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Wirkliche Kämpfer sind jedoch die wenigsten der vielen wechselnden Bewohner jenes des Ende der 1970er von zwei Frauen ohne Trennwände und Abgrenzungen gebauten Hauses, das der zentrale Ort der Handlung und gleichermaßen Zufluchtsstätte, Auffanglager und Kraftspender für die in ihm Lebenden ist. Es hat eine starke Ausstrahlung, die für neu Hinzukommende unmittelbar spürbar wird, und beherbergt nicht nur einen bunt zusammengewürfelten Haufen unterschiedlichster Lebensentwürfe, sondern auch Hausgeister, die Dinge in Unordnung oder gar zum Verschwinden bringen.
Während die meisten, die sich hierher zurückgezogen haben, einfach unbehelligt so leben wollen, wie es ihnen am meisten behagt - schwul, lesbisch, queer, als Freunde mit oder ohne Sex -, so gibt es auch Kämpferinnen unter ihnen. Mitgründerin Sigrid, wie ihre Freundin Frieda einer von Gewalt geprägten Ehe entkommen, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Anliegen einer Gleichberechtigung nicht nur der Geschlechter, sondern auch der verschiedenen Lebensweisen politisch zu vertreten und wird es bis zur Bundesministerin bringen. Und Luzia wird von ihrem ersten Praktikum am Theater dafür kämpfen, dass patriarchale Strukturen im Kunstbetrieb beseitigt und die ganze Vielfalt des Lebens auch auf der Bühne abgebildet und verhandelt wird.
Mit "Haltet euch fest" setzt Fallwickl konsequent ihren Weg fort. In ihrem Erfolgsroman "Die Wut, die bleibt" (2022), der auch den Weg auf die Bühne gefunden und derzeit von Catalina Molina verfilmt wird, zeigte sie in aller Härte die brutale Ungerechtigkeit einer männlich bestimmten Welt auf. In "Und alle so still" (2024) stürzte die stumme Verweigerung von Frauen, das Gesundheitswesen, ja die ganze Gesellschaft um den Preis völliger Selbstaufopferung in Gang zu halten, ein Land ins Chaos. In dem neuen Roman geht es nun um Modelle des Zusammenlebens, die von heteronormativen Gesetzen und Haltungen unterdrückt bzw. nicht als gleichwertig akzeptiert werden.
Die "queerplatonic relationship" in der "Framilie" (mit Freunden gebildete Familie) wird als Gegengift gegen "Heterofatalismus" und "male loneliness epidemic" gepriesen, die "queer blended family" setzt auf "decentering men" und preist die "emotionship" als fortschrittliches Gegenmodell gegen romantische Gefühle, die besser (weil haltbarer) von platonischen ersetzt werden. Es wimmelt von Ausdrücken, die eine verlockende Vielfalt suggerieren, in ihrer Ansammlung und fortwährenden Affirmation aber ungewollt komisch wirken.
Gerade das ist aber ein Problem des Buches: In jeder Zeile wirkt es als Kampfschrift gegen patriarchale Ungerechtigkeiten und Verkrustungen, als Plädoyer für mehr Offenheit und Buntheit. Der Entwicklung eines differenzierten, spannenden Plots und überraschenden Wendepunkten steht das im Weg. So viel Zugewandtheit, tröstende Umarmungen und menschliche Wärme halten die bereitwilligsten Leser auf Dauer nicht aus. Der Kuschelkurs als Mittel im emanzipatorischen Kampf verliert rasch seine Wirkung.
Dazu kommt, dass Fallwickl in kurzen Kapiteln erzählt, die jeweils andere Protagonistinnen im Zentrum haben und immer zu anderen Zeiten spielen. Zwischen April 1978 und September 2026 wird immer wieder hin- und hergesprungen, sodass man - auch angesichts der Fülle von Personen - bald den Überblick verliert. In diesen fast 50 Jahren wird die zum räumlichen Zentrum gebaute soziale Utopie verwirklicht, gegen wechselnde Konflikte und mit wechselnder Besetzung verteidigt.
Als das Haus dringend und symbolträchtig erneuert werden muss, bringt die Spurensuche nach einstigen Bewohnern zutage, wie nachhaltig sich der Ort auch in die unterschiedlichsten Leben eingeschrieben hat. Und es treten nicht nur in den Fundamenten, sondern auch in den Lebensgeschichten Risse zutage, die dem Ganzen unerwartete Tiefendimension verleihen. Ein kurzer Rückblick auf die Vorgeschichte im Oktober 1977, als Frieda und Sigrid ihren ganzen Mut zusammennahmen, um ihr Leben zu ändern, macht das Haus gar zu einem Gespensterhaus und die Hausgeister nachvollziehbarer.
"Keine Art des Zusammenlebens ist besser als die andere", heißt es zwar gegen Ende, dennoch wirkt "Haltet euch fest" in seiner Huldigung der Vielfalt an Formen von Liebe, Zusammenleben, Erziehung und Elternschaft als Versuch, mit viel Aufwand eine Fülle neuer Narrative in die abendländische Erzählwelt einzubringen. Das haben sich auch Regisseurin Luzia und ihre Freundin Somi vorgenommen: "Je öfter wir diese Geschichten erzählen, je größer wir sie erzählen, umso normaler werden sie." Noch besser wäre allerdings, sie wären auch besser als die bisherigen.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - "Haltet euch fest" von Mareike Fallwickl, Rowohlt Hundert Augen, 432 Seiten, 24,70 Euro)
