„Hängt das Laub bis in den November hinein, wird der Winter lange sein“, sagt eine alte Bauernregel. Weil an vielen Bäumen noch Blätter hängen, fragen sich gerade viele, ob ein langer Winter bevorsteht. Was Fachleute dazu sagen und was die Wetterdienste für den Winter erwarten.
Was Meteorologen zur Bauernregel sagen
Einen Zusammenhang zwischen spätem Laubfall und einem langen Winter gibt es nach Einschätzung von Fachleuten nicht. Die Regel „lässt sich nicht belegen“, schreibt der Meteorologe Simon Trippler vom Deutschen Wetterdienst Mitte Oktober. Sie stehe „wissenschaftlich auf sehr wackeligen Beinen“. Wie der Winter werde, könnten uns die Bäume „auch heute leider noch nicht verraten“.
Der Grund ist einfach: Bäume reagieren auf Wetter, das bereits war, nicht auf Wetter, das kommt. Ausgelöst werden Laubfärbung und Laubfall laut Deutschem Wetterdienst durch die kürzer werdenden Tage und die sinkenden Temperaturen. Sie richten sich also nach dem Herbstwetter, weshalb sich mit solchen Bauernregeln keine Aussagen über den Verlauf des kommenden Winters treffen ließen. Ein milder Oktober mit wenigen kalten Nächten verzögert den Laubfall, auf ihn kann aber ebenso ein milder wie ein strenger Winter folgen.
Warum ein warmer Herbst den Laubfall verzögert
Dass derzeit vielerorts noch Laub an den Bäumen hängt, hat mit dem warmen Herbst zu tun. In Deutschland erwartete der Wetterdienst für heuer eine leichte Verzögerung der Blattverfärbung. Bei der Stieleiche ist sie im Mittel der Jahre 2011 bis 2025 um den 19. Oktober abgeschlossen, Mitte Oktober war das bei gut zwei Dritteln der Meldungen noch nicht der Fall. Den Blattfall schließen die Eichen im Schnitt um den 7. November ab, auch hier rechnet der Wetterdienst mit einer Verspätung. Als Grund nennt er die bisher wenigen kalten Nächte.
Auch in Österreich war der Frühherbst deutlich zu warm. Laut GeoSphere Austria lag der September im Tiefland um 1,8 Grad und auf den Bergen um 2,5 Grad über dem Mittel der Jahre 1991 bis 2020. Eine eigene Auswertung zum heurigen Laubfall hat die Phänologie von GeoSphere Austria noch nicht veröffentlicht. Das Beobachtungsnetz besteht seit 1851, mit der kostenlosen App Naturkalender können auch Laien Beobachtungen wie den Blattfall melden.
Warum manche Bäume schon im Sommer kahl waren
Gleichzeitig haben viele Bäume heuer besonders früh Blätter verloren, allerdings aus einem anderen Grund. Der Sommer 2026 war laut GeoSphere Austria der heißeste der Messgeschichte, 2,6 Grad wärmer als im Mittel 1991 bis 2020 und mit rund einem Drittel weniger Niederschlag als üblich. Im Osten Österreichs fielen von Ende Februar bis Anfang August laut GeoSphere nur 210,9 Millimeter Regen statt der üblichen 405 Millimeter, der niedrigste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen.
Bei solcher Trockenheit werfen Bäume Blätter gezielt ab, um Wasser zu sparen. Das ist laut der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL ein aktiver, gesteuerter Vorgang: Der Baum holt Nährstoffe aus dem Blatt zurück und bildet dann am Blattstiel eine Trennschicht. Bei Eichen wird das Blatt so gewissermaßen geopfert, bevor der Stamm Schaden nimmt. Buchen fehlt dieses Sicherheitsventil offenbar, verlieren sie früh ihr Laub, reicht der Schaden laut WSL oft schon bis in den Stamm. Mit dem Herbst und der Bauernregel hat dieser Notabwurf nichts zu tun.
Was die Prognosen für den Winter zeigen
Verlässlicher als jede Bauernregel, aber ebenfalls mit Unsicherheiten behaftet, sind die Jahreszeitenprognosen der Wetterdienste. Die Prognose des EU-Klimadienstes Copernicus vom Oktober sieht für November bis Februar für den Großteil Europas überdurchschnittliche Temperaturen und mehr Niederschlag als wahrscheinlicher an. Im Lauf des Winters könnte sich laut Copernicus die Zirkulation umstellen, mit Tiefdruck im Frühwinter und später mehr Hochdruck über dem hohen Norden.
Solche Prognosen geben Wahrscheinlichkeiten für ganze Monate an, keine Vorhersage für einzelne Wochen. Kältephasen sind auch in einem insgesamt milden Winter möglich. Dass Bäume Anfang November noch Laub tragen, spricht weder dafür noch dagegen.
Quellen
Deutscher Wetterdienst: Es grünt so grün, Thema des Tages (16. Oktober 2026)
Deutscher Wetterdienst: Laubfärbung und Laubfall, Thema des Tages (29. Oktober 2020)
GeoSphere Austria: Hottest summer on record (31. August 2026)
WSL auf waldwissen.net: Braune Blätter im Juli: Warnsignal oder Schutzmechanismus? (21. August 2026)
Copernicus Climate Change Service: Seasonal forecasts (10. Oktober 2026)
Weitere Quelle: ORF (GeoSphere-Daten zum September 2026)
