Friedrich Merz will als Macher gelten. Doch starke Ansagen sind noch keine starke Politik. Gerade wenn Parteien an Bindekraft verlieren, wächst die Sehnsucht nach Personen, die Klarheit versprechen. Österreich kennt das gut.
Ich will. Ich übernehme Verantwortung. Ich ziehe das durch: Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hat am vergangenen Sonntag um 18.14 Uhr fast alles gesagt, was man von einem entschlossenen Politiker erwartet. Die Reformen müssen kommen. Es brauche Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld. Er werde all das aufbringen.
Nur: Merz ist längst nicht mehr der Mann, der ankündigen kann, was er alles anders machen würde. Er ist Bundeskanzler. Mit der Wahl endet die Zeit der Versprechen. Dann zählen Ergebnisse. Am Sonntag flog die CDU in Mecklenburg-Vorpommern mit 4,9 Prozent erstmals aus einem deutschen Landesparlament, in Berlin verlor sie ebenfalls deutlich.
Partei, Programm, Persönlichkeit
Merz hat ein sehr klares Bild von sich selbst als Entscheider. Er will führen, entscheiden, durchsetzen. Doch die Menschen müssen einem Politiker nicht nur abnehmen, dass er etwas will. Sie müssen ihm auch abnehmen, dass sein Wollen einen Unterschied macht. Manuela Schwesig ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Ihre SPD kam in Mecklenburg-Vorpommern auf 35,5 Prozent. Fast die Hälfte ihrer Wähler sagte anschließend, sie würde die SPD ohne Schwesig nicht wählen.
Die Wahl in Berlin erzählt eine andere Geschichte. Elif Eralp hatte ein klares Thema: Wohnen. Die Linke stellte die Mietfrage ins Zentrum ihres Wahlkampfs und gewann die Wahl. Bei Schwesig trägt die Person die Partei. Bei Eralp gibt ein konkretes Thema der Person Kontur. Beides zeigt, wie stark Personen Wahlen prägen können. Und dennoch ist ihr Wirken nie losgelöst von Partei, Programm und politischer Lage.
Sehnsucht und Wirklichkeit
Je schwächer die Bindung an Parteien wird, desto stärker fällt der Blick auf die Person an der Spitze. Aber was suchen die Wählerinnen und Wähler dort? Den Heilsbringer? Den Klartextredner? Oder einfach jemanden, bei dem sie das Gefühl haben: Der weiß, was er will. Der kann etwas. Der versteht mich? Diese Sehnsucht trifft auf eine politische Wirklichkeit, in der Verantwortung immer schwerer eindeutig zuzuordnen ist. Denn in Koalitionen will jeder etwas, keiner bekommt alles. Es wird verhandelt, getauscht, nachgegeben. Am Ende steht ein Kompromiss. Oft mit Beigeschmack.
Einfacher ist die Geschichte von jenen, die sagen: Gebt mir die Macht, ich liefere. In Österreich kennen wir dieses Modell. Sebastian Kurz machte 2017 weitreichende Kompetenzen zur Bedingung für die Übernahme der ÖVP und richtete die Partei stark auf seine Person aus. Die ÖVP wurde stärkste Kraft.
Kein eindeutiger Auftrag
Doch Personalisierung ist ein Hochrisikomodell. Wer den Erfolg einer Partei mit einem Menschen verbindet, verbindet auch ihre Zukunft mit ihm. Verschwindet die Person, zeigt sich, ob eine politische Idee und eine erneuerte Organisation geblieben sind – oder vor allem die Erinnerung an den Menschen, der beides verkörpert hat. Hinzu kommt ein weiteres Dilemma: Eine Wahl enthält keinen eindeutigen Auftrag. Der eine wählt wegen der Migration, die andere wegen der Mieten. Einer will den Kanzler abstrafen, eine andere ihre Ministerpräsidentin behalten. Manche wählen eine Partei wegen ihres Spitzenkandidaten, andere trotz ihm. Millionen unterschiedliche Motive ergeben ein Wahlergebnis. Keine Gebrauchsanweisung.
Auch „notwendige Reformen“ sind keine objektive Kategorie. Was dem einen als ökonomische Notwendigkeit erscheint, ist für andere Sozialabbau. Besonders schwierig wird es, wenn die Kosten einer Reform sofort spürbar werden, ihr möglicher Nutzen aber erst Jahre später. Gerhard Schröders Agenda 2010 beispielsweise entstand keineswegs in einer Zeit, in der mutige Kanzler einfach tun konnten, was sie für richtig hielten. Die Reformen führten zu massiven Konflikten in der SPD und mit den Gewerkschaften. Allerdings fehlte damals die permanente Beschleunigung durch soziale Medien, in denen ein Gedanke, ein Zweifel oder eine Kurskorrektur binnen Minuten kommentiert, zugespitzt und skandalisiert werden kann.
Die Hoffnung auf den richtigen Menschen an der Spitze erspart unangenehmere Fragen. Etwa, was mit dem inhaltlichen Angebot selbst nicht stimmt.
Schröder entschied sich für eine Politik, von der er wissen musste, dass sie seine eigene Macht beschädigen konnte. Wer ist heute bereit, für eine politische Überzeugung einen solchen Preis zu riskieren? In einer Zeit, wo ein Zweifel schnell als Schwäche gilt, eine Kurskorrektur als Umfallen. Also wird abgesichert, abgestimmt, getestet. Auf Umfragen geschielt. Sind diese schlecht, beginnt die nächste Personaldebatte. Die Hoffnung auf den richtigen Menschen an der Spitze erspart unangenehmere Fragen. Etwa, was mit dem inhaltlichen Angebot selbst nicht stimmt.
Von Politikmüdigkeit erzählen diese Wahlen nicht. Die AfD gewann besonders viele Stimmen aus dem bisherigen Nichtwählerlager. Was schwindet, ist die selbstverständliche Bindung an die Volksparteien. Für Friedrich Merz und die anderen ist das die unangenehme Botschaft: Entschlossenheit allein reicht nicht. Wer führen will, muss nicht nur sagen, dass er etwas verändern wird. Er muss zeigen, was sich verändert. Sonst bleibt vom Anspruch auf Führung vor allem eines übrig: der Anspruch.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 39/2026 erschienen.
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