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Syrien: Am Strand der Sieger in Latakia

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Ausnahmeort. Latakia galt im Bürgerkrieg als syrische Gegenwelt – mit Meer, Bars, Bikini und Partys.©HOPE CENTER 2025

Latakia in Syrien galt lange als Ausnahme in einem zerstörten Land. Während anderswo bombardiert und belagert wurde, blieben hier Strände offen und Hotels in Betrieb. Doch nun ändert sich unter den Islamisten alles.

Einfach losschwimmen im neuen Syrien? Eintauchen in ein Meer, das so tut, als sei alles so wie früher. Azurblau, ruhig, verheißungsvoll. Palmen säumen die Corniche, ein Küstenstreifen näher an Zypern als an dem, was Syrien hinter sich hat. Latakia war anders. Immer schon. Geliebt und gehasst zugleich. Syriens viertgrößte Stadt und eine Herzkammer des früheren Regimes. Ein Ort der Offiziere, der Alawiten, der Christen, der Nächte, in denen Musik aus Bars drang und Frauen an Stränden lagen. Eine Ausnahme. Vielleicht auch eine Illusion?

In den fast 15 Jahren des syrischen Bürgerkriegs, als die Bilder von Bomben und Belagerungen um die Welt gingen, tauchten im Internet auch andere Sequenzen auf. Menschen an genau diesen Stränden. Kinder im Wasser. Frauen in Bikinis. DJs an Mischpulten. Eine Gegenwelt zum allgegenwärtigen Grauen, festgehalten in kurzen, flackernden Videos aus einer Stadt, die wirkte, als könne sie all dem entkommen. Heute ist Assad gefallen. Der Krieg sei vorbei. Islamisten an der Macht. Und das Meer ist geblieben. Genauso ruhig, genauso offen – nur der Weg dorthin führt nun durch ein Tor.

Kein Durchkommen

„Nur in Begleitung von Frauen!“ Der Mann steht im Schatten eines schmiedeeisernen Gitters. Schwarzes T-Shirt, verschränkte Arme, der Blick prüfend, routiniert. Hinter ihm: ein gepflegter Garten, Liegestühle, ein schmaler Streifen Strand. Dann das offene Meer. Und kein Durchkommen. „Keine Männer allein.“

Er sagt es, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Ein kurzer Blick. Verwunderung. Keine Männer allein? In einem Land, in dem nun Bärtige mit Waffen die neue Ordnung verkünden? Eine Pause. Ein paar Worte. Ein Rascheln von Scheinen. Schließlich öffnet sich das Tor doch.

Dahinter schmiegt sich das Mittelmeer an Syriens Küste. Klar, ruhig, flach auslaufend. Kinder toben im Wasser. Ein Mann steht bis zu den Knien darin, das T-Shirt noch am Körper, als hätte er vergessen, es auszuziehen. Weiter draußen schneidet ein Jetski eine Spur in die Bucht. Gelbe Sonnenschirme werfen Schatten auf Plastikliegen, die sich in den Sand drücken. Dazwischen viel Platz. Eine Frau tritt vorsichtig ans Ufer. Schwarzer Burkini, die Haare bedeckt. Sie taucht die Zehen ein, hält inne. Dann dreht sie um, kehrt zurück zu den Liegen. Mehr will sie nicht vom Meer.

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Kontrolle. „Keine Männer allein“, sagt der Mann am Eingang zu Garten, Strand und Meer.

 © HOPE CENTER 2025

Ein Traktor ruckelt über den Strand, zieht eine schiefe Furche. Dahinter liegt die Hotelanlage. Heute La Mira, einst Le Méridien. Verblasste Fassaden, leere Balkone, ein Pool ohne Wasser. Zu groß für das, was hier noch stattfindet. Ein Haus aus einer anderen Zeit, gebaut für Urlaub, Körper, Leichtigkeit. Und auch für Günstlinge des gefallenen Regimes. Das Personal verliert sich zwischen den Liegen, richtet hier einen Stuhl, wischt dort über einen Tisch. Die Bewegungen vorsichtig, fast tastend.

Ich gehe ins Wasser. Es ist warm, ruhig, trägt den Körper. Ein Meer, wie man es kennt. Wie man es sucht. Und doch kippt etwas, kaum dass man eintaucht. Man schwimmt nicht einfach hinaus. Lässt sich treiben. Vergisst sich selbst. Man bleibt sich seiner bewusst. Der Haut. Der Schultern. Der Blicke vom Ufer. In diesem neuen Syrien entscheidet sich vieles an der Haut. Wie viel man zeigt. Wer hinsieht. Wer wegschaut. Vielleicht auch, wer an solch einem Ort noch bleibt – und wer schon verschwunden ist.

Ich ziehe ein paar Bahnen, drehe mich auf den Rücken. Die Blicke vom Ufer bleiben haften. Es ist, als würde das Wasser hier nicht mehr schützen. Bald schwimme ich zurück. Als ich herauskomme, wirken nur die Kinder unberührt. Sie rennen ins Wasser, schreien, tauchen unter, kommen lachend wieder hoch. Für sie ist das Meer nur Meer.

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Relikt. Das frühere Le Méridien in Latakia war Ferienhotel und Treffpunkt der Regimegünstlinge. Heute wirkt es zu groß für die neue Zeit.

 © HOPE CENTER 2025

Verhüllte Freiheit

Für Noor war es immer Freiheit. „Rausfahren, es schmecken, es spüren. Und sich von ihm treiben lassen“, sagt sie. Noor ist 22. Dunkles Haar fällt ihr in weichen Wellen über die Schultern, das Gesicht schmal, die Bewegungen ruhig. Sie hat ein weites Shirt an, ihre Nägel sind makellos lackiert. Noor ist Christin, katholisch. Der Glaube ist nichts, das sie erklärt. Er ist da und trägt. So wie das Meer.

Ihr Salon ist ein Tisch in der Wohnung der Eltern. Mehr nicht. Ein schmales Regal mit Nagellacken in Pastelltönen, eine Lampe, die warmes Licht auf die Hände wirft. Noor sitzt nah an ihrer Kundin, hält deren Finger zwischen den eigenen, feilt, lackiert. Nebenan ihre Mutter auf dem Sofa, die Hände ineinander verschränkt, der Blick immer wieder hinübergleitend. An der Wand ein Marienbild. Darunter eine Uhr, die zu laut tickt.

„Früher bin ich einfach ins Wasser gegangen“, sagt Noor. „Natürlich im Bikini. So wie wir alle.“ Ein kurzes Lächeln, das rasch verschwindet. Bis Männer am Strand auftauchten. Erst einzelne, dann mehr. Typen, die sie zuvor noch nie gesehen hatte. Erst starrten sie, bald befahlen sie. Selbsternannte Sittenwächter, gestützt von einer neuen Ordnung, die noch nicht überall gilt, aber längst um sich greift. In edleren Strandhotels wie dem La Mira lassen sie Männer deshalb gar nicht mehr allein ­hinein. Die Hotels wollen Ruhe bewahren – und verraten mit dieser Regel mehr über das neue Syrien, als sie verhindert.

Noch gibt es Alkohol

Die Veränderungen zeigen sich längst nicht nur am Strand. In vielen Orten werden Alkohollizenzen eingeschränkt oder ganz aufgehoben. Auch an der Küste berichten Gastronomen und Hoteliers von wachsendem Druck. Noch gibt es kein landesweites Verbot. Noch wird in manchen Bars verstohlen ausgeschenkt. Aber vieles wirkt wie ein langsames Austesten der Grenzen. Wie weit lässt sich die Gesellschaft verändern, ohne es offiziell anzuordnen? Noor muss dafür keine Erlässe lesen. Sie geht einfach nicht mehr im Bikini ins Wasser.

Sie dreht die Hand ihrer Kundin ins Licht, prüft den Lack. Früher seien es mehr gewesen, sagt sie. Frauen, die sich Zeit nahmen, lachten, blieben. Heute werde weniger geredet. Viele seien vorsichtiger geworden. Manche kämen gar nicht mehr. Andere nur noch selten. Noor fragt nicht nach den Gründen. In Latakia fragen derzeit viele lieber nicht. Dann greift sie nach zwei Fotos, die neben den Nagellacken liegen. Ein junger Mann, sauber rasiert, einmal eingerahmt, einmal lose: Lucian. Ihr Verlobter. „Er hat nachts zusammen mit anderen aufgepasst“, sagt sie.

In der Nachbarschaft, nach dem Regimewechsel, als alles ins Ungewisse abglitt. Bis sie ihn erschossen. Vor dem eigenen Haus. Der Schütze sei erst kurz davor durch eine Amnestie des neuen Regimes aus dem Gefängnis freigekommen. Noor hält Lucians Bilder einen Moment fest. Dann arbeitet sie weiter. Feilt, lackiert, pustet den Staub von den Fingern der Kundin. Draußen liegt das Meer. Sie könne es riechen, sagt sie. Manchmal auch hören. „Ich gehe noch hin.“ Nicht mehr so wie früher. Aber sie gehe. In Shorts und im Leibchen ins Wasser.

Die Stimme der Küste

Ali lehnt an seinem weißen Wagen und blickt hinaus aufs Meer. Die Zigarette zwischen den Fingern, ein Witz auf den Lippen, die Stimme laut genug, dass mehrere Menschen gleichzeitig zuhören. Wer ihn hier sieht, hält ihn für einen Mann, den nichts erschüttert. Er kennt die Küste, die Cafés, die Promenade, den Salzgeruch in der Abendluft. „Latakia war für mich immer ein anderes Syrien“, sagt er. „Unser Land ist schön, jede Region hat ihren Reiz. Aber Heimat ist dort, wo ich das Meer rieche.“ Er sagt es und zieht an seiner Zigarette, während hinter ihm die Sonne langsam über dem Mittelmeer versinkt.

Von seiner Arbeit lebte Ali lange gut. Er kutschiert Menschen durchs ganze Land. Von Damaskus nach Aleppo. Von Homs an die Küste. Manchmal auch rauf bis nach Idlib, jene letzte Bastion der Islamisten im Krieg, aus der heute viele der neuen Machthaber stammen. Stundenlang sitzt Ali am Steuer, hört Musik, raucht, telefoniert, erzählt. Wer so viel unterwegs ist wie er, lernt Syrien kennen. Nicht das Syrien der Reden und Parolen. Sondern das der Tankstellen, Straßensperren, Raststätten und Warteschlangen.

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Checkpoint am Stadtrand von Damaskus: Bewaffnete Milizionäre kontrollieren Ausweise, stellen Fragen und entscheiden, wer weiterfahren darf.

 © HOPE CENTER 2025

Am Stadtrand stockt der Verkehr. Betonblöcke tauchen auf, Tarnuniformen. Ein erster Stau bildet sich. Ali nimmt den Fuß vom Gas. Weiter vorne bewegen sich Männer zwischen den Autos. Kalaschnikows über der Schulter. Lange Bärte. Ernste Gesichter. Sie beugen sich zu den geöffneten Fenstern, prüfen Ausweise, stellen Fragen, winken weiter oder eben nicht.

Checkpoints gab es in Syrien schon immer. Unter Assad oft noch mehr als heute. Damals patrouillierten Soldaten, Polizisten, Geheimdienstler. Heute sind es Männer, die den Krieg nicht nur vom Erzählen kennen. Als Islamisten haben sie Fronten gehalten, Städte erobert, Menschen getötet, Freunde begraben. Nun kontrollieren sie die Straßen des neuen Syriens. Und lauern dort auf Beute.

Dialekt als Schutzschild

Ali zündet sich eine weitere Zigarette an. Die Scheibe gleitet hinunter. Lässig legt er den Arm auf die Tür. Reicht die Papiere hinüber. Und spricht plötzlich, als sei er ein anderer. Der Dialekt der Küste ist aus seiner Stimme verschwunden.

Sein Arabisch klingt nun so, als könnte er auch aus Aleppo stammen. Zumindest hofft er das. Innerlich pocht er. Ist angespannt. Den Trick mit dem Dialekt hat er sich angeeignet, als Vorkehrung, als Schutzschild, als Akt, der Ärgeres verhindern soll. Ein Syrer, der seinen Dialekt vor anderen Syrern verschleiert. Weil Ali Alawit ist.

In der Geiselhaft des Gefallenen

So wie Baschar al-Assad. Und dessen Vater. Die Familie, die Syrien mehr als ein halbes Jahrhundert lang beherrschte, stammte aus den Bergen über der Küste. Viele Generäle, Geheimdienstler und Vertraute des Regimes ebenfalls. Die Alawiten stellen nur rund zehn Prozent der Bevölkerung Syriens. Doch an der Küste war ihre Präsenz unübersehbar.

Latakia war im Krieg nie einfach eine weitere syrische Stadt. Hier lag der wichtigste Hafen, Syriens Tor zur Außenwelt. Über ihn liefen Waren, Geld und Netzwerke der Macht, später auch das milliardenschwere Captagon-Geschäft des Regimes, das Syrien zu einem der größten Drogenexporteure der Region machte. Zugleich galt die Stadt als Zuflucht und Festung. Während anderswo ganze Viertel verschwanden, blieben hier Hotels offen, Hochzeiten möglich, Strände zugänglich. Nicht, weil der Krieg fern gewesen wäre. Sondern weil Latakia der Macht nahe war.

Ali bestreitet nicht, dass viele Alawiten unter Assad aufstiegen. In den Sicherheitsapparaten. Im Militär. In den Netzwerken der Macht. Doch die Mehrheit habe nie zu diesen Kreisen gehört. „Lass es ein paar Tausend sein. Vielleicht zehnoder zwanzigtausend“, sagt er, „aber wir Alawiten sind an die zwei Millionen.“

Viele blieben Beamte, Bauern, Soldaten, Fahrer wie Ali. Menschen, die im Staat lebten, aber nicht über ihn herrschten. Nach Assads Sturz verwischten diese Unterschiede. Der Diktator fiel. Der Verdacht blieb. Seitdem wird mit den verhassten Alawiten kollektiv abgerechnet – ganz gleich, ob Assad sie einst protegierte oder schon damals verriet. Eine ganze Volksgruppe geriet in die Geiselhaft eines Gefallenen.

Syrer gegen Syrer

Wie rasch daraus Gewalt wird, zeigte das vergangene Jahr. Nach Angriffen bewaffneter Assad-Anhänger auf Sicherheitskräfte zogen Regierungstruppen und verbündete sunnitische Islamisten-Milizen die Küste entlang. Menschenrechtsorganisationen und die UNO dokumentierten Massaker, standrechtliche Erschießungen und andere schwere Verbrechen gegen alawitische Zivilisten. Mehr als 1.500 Menschen wurden dabei getötet.

Ali spricht nur widerwillig darüber. Er erzählt von Verwandten, die sich damals in ihren Häusern verschanzten. Türen verriegelten. Handys abdrehten. Warteten. Hofften, dass niemand kam. Mehr will er nicht sagen. Weil Geschichten in Syrien manchmal gefährlich werden, sobald sie Namen bekommen. Auch über Entführungen spricht er vorsichtig. Freunde. Bekannte. Menschen, die aufbrachen und nicht zurückkehrten. Manche wurden auf Reisen verschleppt, andere auf dem Weg zur Schule oder aus ihren Häusern.

Für Ali sind das keine abstrakten Meldungen. Es sind die Warnungen, die mitfahren, wenn er wieder auf einen Checkpoint zurollt. „Dabei sind wir doch alle Syrer“, sagt er. „Früher war es egal, ob du Alawit, Sunnit, Druse oder Christ bist. Heute kann es dein Todesurteil sein.“ Ali sagt das nicht leise. Nicht pathetisch. Eher so, als müsse man die Dinge irgendwann beim Namen nennen. Dann raucht er weiter, erzählt einen Witz, lacht zu laut, als könne man die Angst auf Abstand halten.

Noor fährt noch immer ans Meer. Ali noch immer durchs Land. Die eine zieht sich zum Schwimmen ein T-Shirt über. Der andere legt sich an Checkpoints einen fremden Dialekt zu. Beide bleiben. Noch. Draußen liegt das Meer. Offen wie immer. Nur ist offen in Latakia längst nicht mehr dasselbe wie frei.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 32/2026 erschienen.

Über die Autoren

allewelt bei Missio Österreich. Bis September 2020 war er Teil des Investigativteams der Rechercheplattform Quo Vadis Veritas – addendum.org. Von 2003 bis 2018 für das Magazin News tätig. Dort leitete er zuletzt das Außenpolitik-Ressort.

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