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2nd Opinion: Die Melancholie der SPÖ

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Michael Fleischhacker

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Es ist das Problem von Revolutionären, Verliebten und religiös Erweckten: Wenn das Ersehnte erreicht ist, kommt die Melancholie der Erfüllung. Darauf reagiert jeder anders. Die SPÖ zum Beispiel kümmerte sich nur noch um sich selbst und das ging schief.

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Man sagt, es sei das Problem gar nicht so weniger Beziehungen, und es ist ganz offensichtlich auch das Problem von revolutionären Bewegungen, politischen Projekten und religiösen Erweckungen: Die Melancholie der Erfüllung. Etwas wird mit aller Kraft verfolgt, weil die, die es verfolgen, zuinnerst davon überzeugt sind, dass ihr physisches Überleben, das Überleben ihrer Nation, die Zukunft der Erde oder das Schicksal des Universums daran hängt.

Große Leere

Dann wird das Ersehnte erreicht, und es tritt eine große Leere ein. An allen Ecken und Enden, in jedem Gespräch, bei jedem „Guten Morgen“ springt einen von hinten eine Frage an, die dem ängstlichen Ohr wie die Stimme eines hämisch schnarrenden Piraten­papageis erscheinen möchte: Und? Was jetzt?

Jetzt beginnen die Mühen der Ebene, die Routinen des Ehelebens, die immer gleichen Sitzungen mit den immer gleich Leuten, das Kuchenverteilen im Pfarrcafe. Nicht jeden Tag ist man auf dieselbe Weise schockverliebt, revolutionär aufgeladen oder religiös empfänglich, und an solchen Tagen ist das Leben gelegentlich kein Spaß. Sie kennen das sicher auf die eine oder andere Weise.

Aufruhr und Alltag

Es gibt sehr unterschiedliche Reaktionen auf die Erkenntnis, dass sich der entscheidende Tag der Revolution nicht jeden Tag wiederholt, dass man nicht jeden Tag emotional wiedererobert wird und auch Gott oder das fliegende Spaghettimonster mal Zeit für sich braucht und uns nicht 24/7 mit Erleuchtung bespaßen kann.

Und ein wenig kommt es dabei auch darauf an, wie sehr man auf neuronalen Dauerbeschuss angewiesen ist, ob man auch ohne Daueraufregung langfristig beziehungsfähig bleibt und ob die liturgischen Räume, in die man sich begeben hat, über einigermaßen solide Dächer verfügen. Im besten Fall kann man die Diskrepanz zwischen Aufruhr und Alltag einigermaßen gut regulieren, erinnert sich wohlig an die Ekstase und findet Entspannung in der Normalität.

Diktatoren, Dauerstreit und woke Pfarrer

Im schlechteren Fall, und ich neige zu der Ansicht, dass er der häufigere ist, führt die Melancholie zu so etwas wie metaphysischem ADHS: Revolutionäre werden zu Diktatoren, weil sie es nicht ertragen können, die Straße oder das Schlachtfeld mit einem Sitzungsraum zu tauschen und dabei zuzusehen, wie eine große Idee in kleine Fraktionen zerteilt wird.

Paare geraten in Dauerstreit und enden in Trennungen, weil angeblich der jeweils andere in der Phase des wechselseitigen Eroberungsbestrebens sehr viel mehr versprochen hatte, als er zu halten in der Lage ist, religiös Erweckte werden zu agnostischen Zynikern, weil sie nicht einsehen wollen, dass ihnen die Predigt eines woken Pfarrers über die Göttlichkeit der Wärmepumpe das Feuer des Geistes ersetzen soll, das sie so aufregend verspürt hatten.

Gewöhnung an das Unvermeidliche

Im Normal stellt sich eine Mischung aus inkrementellem Verbesserungsbemühen und Gewöhnung an das Unvermeidliche ein. Ehemalige Revolutionäre suchen nach Möglichkeiten, ihre Hochgefühle in Festakten wiederaufleben zu lassen und verlagern ihren Eifer von der Tat in die Sprache. Wichtig ist dann nicht mehr, dass sich etwas verändert, wichtig ist, dass in der richtigen Weise über die Welt und ihre Veränderung gesprochen wird.

In Beziehungen kommt es im Zuge der Normalisierung gelegentlich zu einer leichten Überfrachtung mit Symbolhaftem, aber das muss nicht sofort zur Scheidung führen. Religiös Erweckte, die nicht zu agnostischen Zynikern geworden sind, versuchen es in der Regel mit mehreren Varianten des immer Ähnlichen, oft folgt auf den konsekutiven Monotheismus das Pantheistische Koma der Nichtteilnahme an der Welt, viele bleiben aber dennoch im Alltag funktionstüchtig.

Ab Klima ging es bergab

Ein bisschen von alldem erleben wir derzeit in der österreichischen Sozialdemokratie. Dass die Melancholie der Erfüllung dabei eine gewisse Rolle spielt, ist schwer zu leugnen: Unter Bruno Kreisky gab es noch Auseinandersetzungen ökonomischer und gesellschaftlicher Natur, Christian Brodas Familienrechtsreform war eine ziemliche Zäsur in den katholisch geprägten Geschlechterverhältnissen, Bildung für alle war neu, das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften noch nicht so gut geschmiert wie ab den späten 80er-Jahren.

Gusenbauer waren die sogenannten Menschen da draußen weniger wichtig als jedes Leergebinde burgundischer Herkunft

Franz Vranitzky konnte habituell und intellektuell noch als Verwalter des Kreisky’schen Erbes durchgehen, ab Viktor Klima ging es bergab, in jeder Hinsicht. Was hätte man für die Arbeiter noch erreichen sollen? Eben. Also begann man sich auf die Kultur zu stürzen, deren Staats- und Parteinähe die späten 80er- und die 90er-Jahre prägen sollte.

Simulierte Gesinnung

Im Jahr 2000 war es auch mit Viktor Klima vorbei und es ging noch weiter bergab. Alfred Gusenbauer gelang es ob seiner Kunst- und Kultur-Affinität noch, so etwas wie sozialdemokratische Gesinnung zu simulieren, allerdings waren ihm die sogenannten Menschen da draußen weniger wichtig als noch jedes Leergebinde burgundischer Herkunft. In dem Gewusel aus revolutionärem Gerede, identitätspolitischem Furor und gewerkschaftlichem Traditionalismus war die Wahl von Andreas Babler auch schon egal.

Es ist nämlich so: Wenn eine Partei schon alles erreicht hat, muss sie sich nur noch um sich selber kümmern, und das kann gründlich schiefgehen.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 41/2026 erschienen.

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