ABO

Hélène Huby: Die Frau, die mit ihrer Raumkapsel SpaceX herausfordert

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
13 min
Artikelbild

Hélène Huby

©Independent Photo Agency Int

Sie will Elon Musk Paroli bieten: Hélène Huby gründete 2021 The Exploration Company und baut mit der Raumkapsel Nyx an Europas Unabhängigkeit im All. Der Weg der Französin führte über Elitehochschulen, Airbus und einen verlorenen Testflug bis zu einem Auftrag der ESA über 760 Millionen Euro.

News auf Google bevorzugen

Europas Herausforderin im neuen Wettlauf ins All

Als Hélène Huby im Juli 2021 The Exploration Company gründet, hat Europa kein eigenes Raumschiff, das Fracht zu einer Raumstation bringt und sicher wieder zur Erde zurückkehrt. Diese Fähigkeit beherrschen nur wenige Staaten und vor allem ein privates Unternehmen: SpaceX von Elon Musk. Huby will das ändern. Ihre wiederverwendbare Raumkapsel Nyx soll Europa einen eigenen Zugang zur Erdumlaufbahn verschaffen.

Fünf Jahre später ist aus dem kleinen Team eines der am schnellsten wachsenden Raumfahrtunternehmen Europas geworden, mit mehreren hundert Beschäftigten, Hauptsitzen bei München und Bordeaux sowie Büros in Turin und Houston. Im September 2026 sammelte die Firma 450 Millionen US-Dollar bei Investoren ein, wenige Tage später unterschrieb die Europäische Weltraumorganisation ESA einen Vertrag über 760 Millionen Euro. Der Weg dorthin war alles andere als geradlinig: Der wichtigste Testflug endete 2025 mit dem Verlust der Kapsel im Pazifik.

Steckbrief: Hélène Huby

  • Herkunft: Frankreich

  • Ausbildung: École normale supérieure (Mathematik und Wirtschaft), Sciences Po, Verwaltungshochschule ENA

  • Frühere Stationen: französisches Forschungsministerium, Innovationsberatung FaberNovel, Airbus Defence and Space, ArianeGroup

  • Unternehmen: The Exploration Company (TEC), gegründet im Juli 2021

  • Produkt: wiederverwendbare Raumkapsel Nyx

  • Finanzierung: rund 680 Millionen US-Dollar bis September 2026

  • Großauftrag: ESA-Vertrag über 760 Millionen Euro (September 2026)

Von der Elitehochschule zu Airbus

Huby ist Französin und kommt nicht aus dem klassischen Ingenieurwesen. Sie besuchte das Pariser Lycée Henri IV und studierte Mathematik und Wirtschaft an der Elitehochschule École normale supérieure. Danach absolvierte sie Sciences Po sowie die Verwaltungshochschule ENA, die Kaderschmiede des französischen Staatsdienstes. Ihre Laufbahn begann im französischen Forschungsministerium als stellvertretende Leiterin der Abteilung für europäische Angelegenheiten.

Es folgten Stationen in der Digitalwirtschaft, unter anderem bei einem Unternehmen in Brüssel, das sich in einer Sanierung befand, und bei der Innovationsberatung FaberNovel in Paris. 2013 wechselte sie als Innovationsdirektorin zu Airbus Defence and Space. Dort baute sie ein Portfolio von mehr als 50 neuen Geschäftsfeldern auf, von Diensten auf Basis von Satellitendaten bis zu elektrisch betriebenen Drohnen für die Stratosphäre. Sie trieb auch die Gründung des Airbus-Innovationszentrums im Silicon Valley und des Risikokapitalarms Airbus Ventures voran.

Später leitete sie Programme bei ArianeGroup, war Vizepräsidentin für Raumfahrtstrategie im Airbus-Konzern und ab Dezember 2018 Vizepräsidentin für das Europäische Servicemodul der NASA-Kapsel Orion. Dieses Modul versorgt die Kapsel, mit der die USA Astronautinnen und Astronauten zum Mond schicken, mit Antrieb, Strom, Wasser und Sauerstoff. Huby kennt das Geschäft mit Raumschiffen damit aus nächster Nähe, auch seine Schwerfälligkeit.

Neben ihrem Hauptberuf gründete sie 2018 die Investmentfirma Urania Ventures, die in Technologieunternehmen investiert, sowie die gemeinnützige Stiftung The Karman Project, die den Austausch zwischen Akteuren der Raumfahrt fördern will. Außerdem ist sie Mitgründerin der Microbiome Foundation. Huby ist Mutter von vier Kindern.

Blurred image background

Der neue Standort der Exploration Company, an dem die größte Raumkapsel der Welt entwickelt wird, ein strategisches Instrument, das Europas unabhängige Raumfahrtkapazitäten stärken wird. Hélène Huby, CEO und Fondatrice und Benjamin Haddad – Minister für europäische Angelegenheiten

2021: Gründung mit vier Ingenieuren

Im Juli 2021 verlässt Huby Airbus und gründet The Exploration Company, kurz TEC. Mit dabei sind vier Raumfahrtingenieure, mit denen sie bei Airbus und ArianeGroup an europäischen Großprojekten gearbeitet hatte, etwa am Orion-Servicemodul und am Raumfrachter ATV: Artur Koop, Sébastien Reichstadt, Pierre Vinet und Jon Reijneveld.

Das Ziel ist von Beginn an groß: ein europäisches Raumschiff, das Fracht und später auch Menschen zu Raumstationen und bis zum Mond bringt. Das Unternehmen versteht sich ausdrücklich als europäisch und hat zwei Hauptsitze. Die erste Finanzierungsrunde im November 2021 bringt fünf Millionen Euro, im Februar 2023 folgen rund 40 Millionen Euro, die damals größte Serie-A-Runde eines europäischen Raumfahrt-Start-ups.

Huby gehört zu den ganz wenigen Frauen, die in Europa ein Raumfahrtunternehmen dieser Größenordnung gegründet haben und führen. Nach Angaben des Unternehmens ist die Finanzierungsrunde vom September 2026 die größte, die je ein Unternehmen mit Sitz in der EU unter Führung einer Gründerin und Chefin eingesammelt hat.

Nyx: Eine Raumkapsel, die mehrfach fliegt

Herzstück ist Nyx, benannt nach der griechischen Göttin der Nacht. Die Kapsel ist modular aufgebaut und soll mehrfach fliegen. Die Version Nyx Earth besteht aus einem zylindrischen Servicemodul und einer kegelförmigen Rückkehrkapsel, misst vier Meter im Durchmesser und wiegt rund acht Tonnen. Sie soll bis zu 4.000 Kilogramm Nutzlast in eine niedrige Erdumlaufbahn bringen, an Raumstationen andocken und bis zu sechs Monate frei im All fliegen können. Jede Kapsel ist für fünf Flüge ausgelegt und soll im Orbit betankt werden können.

Die ersten Flüge sind reine Frachtmissionen. Langfristig plant TEC eine bemannte Version für vier bis fünf Personen, die Mitte der 2030er-Jahre verfügbar sein soll. Für deren Entwicklung baut das Unternehmen in Houston ein eigenes Team auf. Weitere Varianten sollen Fracht in eine Mondumlaufbahn und als Landefähre auf die Mondoberfläche bringen.

Bikini und Mission Possible: Teilerfolge mit hohem Lehrgeld

Wie riskant das Vorhaben ist, zeigen die beiden Testflüge. Der erste Demonstrator mit dem Spitznamen Bikini, eine nur 60 Zentimeter breite und rund 40 Kilogramm schwere Kapsel, flog im Juli 2024 beim Erstflug der europäischen Trägerrakete Ariane 6 mit. Zum Wiedereintritt kam es nie, weil die Oberstufe der Rakete ihre Umlaufbahn nicht wie geplant verließ.

Alles hing danach an Mission Possible. Die Kapsel mit 2,5 Metern Durchmesser und 1,6 Tonnen Gewicht startete im Juni 2025 an Bord einer Falcon 9 von SpaceX vom US-Stützpunkt Vandenberg in Kalifornien. Ausgerechnet die Rakete des großen Konkurrenten brachte Europas Hoffnungsträgerin ins All. Rund drei Jahre Entwicklung und etwa 35 Millionen Euro steckten in dem Flug. Schon vorab hatte das Unternehmen öffentlich eingeräumt, dass die Mission scheitern könnte.

Im Orbit funktionierte die Kapsel wie vorgesehen. Sie versorgte ihre Nutzlasten mit Strom, stabilisierte sich nach der Trennung von der Rakete, überstand den Wiedereintritt in die Atmosphäre und meldete sich nach der erwarteten Funkstille wieder. Kurz vor der geplanten Wasserung im Pazifik riss der Kontakt ab. Kapsel und Fracht, darunter Experimente und die Asche Verstorbener, die ein US-Anbieter für Weltraumbestattungen an Bord gebracht hatte, konnten nicht geborgen werden. TEC sprach von einem Teilerfolg und zugleich einem Teilfehlschlag und kündigte einen weiteren Testflug in ähnlicher Größe an.

Aufgegeben hat Huby nicht. Im Jänner 2026 folgten 20 Wasserungstests mit einem Modell im Maßstab 1:4 in Rom, danach Vibrationstests im Technikzentrum ESTEC der ESA in den Niederlanden. Im Mai hob ein Hubschrauber in der Mojave-Wüste ein Testfahrzeug auf rund 2,8 Kilometer Höhe und ließ es fallen. Brems- und Hauptfallschirme öffneten sich wie geplant.

Der übermächtige Gegner heißt SpaceX

Der neue Wettlauf ins All wird von großen privaten Unternehmen bestimmt, allen voran von SpaceX. Mit seiner Dragon-Kapsel versorgt das Unternehmen seit Jahren die Internationale Raumstation ISS und bringt Fracht auch wieder zur Erde zurück. Europa hat eine solche Fähigkeit nie besessen. Der Raumfrachter ATV, an dem Hubys Mitgründer gearbeitet hatten, flog zwischen 2008 und 2014 zwar fünfmal zur ISS, verglühte aber am Ende jeder Mission in der Atmosphäre.

Für Huby geht es um mehr als Technik. Wer den Zugang zum All kontrolliert, bestimmt mit, wer Satelliten betreiben, in der Schwerelosigkeit forschen und künftig auf dem Mond arbeiten kann. Ihr Anspruch lautet, schneller zu arbeiten, als es in der europäischen Raumfahrt üblich ist, und Europa damit unabhängiger von amerikanischen Anbietern zu machen.

Blurred image background
Ein Dragon-Frachtraumschiff von SpaceX legt von der Internationalen Raumstation ab
 © NASA/Jessica Meir/Public Domain

760 Millionen Euro: Europas Wette auf Nyx

Den bisher größten Erfolg feierte TEC am 10. September 2026. Beim Internationalen Weltraumgipfel in Paris, für den Huby als Sondergesandte des französischen Präsidenten Emmanuel Macron auftrat, unterzeichneten die ESA und das Unternehmen einen Dienstleistungsvertrag über 760 Millionen Euro. Er umfasst eine Demonstrationsmission von Nyx zur ISS und zwei weitere Frachtflüge zur ISS oder zu einer künftigen kommerziellen Raumstation. Laut ESA ist es der erste und größte Transportvertrag für eine Raumkapsel, den die Agentur je an ein europäisches Raumfahrtunternehmen vergeben hat.

Das Programm heißt ALADDIN, kurz für Autonomous LEO Accelerated Demo Docking to ISS Node. Private Investoren tragen 40 Prozent der Kosten der Demonstrationsmission, die ESA übernimmt 60 Prozent. Starten soll Nyx auf einer Ariane 6 vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana. Spätestens im zweiten Quartal 2029 soll die Kapsel an der ISS andocken, bevor die Station außer Dienst gestellt wird.

ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher, der aus Tirol stammt, sprach von einem großen Schritt Europas zu mehr Autonomie im All. Die Vereinbarung zeige, wie die ESA als Ankerkunde den kommerziellen Raumfahrtsektor Europas stärken könne. Huby betonte, das Unternehmen habe Nyx zunächst ausschließlich mit privatem Geld entwickelt und sei nun so weit, dass öffentliche Mittel die Fertigstellung unterstützen könnten. Zum ersten Mal in Europa habe ein fünf Jahre altes Start-up im offenen Wettbewerb einen Auftrag über Hunderte Millionen Euro gewonnen.

Rekordfinanzierung und das Triebwerk Storm

Wenige Tage zuvor, am 8. September 2026, hatte TEC eine Finanzierungsrunde über 450 Millionen US-Dollar verkündet, umgerechnet rund 387 Millionen Euro. Angeführt wurde sie von Bessemer Venture Partners, Atomico und dem von EQT verwalteten Scaleup Europe Fund. Laut Unternehmen ist es die größte Serie-C-Runde, die ein europäisches Raumfahrtunternehmen je verkündet hat. Insgesamt hat TEC damit rund 680 Millionen US-Dollar eingesammelt. Ende 2024 waren in einer Serie-B-Runde bereits 160 Millionen US-Dollar geflossen.

Ein Teil des Geldes fließt in ein Projekt, das über die Kapsel hinausgeht: Storm, ein wiederverwendbares Raketentriebwerk mit hohem Schub. Es arbeitet mit flüssigem Sauerstoff und Methan nach dem Verfahren der vollständigen Stufenverbrennung und wäre nach Angaben von TEC das erste wiederverwendbare Triebwerk dieser Bauart in Europa. Damit greift Huby nach dem nächsten Glied der Kette, dem Raketenstart selbst.

Ein Film über Risiko und Ausdauer

Wie viel an einzelnen Momenten hängt, zeigt der Dokumentarfilm „Hélène Huby: Wettlauf ins All“. Er begleitet die Gründerin über mehrere Jahre hinweg, durch den Aufbau des Unternehmens bis zum ersten Start ihrer Kapsel in den USA, bei dem das Risiko eines Scheiterns extrem hoch war.

Der Film zeigt eine Unternehmerin, die in einer Branche, die von staatlichen Großprogrammen und finanzstarken Privatkonzernen geprägt ist, mit einem Start-up gegen die etablierten Akteure antritt. Und er macht deutlich, warum es dabei nicht nur um Technologie geht: Wer den Zugang zum All kontrolliert, hat Einfluss auf die Ordnung der Welt.

Wie es weitergeht

Der Zeitplan ist eng. Die Demonstrationsmission von Nyx ist für 2028 geplant, das Andocken an der ISS muss bis spätestens zum zweiten Quartal 2029 gelingen. Das autonome Andocken ist für ein europäisches Unternehmen technisches Neuland. Danach sollen Frachtflüge zu Raumstationen folgen, Vereinbarungen mit den US-Firmen Axiom Space und Vast gibt es bereits. Die bemannte Version ist für die Mitte der 2030er-Jahre vorgesehen.

Ob Europa damit tatsächlich zu SpaceX aufschließt, entscheidet sich in den kommenden drei Jahren. Fest steht: Mit Hélène Huby hat der Kontinent eine Gründerin, die den Anspruch offen ausspricht und dafür bereit ist, öffentlich zu scheitern.

Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER