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Ein Hoch auf die Situationship: Neues von My Ugly Clementine

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Das vierte Album von My Ugly Clementine gibt es ab Freitag
©My Ugly Clementine, Mala Kolumna, APA
Wenn eine Platte mit "Don't Mess With Me" eröffnet, wie aggro ist dann erst der Rest? Aber nur keine voreiligen Schlüsse. Denn My Ugly Clementine schieben mit "This Is Nice" gleich eine Ode an das gute Miteinander hinterher. Zwischen diesen beiden emotionalen Polen bewegt sich das neue Werk der heimischen Indie-Rockerinnen. "Es geht um die Frage: Wie möchte ich leben?", sagt Bandmitglied Mira Lu Kovacs im APA-Gespräch. Die Antwort liefert der Albumtitel: "Apply Autonomy".

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Schon mit ihrem Debüt "Vitamin C" (2020) machte die Formation - damals noch zu viert - ordentlich Furore. Der steile Weg vom ersten Konzert im Wiener Gürtelclub Rhiz bis zur Headliner-Tour quer durch Europa und der Kür zum besten Indie-Album Europas war schnell beschritten. 2023 dachte das mittlerweile zum Trio geschrumpfte Gruppe über "The Good Life" nach. Und wieder drei Jahre später legen Kovacs und ihre Kolleginnen Sophie Lindinger und Nastasja Ronck, die ihre Stimmen genauso druckvoll einzusetzen wissen wie ihre Gitarren, nun "Apply Autonomy" (erhältlich ab Freitag) ab.

"Es hat sich ausgezeichnet entwickelt", schwärmt Kovacs über das Zusammenwachsen als Band. Immerhin sind alle drei auch in unterschiedlichsten Projekten umtriebig, weshalb My Ugly Clementine immer wieder gern als Supergroup bezeichnet werden. "Wir arbeiten aktiv an unserer Beziehung, holen uns auch Hilfe von außen, weil wir möglichst lange zusammen bleiben wollen", erklärt Kovacs. So kompliziert es zu dritt auch manchmal sei, gebe diese Konstellation zugleich eine unglaubliche Stabilität. "Es hat was von einem Leo, in dem man sich sehr safe fühlt."

Soundmäßig geht es noch etwas mehr als bisher in Richtung lauter und kraftvoller, wobei auch einige fragilere Stücke dabei sind. Außerdem wollte man gemeinsam mit Schlagzeuger Günther Paulitsch die "Freiheit, Energie und Lebendigkeit des Live-Spielens auf der Bühne" ins Studio transportieren, erinnert sich Ronck: "Das Düstere, die Feedbacks, das Wabern und Knarzen." Der kreative Output war hoch, immerhin hatte das Trio erstmals mehr Songs im Köcher als jene elf, die es schlussendlich aufs Album geschafft haben. Man habe sich einfach Zeit gelassen und ungeachtet bestimmter Erwartungshaltungen im Musikbusiness bewusst Druck rausgenommen, verweist Lindinger auf die anstrengende Zeit nach dem Release des Vorgängers: "Wenn man es relaxter angeht, sprudelt es gleich viel mehr."

Ist diese künstlerische Selbstbestimmtheit auch jene Autonomie, die im Albumtitel angesprochen wird? Eigentlich nicht, sind sich die drei einig. Als Roter Faden zieht sich vielmehr die vermeintliche Widersprüchlichkeit zwischen Selbstbestimmtheit und dem Dasein für andere durch. "Es geht darum, die beiden extremen Pole Egozentriertheit und Selbstaufgabe immer schwächer werden zu lassen, bis es ein schönes Zusammenspiel ergibt", philosophiert Lindinger. Das sei ein "Balanceakt", findet Kovacs. Für sie geht es dabei auch um die Grundfrage: "Wie möchte ich leben? Welche Art von Beziehungen möchte ich haben?". Der titelgebende Song der Platte sei früh da gewesen und "irgendwann sind wir draufgekommen, dass sich das Thema durch viele der Songs zieht". Und außerdem klinge "Apply Autonomy" auch so nach "Metal-Ding", lacht Kovacs.

Inhaltlich drehen sich die meisten Tracks um Beziehungen unterschiedlichster Art, wobei die emotionale Bandbreite groß ist. "Es gibt das total Wütende und das total Lustige und Leichte", findet Lindinger. In die erste Kategorie fallen etwa "No Rescue" oder "The Pretender", eine Abrechnung mit Doppelmoral, eine Anklage gegen eine "shitty person", die Gleichberechtigung und Gewaltfreiheit predigt, sich aber gegenteilig verhält. Derlei Lieder würden nicht nur "eine gewisse toxische, destruktive Art von Maskulinität" thematisieren, sondern schon auch das große Ganze mitdenken, betont Kovacs. Man dürfe sich da selber nicht ausnehmen: "Natürlich sind wir auch Teil dieses Systems und haben rassistische, sexistische, kapitalistische Strukturen in uns drinnen."

Auf der anderen Seite gibt es berührende Hymnen an Freundschaft und lockere Beziehungsformen, die bei My Ugly Clementine in denselben Rang wie die klassische Partnerliebe gehoben werden. "'This Is Nice' ist ein total liebevoller Blick auf etwas, das oft wenig wertgeschätzt wird - nämlich Begegnungen, die nicht die große Liebe sind, aber in denen man miteinander Erfahrungen sammelt und respektvoll miteinander umgeht", erklärt Ronck. "Situationship wird immer so toxisch konnotiert", ärgert sich Lindinger. Beim Thema Freundschaft sei das ähnlich: "Da gibt es diese gesellschaftlichen Regeln, dass man sich so und so nahe sein darf. Das stimmt doch nicht. Ich kann selbst bestimmen, wie eine Beziehung zu einem Menschen ausschaut."

Genau gegen das Labeln von Liebe und Freundschaft und warum das eine mehr, das andere weniger wert sein soll, singen My Ugly Clementine in "Unlawfully Wedded" an: "We're thicker than blood, what more do they want?" "Die Frage, ob die große Liebe nicht oft die Freund:innenschaft ist, ist einfach so relevant. Da ist jedenfalls viel Romantik drin", findet Ronck.

Und wie viel Autonomie erlaubt das Musikbusiness und seine Zwänge - Stichwort Social-Media Präsenz? "Man muss inzwischen Content Creator sein", seufzt Lindinger. "Dass ich im Internet irgendeinen Blödsinn machen muss, damit überhaupt noch jemand Musik hört, finde ich frustrierend." "Es ist die Masse. Gerade bei einem Albumrelease braucht es Content, Content, Content. Das ist ein Wort, das wir alle nicht mehr hören können", gesteht Kovacs. Sie kann dem Ganzen aber dann doch etwas Positives abgewinnen: "Wir hatten kürzlich Content-Drehs. Das ist schon ein Privileg, dass wir da so verspielt sein und rumblödeln können. Es ist dann immer witzig, wenn man der Familie ein Foto schickt von sich, als Clown verkleidet, und dazuschreibt 'Bin am Arbeiten'".

Zu tun hat das Trio in nächster Zeit jedenfalls genug. Denn Ende September geht es mit dem neuen Material auf Tour - und zwar gleich einmal für ein paar Stationen nach Deutschland, aber auch nach Paris und Amsterdam. Für Österreich ist derzeit nur ein Halt in Linz (28. Oktober, Posthof) eingeplant. Fix am Terminplan steht allerdings auch schon ein großes Wien-Konzert: Am 4. Juni 2027 spielen My Ugly Clementine ein Arena Open Air.

(Das Gespräch führte Thomas Rieder/APA)

(S E R V I C E - https://myuglyclementine.com/ )

WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/My Ugly Clementine/Mala Kolumna/Mala Kolumna

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