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Byzanz hallt im Zeitalter von Klimakrise und KI nach

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Byzantinistin und Wittgensteinpreisträgerin Claudia Rapp
©APA/Dijana Popovic/Dijana Popovic
Das Byzantinische Reich (etwa 400 bis 1453) ist ein häufig wahrgenommener Resonanzboden, z.B. für politische Rhetorik oder Resilienzfragen in Zeiten von Krisen. Man könne zeigen, "dass schon damals in Dürreperioden mehr soziale Unruhen entstanden" - und das zur politischen Instabilität geführt hat, sagte die renommierte Byzantinistin Claudia Rapp gegenüber der APA anlässlich eines großen internationalen Byzantinistik-Kongresses in Wien (ab 24. August).

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Rund 1.300 Forschende bringt der alle fünf Jahre und letztmalig 1981 in Wien abgehaltene Internationale Kongress für Byzantinistik (ICBS) in die Bundeshauptstadt - dem "Schlaraffenland" ihres Faches, wie es Rapp, Präsidentin des Konferenz-Organisationskomitees, einst formulierte. Man widmet sich, so auch der Konferenztitel, "Byzanz über Byzanz hinaus". Der Einfluss des damaligen, über 1.000 Jahre bestehenden Imperiums, das nach der Teilung des Römischen Reiches entstand und auch als "Oströmisches Reich" gilt, wirkte geografisch wie auch zeitlich weit über seine Grenzen.

In der heutigen geopolitischen Rhetorik hallt Byzanz wider, "wenn Russland z.B. sagt, die - von Byzanz ausgegangene - Christianisierung Kiews sei ein ureigenes russisches Anliegen und daher beanspruche man nun die Region", so Rapp, die als Professorin an der Uni Wien tätig ist, an der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) das Institut für Mittelalterforschung und auch den vom FWF geförderten "Cluster of Excellence" zu Transformationsprozessen in Eurasien leitet.

Was über die Grenzen Russlands hinaus weniger bekannt ist: Wladimir Putin habe sich in den vergangenen Jahren eine byzantinische Stadt in Sewastopol auf der Krim bauen lassen. Also ein Byzanz à la Disneyland auf der von Russland annektierten ukrainischen Halbinsel und damit ebenso Teil des russischen Narrativs. Das heutige Cherson (damals Chersones) war ein wichtiger Standort im Byzantinischen Reich, die UNESCO nahm die antike Stadt jüngst in die Liste des gefährdeten Welterbes auf.

Auch im Rahmen des 250. Jahrestages der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten versuchte sich manch Kommentator mit Blick auf die Geschichte Byzanz' an der Fragestellung, wie lange die USA als Imperium noch Bestand haben können. Der Fall historischer Imperien war schon früh eine Projektionsfläche, "auf die Gesellschaften immer wieder ihre eigenen Ängste projizieren, nämlich die Ängste vor Impermanenz", so die Wittgensteinpreisträgerin. Sehr häufig ging es dabei um den Fall Roms bzw. des Weströmischen Reiches im Jahr 476.

Selbst wenn das Ende des Byzantinischen Reichs mit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 festgeschrieben ist, so waren es auch die "erheblichen Territorialverluste" in den Jahrhunderten zuvor, die zu seiner Schwächung beitrugen. "Im 14. Jahrhundert war das Reichsgebiet unter kaiserlicher Herrschaft nur noch ein Bruchteil dessen, was es im 6. Jahrhundert unter Justinian I. gewesen ist", so Rapp. Letztlich hatten die Osmanen mit ihren Kanonen dann leichtes Spiel, Konstantinopel einzunehmen.

Rapp beschäftigt sich mit der damaligen Migration der Byzantiner, die sich selbst ja als "Römer" sahen, aber vor allem Griechisch sprachen. Ist heute oft von "Klima-Migration" die Rede, so sei eine solche für größere Bevölkerungsgruppen im Mittelalter nicht wirklich fassbar. Aber das heute omnipräsente Thema Klimakrise habe auch der Byzantinistik ganz neue Fragestellungen auferlegt.

"Die Quellen sagen uns immer nur das, wonach wir fragen", sagte Rapp. Man versucht sich heute, auch in Zusammenarbeit mit Naturwissenschaftern, verstärkt an der Interpretation der überlieferten Handschriften hinsichtlich damaliger großer Wetterphänomene. "Es ist ungeheuer viel getan worden zur Erforschung von Sedimenten in Tropfsteinhöhlen, Pollenanalyse in Eiskernen und Bioarchäologie. Früher hat man im Prinzip immer nur nach dem Gold oder nach den Königsgräbern gesucht." Nachdem man große Dürren, Überschwemmungen etc. "häufig auf religiöse Art und Weise als Strafe Gottes" interpretierte, so gab es damals schon "Aufrufe zur Umkehr".

Die Künstliche Intelligenz verändere die Byzantinistik hinsichtlich neuer Methoden maßgeblich: "Die Möglichkeiten sind grandios", so Rapp: "Wir können z.B. auf Digitalisate von mittelalterlichen Handschriften, die noch nie jemand entziffert hat, eine KI draufsetzen, und sie kann die Handschrift entziffern und relativ schnell transkribieren." Hier liege man bei einer Genauigkeit "von 95 bis 97 Prozent". KI kommt auch beim Vergleich von verschiedenen Kopien von Handschriften zum Einsatz. Wichtig sei dabei das Bewusstsein, dass "die KI uns nicht selber das Denken abnimmt".

Dass Wien schon seit jeher als ein Paradies für die Forschung gilt, liegt auch an den über 1.000 Handschriften aus byzantinischer Zeit, die in der Nationalbibliothek aufbewahrt werden. Schon Ogier Ghiselin de Busbecq (1522-1592), ein flämischer Diplomat und Gesandter des Habsburger Kaisers, kam von seiner Reise an den Osmanischen Hof mit über 270 Handschriften zurück. Diese wollte er nach seiner Rückkehr zum Teil auch weiterverkaufen. Es blühte der Handel, denn es galt als Prestigegewinn, diese Texte zu besitzen und als Erster zu lesen. Doch nicht nur die historische Sammlerlaune, auch die Byzantinistik selbst hat in Wien eine lange Tradition.

Nach über 40 Jahren wird Wien also wieder für eine Woche zum großen Treffen der Zunft. Man dürfe dabei nicht vergessen, so Rapp, dass der kulturelle Einfluss von Byzanz nicht nur Ost-West verlief, sondern auch in Richtung Süden wirkte: "Der Einfluss des byzantinischen Christentums ging bis in den heutigen Sudan." Die den Fachkongress ergänzenden öffentlichen Events, etwa "Costumes of Authority" mit der Präsentation rekonstruierter Kostüme auf Grundlage von Wandmalereien aus der einstigen Kathedrale von Faras, zeugen mitunter davon.

Ein großer Wermutstropfen bleibt: So sehr die 1.000-jährige Geschichte des Byzantinischen Reiches wie auch die noch viel längere Kulturgeschichte Eurasiens von ethnischer Vielfalt und weltumspannendem Einfluss geprägt waren, setzen aktuelle Krisenherde und Kriege Grenzen: Nicht alle Forschenden können anreisen. Selbst in den USA gebe es Kollegen, die sich "aufgrund ihres Immigration-Status oder ihres Gender-Status nicht trauen, das Land zu verlassen, weil sie Schwierigkeiten bei der Rückreise befürchten", so Rapp.

Service: "25th International Congress of Byzantine Studies" zu "Byzantium beyond Byzantium" von 24. bis 29. August 2026 in Wien: https://www.icbs2026.org/ , Musik, Film und Performance: https://www.icbs2026.org/de/aktivitaten/

WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/Dijana Popovic/Dijana Popovic

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