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Seit knapp über 130 Jahren führen österreichische Archäologinnen und Archäologen Grabungen in Ephesos durch. Einen der Schwerpunkte bildete der um 1870 wiederentdeckte Tempel im Artemision. Im Jahr 2010 identifizierte ein Team um ÖAW-Archäologin Lilli Zabrana einen auf dem Heiligtumsareal heute noch sichtbaren Monumentalbau als frühkaiserliches Odeion, ein in der frühen römischen Kaiserzeit (spätes 1. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung/n.u.Z.) erbauter Konzertsaal für musische, dramatische und poetische Darbietungen. "Die Erforschung des Tempelbezirks rückte erst seit rund 15 Jahren verstärkt in den Fokus der österreichischen Forschung, da dieser zur Gänze unter Flusssedimenten begraben liegt und daher nur schwer zu erforschen ist", so Zabrana zur APA.
Bei den Grabungen offenbarte sich den Forschenden auch ein kleines Kistengrab aus Ziegeln und Steinen in einem Kanal, der noch im 2./3. Jahrhundert (n.u.Z.) Teil einer öffentlichen Latrine mit rund 30 Sitzplätzen gewesen war. Das entdeckte Kindergrab stammte, so ergab die Radiocarbon-Datierung, hingegen aus dem 8./9. Jahrhundert n.u.Z.. Darin fanden sich die sterblichen Überreste zweier perinataler, also um die Geburt herum verstorbener Individuen. Beide Kinder starben nach etwa 33 bis 34 Schwangerschaftswochen, also vor dem regulären Geburtstermin, ergaben die weiteren Untersuchungen. Ihre nahezu identische Körpergröße und das gemeinsame Grab sprechen nach Einschätzung der Forschenden für Zwillinge. Gen-Analysen zur Bestätigung der Annahme stehen noch aus.
Um die Beisetzung - sie fand statt, als die Funktion des Odeions bereits wieder aufgegeben worden war - in den Kontext der zeitgenössischen Bestattungsbräuche einzuordnen, wurde im Vorjahr die ÖAW-Anthropologin Caroline Partiot, die auf Bestattungsrituale in früheren Gesellschaften spezialisiert ist, hinzugezogen. "Die Ergebnisse verdeutlichen die besondere Sorgfalt, mit der die Bestattung durchgeführt wurde, während der ungewöhnliche Standort des Grabes darauf hindeutet, dass es eher um Schutz als um Entsorgung ging", heißt es in der in der Fachzeitschrift "Childhood in the Past" erschienenen Studie.
"Beide Kinder sind Frühgeborene und sie hätten leicht aussortiert werden können. Das ist aber nicht geschehen. Das bedeutet vielleicht nicht, dass sie für die Gesellschaft besonders wichtig waren, aber vielleicht waren sie für die Familie oder die Gemeinschaft von Bedeutung", sagte die Forscherin vom Bioarchaeology Lab des Österreichischen Archäologischen Instituts der ÖAW zur APA: "Ich denke, das zeigt, wie sehr man sich um schutzbedürftige Menschen gekümmert hat." Die übliche Annahme über die damalige Zeit sei, dass die Menschen früher die Babys, die sie nicht wollten, einfach töteten, wie auch die alten Menschen, die nicht mehr nützlich waren. "Wir haben aber zahlreiche Belege dafür, dass man sich um Menschen gekümmert hat."
Die beiden Kinder lagen Seite an Seite, mit dem Kopf nach Westen ausgerichtet - eine für frühchristliche Beisetzungen typische Ausrichtung. "Die bestattenden Personen haben die Struktur der Latrine als Grundlage genommen, um genau die spezifische Bestattungsform nachzubilden, die man im restlichen Ephesos aus dieser Zeit vorfindet", so Partiot. Denn der Kanal der Latrine hat die richtige, in West-Ost-Richtung verlaufende Ausrichtung. "Sie wählten diesen Bereich, weil dort bereits der Kanal vorhanden war, und bauten in den Kanal hinein die Struktur für ein Kistengrab. Das war meiner Meinung nach eine Möglichkeit, die Kinder langfristig zu schützen. Und es hat funktioniert, denn zwischen der Bestattung und unseren Grabungen ist dem Grab nichts passiert."
Auch die Körperhaltung, fehlende Grabbeigaben und die sorgfältige Bauweise entsprechen den bekannten byzantinischen Bestattungssitten in Ephesos. Ungewöhnlich sei aber eben die Beisetzung außerhalb aller bekannten Gräberfelder, in einem funktionslosen, aber weiterhin zugänglichen Bauwerk.
"In früheren Gesellschaften befindet sich der Bestattungsort sehr junger Kinder oft woanders als jener von Erwachsenen, weil ihr sozialer Status ein anderer war", so Partiot. Ihre Gräber seien daher häufig an Orten "ohne ursprüngliche Bestattungsfunktion, etwa unter Hausböden oder in Brunnen".
Die Wahl des Standortes für das Grab könne prinzipiell, etwa im Fall einer unerwünschten Schwangerschaft, auch gesellschaftliche Ablehnung zum Ausdruck bringen. Damit einher gehe dann aber auch eine eher schlichte bis fehlende Grabgestaltung. In diesem Fall wurde aber ein Grab mit allen Merkmalen einer regulären Erwachsenenbestattung angelegt.
Die Forscherinnen entdeckten zudem bei einem der beiden Kinder eine überzählige Halsrippe. Es handle sich um einen seltenen Befund, "der - bei Kleinkindern festgestellt - mit einem erhöhten Risiko für Entwicklungsstörungen und Fehlgeburten in Verbindung gebracht wird", so Partiot. Bei perinatalen Individuen ist dies erst der zweite dokumentierte Fall weltweit, hieß es. Die Verstorbenen waren wohl in ein Leichentuch eingewickelt worden. Der Fund fügt sich zeitlich in den Übergang von römischen zu christlichen Vorstellungen im Umgang mit früh verstorbenen Kindern ein.
Das Odeion selbst wurde übrigens im 5. bis 6. Jahrhundert n.u.Z. nach einem Brand und dem Einsturz seines Daches aufgegeben, erzählte Zabrana. Das Bauwerk sei dann im 6. bis 7. Jahrhundert n.u.Z. "vor allem zur Entsorgung von Schlachtabfällen und zerbrochener Keramik" wieder genutzt worden. Auch das Grab der Zwillinge spiegle diese Phase der vorübergehenden Nutzung wider. In der spätbyzantinischen Zeit wurde das Odeion umfassend umgebaut und für eine erneute Nutzung adaptiert.
(S E R V I C E - Studie: https://doi.org/10.1080/17585716.2026.2682804 )
Ein außergewöhnliches Grab aus dem Frühmittelalter im Artemision von Ephesos wurde jetzt von Forscherinnen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften neu untersucht: In einem stillgelegten Latrinenkanal des römischen Odeions fanden sich zwei perinatal verstorbene Kinder, möglicherweise Zwillinge. Im Bild: Blick auf das Grab der beiden Kinder nach der Öffnung; Maßstab: 10 cm.
