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Das von Stefan Karner initiierte Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung (BIK) in Graz ist seit 1993 eine wichtige Anlaufstelle für Menschen, die mehr über das Schicksal von Menschen in den Wirren und Folgen des Zweiten Weltkrieges erfahren wollen. Der Grazer Historiker konnte 1991 in den zuvor noch streng geheimen sowjetischen Archiven die Erlaubnis zur Einsichtnahme erhalten. Dort lagerten die Personalakten von rund 135.000 Österreichern, die während des Zweiten Weltkrieges in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten waren. Die Karteikarten, Akten, Briefe, Fotos und Krankengeschichten machten es möglich, das Schicksal Tausender lange Vermisster zu klären - und ihren Angehörigen nach Jahrzehnten der Ungewissheit Antworten zu geben.
Die Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion gehörte zu jenen Bereichen der österreichischen Zeitgeschichte, mit deren Aufarbeitung erst zu Beginn der 1990er-Jahre begonnen wurde. Nach der Öffnung der russischen Archive war Karner einer der ersten Historiker, die Akten über ehemalige Kriegsgefangene in der Sowjetunion zu Gesicht bekommen konnten. Aus der Einzelinitiative des Wissenschafters wurde rasch ein Forschungsprojekt und aus dem Projekt das heutige BIK. Dadurch konnte ein prägender Lebensabschnitt Tausender Österreicher erstmals wissenschaftlich erfasst werden.
Hinter jeder Mappe stand ein persönliches Schicksal. Die Auswertung der Daten erlaubte aber auch grundsätzlich erstmals Aussagen über die Altersstruktur, die Sterblichkeit sowie darüber, in welchen Regionen und zu welchen Zeitpunkten ehemalige Wehrmachtsangehörige in sowjetischen Lagern waren und wie ihr Lagerweg war.
"Ich war der erste aus dem Westen, der die riesigen Sammlungen über Kriegsgefangene und Internierte zu Gesicht bekam und auswerten konnte. Seit 1991 werde ich immer wieder gefragt, wie es gelungen ist", begründet Karner seinen Schritt, die eigene Arbeit in den Archiven in einem mehr als 370-seitigen und zudem reich bebilderten Buch darzustellen. Darin erzählt er aus persönlicher Perspektive von den Anfängen dieser außergewöhnlichen Forschungsarbeit in den Umbruchsjahren und gibt auch Einblicke in den damaligen russischen Alltag.
Die politische Öffnung und der Aufbruch nach dem Kalten Krieg schufen Möglichkeiten, die zuvor undenkbar gewesen waren. Karners detektivische Suche begann 1990 mit Forschungen zu Österreichern, die nach dem Krieg beim Wiederaufbau der sowjetischen Wirtschaft eingesetzt worden waren. Ein erster Archivzugang in Moskau und spätere Recherchen im Ural machten rasch deutlich, welche Bedeutung die gefundenen Unterlagen für die Klärung von Vermisstenschicksalen hatten. Die "Matrjoschka", jene russische Puppe, die unzählige weitere, ähnliche Püppchen in sich trägt - nimmt der Autor als Bild für seine Arbeit: Jede geöffnete Akte führte ihn und sein Team zu neuen Fragen, neuen Schicksalen und weiteren, bisher verborgenen Ebenen der Vergangenheit.
Zugleich waren die Bedingungen für die Forschung oft schwierig und von Unsicherheit geprägt: Zuständigkeiten wechselten, Vorschriften widersprachen einander, Archive blieben trotz offizieller Öffnung vielfach nur eingeschränkt zugänglich. Mit Beharrlichkeit, Sprachkenntnissen, persönlichen Kontakten und Unterstützung durch Partner in Russland und Österreich gelang es Karner dennoch, immer weitere Bestände zu erschließen. Die gefundenen Archivalien eröffneten neue Forschungsbereiche - über die sowjetischen Zwangsarbeiter in Österreich, die Rote Armee, den Prager Frühling, den Wiener Gipfel von Kennedy und Chruschtschow, die letzten Opfer des Stalinismus, Raoul Wallenberg oder die "Kinder des Krieges".
In diese Thematiken kann man heute über mehrere Publikationsreihen des BIK, das viele Jahre von Karner selbst geführt und seit 2018 von Barbara Stelzl-Marx geleitet wird, eintauchen. Die Datenbank des BIK umfasst rund 120.000 Einträge, die papierenen Unterlagen - v. a. Kopien aus Moskauer Archiven zu GUPVI (Anm.: die Verwaltung der Lager, in denen sich auch die österreichischen Kriegsgefangenen befanden) füllen einen ganzen Raum.
Seit 2022 seien viele der in vier Jahrzehnten aufgebauten Verbindungen wieder zerstört oder schwer beschädigt worden. Umso wichtiger bleibe es, so der Autor, zwischen den Menschen eines Landes und seinem politischen System zu unterscheiden - und die Hoffnung auf künftige Verständigung nicht aufzugeben.
Stefan Karner wurde 1952 in St. Jakob bei Völkermarkt in Kärnten geboren. Von 1972 bis 1976 studierte er Geschichte und Russisch an der Universität Graz und promovierte 1976. Bis 1985 war er als Assistent am Institut für Geschichte und am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Uni Graz tätig, 1985 habilitierte er sich für "Neueste Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Österreichische Zeitgeschichte" mit einer Arbeit über "Die Steiermark und das Dritte Reich". Von 1993-2018 leitete er das Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung in Graz und Wien. Für seine Arbeiten, Ausstellungen und sein Engagement wurde Karner mehrfach ausgezeichnet, u. a. war er 1995 "Österreichischer Wissenschafter des Jahres" und erhielt das "Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich". 1996 bekam er den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland 1. Klasse. Er ist Autor und Herausgeber von 74 Büchern, von mehr als 3.200 wissenschaftlichen Publikationen und Beiträgen und Herausgeber mehrerer Publikationsreihen.
Service: Das Buch "Verschlussakte Kriegsgefangene Russland - Als Erster in den Archiven" wird am 28. Oktober (19.00 Uhr) in der Buchhandlung Heyn in Klagenfurt präsentiert. Gesprächspartner von Karner wird der ehemalige österreichische Botschafter in Russland, Martin Vukovich, sein. Am 2. 11 findet eine Präsentation im Resowi-Zentrum der Uni Graz statt (17.00 Uhr), weitere Termine sind u. a. für Innsbruck (6.11.) und Wien (12.11.) vorgesehen. Es erscheint bei leykam:Wissenschaft als Veröffentlichung des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung, Sonderband 32, 370 Seiten, 42 Euro.
