ABO

Philosophicum Lech: Höhlenbilder, Philosophenterror und Sonnenaufgang

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
5 min
Barbara Bleisch, Raphaela Edelbauer, Konrad Paul Liessmann
©WOLFGANG HUBER-LANG, APA
Mit einer Tradition gebrochen hat das Philosophicum Lech in seiner 29. Ausgabe. Den "philosophisch-literarischen Vorabend" bestritt am Mittwoch in den Lechwelten nicht das Gründer-Duo Konrad Paul Liessmann und Michael Köhlmeier, sondern Liessmann mit seiner Co-Intendantin Barbara Bleisch und der Literatin Raphaela Edelbauer. Diese erwies sich für die Frage "Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?" als gewitzte und kenntnisreiche Gesprächspartnerin.

von

News auf Google bevorzugen

Die 36-Jährige, die in Wien Philosophie studiert hat, bot als Autorin eines Romans rund um eine philosophische (und chaotische) Terrorgruppe einen wunderbaren Einstieg in die Thematik des "betreuten Denkens", die in den nächsten Tagen im Zentrum stehen soll. "Ich seh' mich durchaus auch als Philosophin und sehe Literatur auch als epistemologisches Werkzeug - nur leider ist es sehr ineffizient", sagte Edelbauer, die einige Passagen aus ihrem vor einem Jahr erschienenen Roman "Die echtere Wirklichkeit" las, dessen Erzählerin eine notorische Lügnerin ist.

Lässt sich Wirklichkeit steigern? "Ich würde sagen, dass es nur eine Wahrheit gibt, aber viele Meinungen dazu", meinte Edelbauer, die Ludwig Wittgenstein zu ihrem absoluten Lieblingsphilosophen ausrief: "Was ich toll finde am Spätwerk von Wittgenstein, ist, wie viele verschiedene Weisen wir haben, die Wahrheit zu überprüfen." Liessmann hielt mit seinem Lieblingsphilosophen Friedrich Nietzsche entgegen: "Der Mensch braucht nicht Wahrheit, er braucht Illusionen." Die Wirkmacht der Illusionen sei nicht zu unterschätzen, so Liessmann, der auch seine "Lieblings-Verschwörungstheorie" verriet, wonach Stanley Kubrick in der Wüste von Nevada die Mondlandung gedreht habe: "Eine bizarre, schöne Theorie: Sie ist unsinnig, hat aber einen gewissen Charme."

Gemeinsam mit der Schweizerin Bleisch, Moderatorin der "Sternstunde Philosophie", überlegte man, ob man der Postmoderne und dem Konstruktivismus die Schuld für den "Anfang der Misere" mit alternativen Fakten und Fake News geben könne. Im Post-Truth-Zeitalter fasziniere sie vor allem die Frage, wie sich Menschen ihre Theorien zusammenbasteln könnten, mit denen sie Berge von Studien ignorierten, sagte Edelbauer, in deren nächstem Roman es um die Frage des ewigen Lebens geht.

Bleisch zeigte sich von den jüngsten Warnungen von OpenAI-Chef Sam Altman und anderen irritiert sowie von dem Umstand, es nicht nachvollziehen zu können, ob es sich dabei um eine Firmenstrategie oder echte Besorgnis handle. "Wir sind platonische Höhlenbewohner, und die Schattenbilder werden uns zugespielt", zog Liessmann einen Vergleich zur Antike. Auch die Firmen selbst könnten es nicht mehr nachvollziehen, weswegen man die Aussagen einfach hinnehmen müsse, ohne sie überprüfen zu können, sagte Edelbauer.

Die Autorin berichtete von der nächsten Entwicklung im Unterhaltungssektor: On-Command-Medien, die Filme und Bücher künftig mit KI aufgrund von spezifisch gewünschten Vorgaben maßschneidern. "Was machen wir als Gesellschaft, wenn wir uns künftig nicht mehr auf gemeinsame Säulen berufen können und die Fragmentierung weiter vorangetrieben wird?"

Dies sei eine Horrorvorstellung, von der er aber nicht glaube, "dass wir lange darauf Lust haben werden", so Liessmann. "Wir sind einfach neugierige Wesen und wollen nicht nur das, was wir eh schon kennen. Ohne diese Neugier wäre die Wissenschaft nicht entstanden." Obwohl er zugebe, dass im Alltag vieles noch nicht angekommen sei. "Wir sagen noch immer: Die Sonne geht auf. Und nicht: Wieder eine Erdumdrehung geschafft! Brauchen wir diese Illusion?"

Nicht illusions-, aber ratlos zeigte sich Edelbauer abschließend bei der Frage, was man gegen die zunehmende Entmündigung tun könne: "Ich empfehle, das Denken nicht abzugeben, aber das Denken von anderen Menschen anzunehmen. Und wir sollten verhindern, dass Fakten als Meinung positioniert werden: Es gibt keine 'Meinung' zum Klimawandel."

(S E R V I C E - 29. Philosophicum Lech: "Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit", Lechwelten, Lech am Arlberg, 22. bis 27. September, https://www.philosophicum.com/symposium-2026 )

LECH - ÖSTERREICH: FOTO: APA/Wolfgang Huber-Lang

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER