Prozent unter den Spitzenjahren, die beim Öl 1999 und beim Gas 2000 erreicht wurden.
Die amtliche Energiestatistik bestätigt den Trend. Laut dem Energiestatistik-Jahrbuch des Ministeriums sank die britische Gasförderung 2025 um 3,4 Prozent und blieb auf dem niedrigsten Stand seit 1973. Netto-Importeur von Gas ist das Land seit 2004, rund 40 Prozent des Gasaufkommens kamen 2025 aus Norwegen. Premierminister Burnham verknüpft das Gesetz vor allem mit den Energiekosten: Familien hätten zu lange den Preis für ein Energiesystem bezahlt, das nicht für sie funktioniere, sagte er laut der Regierungsmitteilung.
Wie Branche und Opposition reagieren
Der Branchenverband Offshore Energies UK hält dagegen. Großbritannien importiere schon jetzt mehr als 40 Prozent seiner Energie, und rund 65 Prozent des Nordsee-Öls kämen am Ende dem britischen Markt zugute, erklärte Verbandschef David Whitehouse in einer Stellungnahme zum Gesetz. Mit Importen allein lasse sich keine Energieunabhängigkeit erreichen, so Whitehouse. Nach Angaben des Verbands hängen an der Branche rund 180.000 Arbeitsplätze.
Die konservative Opposition lehnt das Gesetz ab. Ihr energiepolitischer Sprecher Andrew Bowie nannte den Entwurf gefährlich für die Energiesicherheit und kündigte an, ihn im Fall eines Regierungswechsels rückgängig zu machen. Offen bleibt die Zukunft einzelner großer Projekte: Über das umstrittene Ölfeld Rosebank entscheidet nicht das Gesetz, sondern ein eigenes Genehmigungsverfahren.
Welche Länder neue Förderung schon gestoppt haben
Ganz neu ist der Schritt im Nordseeraum nicht. Dänemark hat bereits im Dezember 2020 alle künftigen Lizenzrunden abgesagt und 2050 als Enddatum für die Förderung von Öl und Gas festgelegt, wie das dänische Klima- und Energieministerium damals mitteilte. „Wenn der Kalender 2050 zeigt, werden die Öl- und Gasventile für immer zugedreht“, sagte der damalige Klimaminister Dan Jørgensen.
Gemeinsam mit der kanadischen Provinz Québec führt Dänemark die internationale Beyond Oil and Gas Alliance an, deren Kernmitglieder sich verpflichten, keine neuen Lizenz- oder Konzessionsrunden mehr zu starten. Zu den Kernmitgliedern der Allianz zählen unter anderem Frankreich, Irland, Portugal, Spanien und Schweden, aus dem Vereinigten Königreich bisher nur Wales. Österreich ist kein Mitglied.
Quellen
Britische Regierung: Energy reforms to cut bills and put power back in people's hands (4. November 2026)
Department for Energy Security and Net Zero: Ending new oil and gas licences and introducing Transitional Energy Certificates (4. November 2026)
Department for Energy Security and Net Zero: Digest of UK Energy Statistics 2026, Chapter 4: Natural gas (2026)
Offshore Energies UK: OEUK responds to publication of the Energy Independence Bill (4. November 2026)
Dänisches Ministerium für Klima, Energie und Versorgung: Denmark introduces cutoff date of 2050 for oil and gas extraction in the North Sea (3. Dezember 2020)
Weitere Quelle: STV News, UK Government moves to ban new North Sea oil and gas licensing (4. November 2026)
