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"Ausgangspunkt meiner Recherchen war ein Artikel in der 'Zeit' im Jahr 2020, nach dessen Lektüre mir klar war, dass schon rein statistisch gesehen jeder und jede von uns nicht nur Opfer, sondern auch Täter kennt", erzählt die 49-jährige Regisseurin und Drehbuchautorin im Gespräch mit der APA. "Wir haben keine Erfahrung damit, wo die Gefahr lauert. Die klassische Reaktion bei solchen Fällen ist: 'Das kann ich mir bei DEM gar nicht vorstellen. Auch deswegen war mir von Anfang an klar, dass ich die Geschichte aus der Perspektive der Partnerin erzählen will."
Mitten in die Entwicklung des Drehbuchs platzte das, was man in Österreich den "Fall Teichtmeister" nennt. Gegen den Burgschauspieler Florian Teichtmeister wurde wegen des Besitzes und der Herstellung pornografischer Darstellungen Minderjähriger ermittelt. Der später zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren Verurteilte hatte in Kreutzers Sisi-Drama "Corsage" mitgespielt und durch seinen Fall die internationale Resonanz auf ihren von Österreich für den Auslands-Oscar 2023 eingereichten Film erheblich beeinflusst. Kreutzer legte das Projekt zunächst auf Eis, fühlte sich aber letztlich gerade durch die allgemeinen Reaktionen bestärkt, es doch weiterzuverfolgen.
In "Gentle Monster" ist der Täter ein Regisseur in der Schaffenskrise (Philip wird vom neuen österreichischen "Tatort"-Kommissar Laurence Rupp gespielt), seine Frau Lucy (Léa Seydoux) ist eine französische Musikerin, die mit feministischen Neuinterpretationen prominenter, von Männern geschriebener Love Songs Erfolg hat. Obwohl Männer Gefühle in der Regel nur selten ausdrückten, beeinflussten diese Lieder unsere Gesellschaft, begründet Lucy im Film ihren künstlerischen Ansatz. In aller Ruhe zeigt Kreutzer zunächst den Alltag des Kreativpaares mit ihrem gemeinsamen Buben (Malo Blanchet) in einem neu gekauften Haus am Land, ehe in Form der an der Haustür läutenden Ermittlerin Elsa (Jella Haase) und ihrem Team das Unheil über die heile Familienwelt hereinbricht.
Die einzelnen Ermittlungsschritte realistisch zu zeigen, sei ihr ebenso wichtig gewesen wie die unterschiedlichen Reaktionen aller Beteiligten, sagt Kreutzer. "Auch die Bilder, die ich selbst davon im Kopf hatte, stellten sich als von Fernsehkrimis geprägt heraus. Deswegen war es wichtig, dass wir kriminalpolizeiliche Beratung sowohl in der Vorbereitung als auch am Set selbst hatten."
Die Polizistin gerät in "Gentle Monster" nicht nur in eine Zwickmühle, weil sie von der Frau des Verdächtigen als Auskunftsperson und Gesprächspartnerin beansprucht wird - auch ihre eigene familiäre Situation erhält durch einen Nebenstrang des Filmes unerwartet viel Aufmerksamkeit. Ihr pflegebedürftiger Vater wird seiner 24-Stunden-Hilfe gegenüber übergriffig. Die Tochter hat Schwierigkeiten, damit adäquat umzugehen, rät der ihren Dienst quittierenden Pflegerin, doch künftig ihre Zimmertüre zuzusperren und bietet ihr fürs Bleiben mehr Geld an. "Ich wollte zeigen, dass der Übergriff nicht erst dort beginnt, wo jemand zum Täter wird", erklärt Kreutzer die Bedeutung der Nebenhandlung. "Viele Erfahrungen, die ich als junge Frau gemacht habe und erst viel später einordnen konnte, zählen dazu."
Auf die Frage, ob das nicht eine ziemlich bittere Botschaft sei, nämlich "Alle Männer sind Schweine!", entgegnet die Regisseurin lachend: "Es hat leider viel mit der Lebensrealität von Frauen zu tun. Aber ich finde ja, dass nicht der individuelle Mann das Problem ist, sondern das Patriarchat. Es geht um Machtausübung und ihre strukturellen Voraussetzungen." Da können die globalen Entwicklungen, die toxische Männlichkeit fast überall im Vormarsch sehen, sie ja wohl nicht optimistisch stimmen? "Historisch gesehen hat es für den Feminismus immer wieder Fort- und Rückschritte gegeben. Aber es stimmt: Es ist derzeit gerade keine angenehme Zeit auf diesem Planeten."
Während das Mainstream-Kino weitgehend dabei auslasse, "Männer, die sich selbstverständlich richtig und gut verhalten", zu zeigen und stattdessen meist gewaltbereite Machos zu Helden stilisiere, habe sie stets viel Energie investiert, komplexe Frauenfiguren auf die Leinwand zu bringen, sagt Marie Kreutzer. Das dürfte auch mit ein Grund dafür sein, dass es ihr relativ einfach gelang, mit Léa Seydoux nicht nur eine der prominentesten französischen Filmschauspielerinnen der Gegenwart, sondern mit Catherine Deneuve als Lucys Mutter auch eine absolute Filmikone zu engagieren.
"Léa ist in jedem Moment vor der Kamera wahnsinnig präsent und kann alles andere vergessen", erzählt sie von der bereichernden Arbeit mit dem prominenten Cast. "Und bei Catherine Deneuve war es verblüffend, wie liebevoll und freundlich, gleichzeitig aber auch sehr direkt sie zu allen war." Deswegen sei der Moment der Cannes-Premiere, als der neben ihr sitzende Star den Film zum ersten Mal sah, auch ein ganz besonders aufregender gewesen, schildert Kreutzer schmunzelnd. Alles ist gut gegangen, nein: mehr als das. Aber die Komplimente, die sie danach von Deneuve über ihren Film erhielt, möchte sie lieber für sich behalten ...
Nicht an der Weltpremiere in Cannes hat Österreichs Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) teilgenommen. "Ich finde es traurig, dass er nicht einmal die Zeit für eine Absage gefunden hat. Ich glaube, dass er keine Ahnung hat, wie erfolgreich der österreichische Film im Ausland ist. Es geht eigentlich gar nicht, dass ein Kulturminister von Film nichts versteht."
Nach dem Radikalstopp der Förderschiene ÖFI+ musste die Finanzierung von "Gentle Monster" im letzten Moment komplett umgebaut werden - wohl aber nicht der einzige Grund, warum im Film Deutsch, Englisch und Französisch gesprochen wird. Die lange versprochene Streamingabgabe internationaler Großkonzerne zur Mitfinanzierung des heimischen Filmschaffens wird auch von Marie Kreutzer dringend urgiert. Das würde der ganzen Branche helfen. Und wohl auch ihr selbst. Drei Projekte habe sie derzeit parallel in Vorbereitung, schildert sie. "Alle drei haben wieder eine historische Figur als Vorlage."
(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - "Gentle Monster" startet am 17.9. in den österreichischen Kinos, https://www.polyfilm.at/film/gentle-monster )
Filmregisseurin und Drehbuchautorin Marie Kreutzer am Freitag, 28. August 2026, im Rahmen eines Interviews mit der APA - Austria Presse Agentur in Wien.
