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"Ich habe gelernt, Tacheles zu reden, also klar zu sagen, wo wir auf systemischer Ebene auf Kollisionskurs sind", erklärte Stagl im Gespräch mit der APA ihren Ansatz. "Die Problemlagen in der Landwirtschaft wie in der Klima- und Umweltpolitik sind seit Jahrzehnten bekannt, und wir sehen frustrierend wenig proaktives, verantwortungsvolles Handeln von politischen Akteuren."
Das System sei nur durch das Bohren dicker Bretter zu verändern - keine einfache, aber eine lohnende Aufgabe: "Es gibt eine viel bessere Zukunft, die einerseits ertragreicher ist für Bauern und Bäuerinnen und andererseits Ernährungssouveränität, bessere Gesundheit und Umweltbedingungen sowie ein stabileres Klima liefert. Dafür braucht es auch nicht irgendwelche Zukunftstechnologien." Um dies zu belegen, hat sie immer wieder Positivbeispiele eingearbeitet, bei denen der Wandel bereits gelebte Realität ist.
"Ich wünsche mir von den Entscheidungsträgern, endlich einmal die Notwendigkeit, klimaneutral zu werden, außer Diskussion zu stellen." Länder wie Dänemark oder England hätten gezeigt, wie sich daraus politisches Handeln neu gestalten lässt. So hält die langjährige Beobachterin der Wirtschafts- und Klimapolitik auf nationaler und EU-Ebene das britische "Climate Change Committee" (CCC) für einen gelungenen Ansatz und lobt die Bereitschaft der dänischen Politik, Reformen auch wieder zurückzunehmen, wenn Evaluierungen nicht den gewünschten Erfolg nachweisen. "Das ist meines Erachtens mutige, verantwortungsvolle öffentliche Politik. Man probiert evidenzbasiert etwas Neues aus, aber man macht es auch wieder anders, wenn es der falsche Weg war."
In Österreich werde dagegen die Politik noch immer von der Angst vor Fehlern und der Angst, seiner Klientel zu wenig entgegenzukommen, bestimmt. "Betroffenheit zu berücksichtigen, ist die DNA eines Politikers. Aber man sollte die systemische Perspektive über die Betroffenheitsperspektive stellen, ohne die Betroffenheit komplett auszublenden." Zentral sei, so auch die Hauptbotschaft ihres Buches, dass die Gesellschaft "ein gemeinsames Zukunftsbild" entwickelt. Dafür brauche es Dialog und partizipative Formate. "Das muss man noch viel besser üben." Aber eben auch mit dem Bewusstsein: "Nicht alles ist Win-Win."
Obwohl sie sich keineswegs nur in wissenschaftlichen Publikationen äußert, sondern auch in Vorträgen, vor Schulklassen oder als Mitglied der "Scientists for Future" über Klimaziele, Emissionen und CO2-Bepreisung, Verbrenner-Aus, nachhaltige Ernährung und andere Themen spricht, hat sie noch vor eineinhalb Jahren Sachbuchpläne verneint. Der Tag habe ja nur 24 Stunden, sagte Stagl damals zur APA. Das hat sich zwar nicht geändert, diese Zeit konnte aber nun dank einer Zusammenarbeit mit der Journalistin Patricia McAllister-Käfer offenbar noch produktiver genützt werden.
In ihrem ersten populärwissenschaftlichen Buch entwirft Stagl in elf Kapiteln - basierend auf elf Gesprächen zwischen den beiden Frauen - betont ruhig, mit empirischen Erkenntnissen unterlegt und mit einer Prise Optimismus gespickt, die notwendigen Grundfesten einer krisenfesten Wirtschaft: "Nach über einem Vierteljahrhundert in der Wissenschaft habe ich den Eindruck, dass ein Perspektivenwechsel in unserem Leben und Wirtschaften angebracht ist", heißt es zu Beginn.
In "Krisenfest" gibt die Ökonomin auch viel Persönliches preis: Sie beschreibt ihr Aufwachsen als Kind eines Landwirts aus dem Waldviertel, der seinen Töchtern früh nahelegte, den Hof nicht weiterzuführen, weil schon damals die Landwirtschaft eine prekäre Angelegenheit war. Und ihr Verhältnis zur Natur. "Dass es der Bauernschaft gut geht, ist eine Grundlage für eine erfolgreiche Wirtschaft und Gesellschaft", sagt Stagl.
In diesem Licht unterstreicht sie die Bedeutung der aktuell diskutierten Reformen zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU, die für 2028 bis 2034 neu ausverhandelt wird. Das österreichische Agrarumweltprogramm (ÖPUL) sei vielversprechend, aber gehöre wohl auch überarbeitet: "Noch besser wäre - das ist aber innerhalb der aktuellen agrarpolitischen Situation schwierig -, Bauern und Bäuerinnen für ihre Produkte adäquat zu entlohnen."
In ihrem Buch geht Stagl mit Kapiteln wie "Städte und Häuser der Zukunft", "Innovation made in Austria" oder "Mobilität und Wärme für alle" mitunter weit über ihre eigentliche Kernexpertise hinaus, punktet aber auch dort mit Engagement und klaren Ansagen. Läge da nicht nahe, sich auch selbst an der so dringlich urgierten politischen Umsetzung versuchen zu wollen? Fast erschrocken dementiert die Wissenschafterin jedes Interesse an einem politischen Amt: "Nein! Ich bin superhappy mit dem, was ich tue, und ich bin sehr gut ausgelastet!"
Dafür hat die Ökonomin weitere Ideen, die sie noch gar nicht in ihr Buch aufgenommen hat: "Worüber ich viel nachdenke, ist eine Institution wie die Zentralbank, nur dass diese nicht für Preisstabilität, sondern für Klimastabilität verantwortlich wäre." Eine solche unabhängige Institution, ausgestattet mit dem Vertrauen und allgemeinen Rückhalt der Gesellschaft, könne regulierend eingreifen.
"Ich glaube, so eine Instanz bräuchte man auch für Klimawandel, um Klimastabilität in einer Art und Weise voranzutreiben, sodass es für alle Wirtschaftstreibenden - da gehören Haushalte, Unternehmen, der Staat und so weiter dazu - positiv ist." Dies könne möglicherweise ein Weg sein, dem "politischen Kurzfristigkeitsdenken" zu begegnen und "die Langfristigkeit im Blick zu behalten".
Doch schon jetzt gebe es hoffnungsvolle Ansätze, "das viele Wissen der Klimaforschenden wirkmächtig zu machen". In immer mehr Unternehmen setze sich die Erkenntnis durch, dass sich mehr Einsatz für Nachhaltigkeit - abseits von simplem "Greenwashing" - auch auf den Unternehmenserfolg auswirke, versichert Stagl: "Das ist etwas ganz Wichtiges, das in den letzten fünf Jahren passiert ist."
Und wenn doch einmal der Frust hochkommt? Dagegen habe sie ein probates Mittel, sagt die Wissenschafterin: "Dann versuche ich mich immer daran zu erinnern, wie viele Frauen sich über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte, eingesetzt haben, bis Frauenrechte in unser Rechtssystem aufgenommen wurden."
(Das Gespräch führten Lena Yadlapalli und Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Sigrid Stagl: "Krisenfest - Wie wir unsere Wirtschaft verändern können, um unsere Zukunft zu sichern", Brandstätter Verlag, 176 Seiten, 25 Euro, erscheint am 26.8.)
Umweltökonomin und "Wissenschafterin des Jahres" Sigrid Stagl am Mittwoch, 18. Dezember 2024, anl. eines Interviews mit der APA - Austria Presse Agentur in Wien.
