ABO

Anna Baars "Amseln" singen nicht, sondern irritieren

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
5 min
Anna Baar 2022 bei ihrer "Klagenfurter Rede zur Literatur"
©APA, GERT EGGENBERGER
Was für ein eigenartiges Buch! Mit "Amseln" gibt Anna Baar ihren Leserinnen und Lesern einiges zum Rätseln auf. 2022 erhielt sie für "ihre wie Musikstücke komponierten Texte, die voll sprachlicher Schönheit sind und sich immer wieder in beklemmende kafkaeske Abgründe des Albtraums begeben", den Großen Österreichischen Staatspreis. In ihrem neuen Roman hat die Beklemmung gegenüber der Schönheit eindeutig das Übergewicht. Es geht um eine sexsüchtige Seelenärztin.

von

News auf Google bevorzugen

Voll Schönheit ist der Gesang der Amsel-Männchen, die über 30 verschiedene Motive variieren und im Kontergesang auch auf Gesänge von Rivalen antworten und diese variantenreich weiterführen können. Amseln tauchen als Leitmotiv immer wieder in Baars Buch auf - allerdings mehr als Toten- denn als Singvogel. "(Dieser verfluchte Vogel, schrie mich der Gutachter an, scheint mir unter Ihrem Schädeldach zu nisten.)", heißt es einmal. Der Gutachter muss sich mit Vorwürfen gegen die hoch angesehene, verehrte Kollegin befassen, die in eine Schlagzeile mündeten: "Psychiatrieskandal. Primaria vergewaltigt hilflosen Patienten."

Davon erfährt man gleich auf der ersten Seite in einem "Vorwort des Herausgebers". Er beschreibt die Vorgeschichte des im Anschluss ausgebreiteten Materials aus dem Nachlass der Psychiaterin Elda Vera, bestehend aus zahlreichen Notizzetteln sowie aus 30 nie verschickten Briefen an Lev, "einen vor Jahrzehnten verschollenen Gefährten", der sich eines Morgens in einem grauen Hartschalenkoffer vor seiner Wohnungstüre befunden habe, mit einem Zettel: "Inhalt: Altpapier, höchstwahrscheinlich wertlos. Sollten Sie jedoch etwas Brauchbares für eine Story finden, bedienen Sie sich gerne!" Weil die Primaria in einem Aufsehen erregenden Prozess verurteilt wurde und "drei Jahre später, achtundfünfzigjährig, krank an Geist und Körper, auf rätselhafte Weise aus der Wohnung verschwand, in der sie sich schwer verletzt eingebunkert hatte", ist es natürlich nicht nur eine Story, sondern gleich ein ganzes Buch.

Der "Herausgeber" sehe sich gezwungen, "einstweilen anonym zu bleiben, und danke Anna Baar für die Einlösung ihres Wettversprechens, sollte es mir gelingen, einen seriösen Verlag für die Edition der Schriftstücke zu gewinnen, ihren Kopf und Namen für mich hinzuhalten - und zwar kommentarlos", heißt es in einer Fußnote. Liest man diese Zeilen, weiß man nicht so recht: Schelmenroman oder Psychodrama? Raffinierter Aufbau oder allzu komplizierte Schachtelkonstruktion? Mit Fortdauer der Lektüre tendiert man in seiner Einschätzung zu Letzterem.

Zwischen Briefen und Notizen finden sich irritierende Kommunikationsverläufe mit "Frau Helga", einer im Internet agierenden Astrologin, deren Intention, die von ihrer Sexsucht getriebene und offenbar hochgradig labile Ärztin nach Strich und Faden auszunehmen, für jeden sofort ersichtlich wird bis auf die Betroffene selbst. Überhaupt ist die Kluft zwischen dem behaupteten beruflichen Erfolg der Psychiaterin und ihren sich in der Materialsammlung offenbarenden massiven psychischen Problemen so groß, dass man bald selbst Probleme bekommt, das Gelesene einzuordnen.

Das "Vorwort" offeriert gleich mehrere Lesarten, von "Lebensbeichte zwischen Endzeitdrama, mystischem Wahn und Groteske" und "Psychogramm des fortschreitenden Verfalls in Zeugnissen des Scheiterns an Freundschafts- und Liebesdingen, in Gotteslästerungen, Anklagelitaneien und Bekennerschreiben, Versuchen der Selbstinszenierung und Inventuren der Träume eines vor der Zeit einsam gealterten Mädchens, das seiner Erinnerung nicht mehr trauen konnte". Gut zusammengefasst, möchte man meinen, und kann sich auch dem Folgesatz anschließen: "Was damit beginnen?"

Immer rätselhafter scheint der klinische Befund über die Frau, die zwischen "Torschlusspanik" einer noch kinderlosen Anfangsvierzigerin und der Dauer-Wiederholungsschleife von ungeschütztem Sex mit widerstrebenden Wildfremden (einer von ihnen heißt beziehungsvoll Anselm) samt anschließender Abtreibung schwankt. Die Umstände spitzen sich zu, eine familiäre Vorgeschichte des Missbrauchs und der Liebesunfähigkeit wird sichtbar. Und am Ende rückt Ingeborg Bachmanns "Malina" nicht nur mit der Feuermotivik unübersehbar in den Fokus. Dort verschwindet die Protagonistin in der Wand. In "Amseln" erhebt sie sich möglicherweise in die Lüfte. "Mein Vogel sieht mich an, schüttelt sein Gefieder, fächert seine Schwingen. Ob er mir bedeutet, ihm hinauszufolgen?"

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Anna Baar: "Amseln", Wallstein, 256 Seiten, 24,70 Euro; Lesungen am 10.9., 19 Uhr, in der Buchhandlung Heyn, Klagenfurt, und am 24.9., 19 Uhr, in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, Wien)

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER