Wir müssen einen anderen Umgang miteinander und mit den Problemen der Welt finden, ist Matthias Strolz überzeugt. In seinem neuen Buch „Homo Universus" macht sich der Ex-Politiker, der heute Unternehmer und Berater ist, Gedanken über die Zukunft der Menschheit. Dazu gehört: Bei der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz endlich für alle gültige Regeln zu finden
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Wir leben in einer Zeit der Krisen: Klima, Kriege, KI, Polarisierung der Gesellschaft. Sie sagen, wir können diese meistern – aber nicht, ohne uns als Menschheit zu verändern. Wie soll das gehen?
Wenn wir weiter unseren Platz im evolutionären Prozess dieses Planeten haben wollen, müssen wir in eine neue Stufe unseres Bewusstseins reifen. Sonst wird es uns löschen. Davon bin ich überzeugt. Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, das wäre eine Anmaßung. Aber es gibt viel, das uns ausmacht: dreidimensionales Zeitbewusstsein, partiell ein freier Wille und ein reicher Gefühlshaushalt. Das hat kein anderes Wesen. Dazu kommen Kreativität und Anpassungsfähigkeit. Darum werden wir die Herausforderungen meistern können. Aber eines ist klar: Nach 350.000 Jahren Menschheitsgeschichte steht unsere Spezies an einem Wendepunkt.
Wohin müssen wir uns wenden?
Der Homo Universus ist ein in die Ganzheit gewendeter Mensch, wörtlich übersetzt. Wir haben uns die letzten 350 Jahre als Kinder der Aufklärung über unseren Kopf definiert. Das hat uns unglaublich weit gebracht, schon bald bis zum Mars. Unsere Lebenserwartung hat sich fast verdreifacht. Aber wir leben diesen Fortschritt als seelenlosen Exzess und als Obsession des linearen Denkens. Nun kommt die lernende Maschine und überholt uns bei diesem Denken mit einem Affenzahn-Tempo. Da reden wir noch nicht einmal von der künstlichen Superintelligenz, die viele Experten erwarten.
Was müssen wir daraus lernen?
Wir müssen uns die Frage stellen: Was ist der Mensch im Kern? Er ist mehr als lineares Denken. Der Mensch hat auch andere Intelligenzzentren: das Herz und den Bauch. Jede große Kultur hat gewusst, dass das Herz mehr ist als eine Pumpe. Es gibt Forschung, die besagt, es kommen mehr Signale vom Herz ins Hirn als umgekehrt. Dann haben wir noch die Intuition. Im Bauch können wir auf Datenbanken zurückgreifen, die wir noch gar nicht vermessen können. Die Epigenetik bewegt sich in ihren Forschungsansätzen langsam in diese Richtung. Selbst Anton Zeilinger, Nobelpreisträger für Physik, sagt: Das Wichtigste ist Intuition. Und ich lege noch eine vierte Dimension dazu: Die Einbettung in das große Ganze. Jede Hochkultur hatte eine Ahnung davon, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind. Nur wir Kinder der Postmoderne finden das ein bisschen verdächtig.
Unsere technischen Errungenschaften können uns als Menschheit vernichten: von den Atomwaffen bis zur KI. Gleichzeitig fehlt uns die Fähigkeit, einer schleichenden Gefahr gemeinsam entgegenzutreten?
Die größte Innovation des 21. Jahrhunderts darf nicht Technologie sein, auch wenn hier Großes passiert. Sie muss im Bereich des Bewusstseins sein. Wir halten seit 70 Jahren die Atombombe in Schach – weil wir sie zwei Mal geworfen haben. Jetzt brauchen wir ein KI-Moratorium. Wir müssen die Stopptaste drücken und uns Regeln ausmachen. Sie wird von profitgeilen Tech-Bros, gewinnorientierten Konzernen oder machtgeilen politischen Akteuren vorangetrieben. Jeder will das Rennen gewinnen. Es geht um Macht, Geld und Einfluss. Mit einem solch ignoranten Wettrennen auf „Teufel-komm-raus“ – ohne Regeln und Grenzen – steuern wir auf einen Hiroshima-Moment zu.
Es muss einen Schadensfall mit vielen Toten geben, bevor sich die Menschheit zusammensetzt
Wer soll die Regeln machen?
Schaut man auf historische Analogien muss es wohl einen Schadensfall mit vielen Toten geben, bevor sich die Menschheit zusammensetzt. Wenn es dann nicht schon zu spät ist, weil uns die KI überlegen sein und sich aktiv gegen Einschränkungen wehren könnte. Verbinde ich dieses Szenario mit den Fortschritten der Biotechnologie und einem Despoten, der sich ein tödliches Virus wünscht, frage ich mich umso mehr: Warum gibt es Atomwaffen-Sperrverträge, aber nichts Vergleichbares für die Bereiche KI und Biotechnologie? Solange wir die Augen verschließen, können wir keine Handlungsfähigkeit entwickeln. Wir müssen den Status quo anerkennen und auf die nächste Stufe des Bewusstseins hechten. Die UNO muss an Regeln arbeiten, unter Einbindung der Konzerne. Es spricht meines Erachtens viel dafür, KI zu verstaatlichen. Die Chinesen machen das, weil sie Angst haben, dass die KI gegen die herrschende Klasse verwendet wird. Die Amerikaner gehen diesen Weg vorerst bewusst nicht – gemäß ihrer Tradition und auch weil sie sich einen Wettbewerbsvorteil erhoffen durch den privaten Kapitalmarkt.
Sie verlangen vom Einzelnen, aktiv zu werden. Werden da Probleme individualisiert, die Aufgabe der Politik wären?
Ich stelle eine Vision in den Raum, wie wir als Menschen wachsen können. Als Politschädel weiß ich aber auch, eine Theorie ist nur so gut, wie sie hilfreich im echten Leben ist. Hilft mir diese „Theory of Change“ in Fragen von Krieg und Frieden? Gut und Böse? Bei Fragen von Kapitalismus, Marktwirtschaft und Wettbewerb? Bei Freiheit und Verantwortung? Für mich war sie extrem hilfreich. Ich habe das Buch ja auch für mich geschrieben, weil man in dieser verrückten Welt droht, in Frustration, Ignoranz, Arroganz oder Depression abzugleiten. Basierend auf dem Buch haben wir dann sogar einen KI-gestützten virtuellen Sparringspartner gebaut, den man nutzen kann.
Sie füttern den Riesen auch noch?
Ich lasse mich von KI beraten, aber die Entscheidungen treffe ich selbst. Die KI bringt ja auch unglaubliche Segnungen. Sie kann Wissen demokratisieren, uns dabei helfen, Krankheiten zu heilen, Bildung in den entlegensten Winkel der Erde bringen. Aber es gibt eben auch Schatten. Eigentlich ist sie nichts anderes als ein Spiegel für uns Menschen: „Da steht ihr gerade! An diesem schicksalhaften, aber nicht ohnmächtigen Wendepunkt eurer Spezies.“ Und die Donald Trumps und Putins sind auch da. Sie sind nichts anderes als Hofnarren der Zeitgeschichte. Ein Hofnarr überhöht und verdreht Wahrheiten. Donald Trump, so imposant wie kein anderer, zeigt uns den Schwachsinn unserer Systeme mit einem riesigen Vergrößerungsglas. Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen. Ob wir den Schwachsinn sehen wollen. Wenn Leute trotzdem sagen, das ist mein Mann, dann mangelt es an Bewusstsein. Mein Buch ist ein Plädoyer für mehr Bewusstsein.

Homo Universus: Unser Menschsein neu entdecken und leben
In seinem jüngsten Buch „Homo Universus. Unser Menschsein neu entdecken und leben“ analysiert Matthias Strolz die Krisenherde der Welt und gibt Handlungsanleitungen für den Einzelnen. Edition Platin
Die 400 Seiten lesen womöglich nur wenige, was wäre die kritische Masse, die die Welt ändern kann?
In der Systemtheorie sprechen wir von Islands of Coherence. Es braucht in Krisenzeiten kompakte Inseln des Neuen, die überdimensionierten Einfluss bekommen, weil sie kohärent, also geeint und entschlossen sind. Der nächste Schritt ist, diese Inseln des Neuen zu Gruppen zusammenzuschließen. Zu einem Archipel des Wandels. Dieser Prozess läuft. Ich bin ja nicht der Erste, der solche Ideen hat. Umgekehrt genauso: Trumps MAGA-Bewegung versucht, sich international zu organisieren. Unterstützt von Tech-Bros, die die Demokratie und die Wirtschaft abschaffen wollen, denn sie wollen keinen Wettbewerb. KI wird den Einfluss von Staaten massiv zurückdrängen und den Einfluss von Konzernen und Einzelpersonen erhöhen. Elon Musk ist nur der Vorgeschmack.
Klingt wie der Kampf Gut gegen Böse.
In jedem von uns steckt sowohl das Gute wie das Böse. Und was wir füttern, wird größer. In jedem Menschen wohnt ein kleiner Putin, ein kleiner Hitler, ein kleiner Mahatma Gandhi und eine kleine Jane Goodall. Man kann entscheiden, welche Seite man stärkt. In mir steht manchmal die Wut auf. Ich sage ihr dann „Ich sehe dich eh“, aber ich entscheide, ob ich dir die Reiseleitung gebe. Ich mache sie mir bewusst. Sonst wäre ich blinder Passagier meiner Wut. Wenn ich sie aber nicht gut führe und einfach hinunterschlucke, macht sie mich krank und macht mich zum Passagier meines Hasses. Hass ist kalte Wut.
Muss man Wohlstand neu definieren?
Ich bin ein Mann der Wirtschaft, aber auch ein spiritueller Pilger. Ich wollte in Bhutan das Brutto-Glücksprodukt studieren. Was es heißt, damit einen Staat zu steuern. Es ist Schwarz-Weiß-Propaganda, dass da im Himalaya ein glückliches Volk sitzt. Keiner entkommt dem Kapitalismus, der krabbelt auch über 8.000 Meter hohe Berge. Der König holt sich Berater von Blackrock und Vanguard. Auf meine Frage, warum er sich Vertreter des Turbokapitalismus holt, hat er gesagt, er verstehe die Frage nicht. „Wir sind doch auch materielle Wesen.“ Mit diesem Satz habe ich gehadert, aber seine Wahrheit erkannt. Was ist die Aufgabe der Wirtschaft? Den materiellen Kreislauf zu organisieren und Grundbedürfnisse zu decken. Die Grenze ist klar: Wirtschaft ist für die Menschen da. Dort, wo es umgekehrt ist, wandeln sich Wirtschaft, Kapitalismus und der Markt ins Krankhafte.
Wirtschaftsliberale fordern die Freiheit des Marktes.
Freiheit ja, aber der Markt braucht immer auch einen entschlossenen Staat als Gegenüber, der Regeln aussteckt und gewährleistet. Sonst pervertiert er sich. Ich bin ein Fan einer sozial-ökologischen Marktwirtschaft. Sie schafft – im historischen Vergleich – den größten Wohlstand für breite Massen. Ich lebe diese Überzeugung auch. Ich bin seit Ende 2025 Geschäftsführer eines Start-ups für nachhaltige Holzbausteine. Warum? Wir wohnen in Häusern, die am Ende ihres Lebenszyklus Sondermüll sind. Das können wir besser. Unsere Bausteine sind aus Schadholz, das bisher nicht verwendet wurde. Sie können wiederverwendet werden. Häuser daraus gewährleisten hohe Wohnqualität und sind CO2-Senken.

Steckbrief
Matthias Strolz, 53
Der gebürtige Vorarlberger studierte in Innsbruck Wirtschaft und Politik, war Unternehmensberater, ehe er 2012 NEOS gründete, deren Parteichef und Klubobmann im Parlament er bis 2018 war. Seit seinem Ausstieg aus der Politik ist er wieder als Unternehmer und Berater tätig. Er ist Autor mehrerer Bücher und führt ein Unternehmen für nachhaltige Holzbausteine.
Als „Politikschädel“ – wie sehen Sie die Politik in Krisenzeiten? Möchten Sie an der Parlamentstür rütteln?
Ich bin demütig und pragmatisch geworden. Wir haben alles gegeben und probiert, aber die Welt haben wir auch nicht gerettet. Ich glaube dennoch, dass NEOS ein wertiger Beitrag für Österreich ist. Vieles ist gelungen, vieles nicht, manches ist derzeit auf einem kritischen Pfad. Gleichzeitig erkenne ich keine politische Kraft, die eine für mich attraktive Vision hätte, wo wir uns hinbewegen sollen. Alle sind von der Polykrise erdrückt und schaffen gerade noch den Blick auf die nächste Schlagzeile. Das ist zu wenig. Ich wünsche unserer Politik einen wachen Blick auf das große Ganze, Tatkraft, Ehrlichkeit und Mut. Ich vermisse Wertschätzung in der Politik, sehe zu viel von diesem Einander-Beflegeln und Schlechtmachen. Auch der Mitbewerb hat gute Ideen. Auch die FPÖ. Sie hat als Erste das Ausländerthema benannt, das wir lange nicht wahrhaben wollten. Sie bringt aus meiner Sicht allerdings zu wenig taugliche Lösungsvorschläge und ihre Regierungsbeteiligungen waren nicht erquicklich.
Wird die jetzige Regierung nur vom Willen zusammengehalten, die FPÖ von der Regierung fernzuhalten?
Das wäre viel zu wenig und würde wohl nicht für fünf Jahre reichen. Österreich muss achtgeben, dass wir nicht in einen dumpfen Zweikampf kommen: Gut gegen Böse. Die Idee einer Brandmauer halte ich für daneben. Bei fast 40 Prozent für die FPÖ in den Umfragen ist die Frage: Wer baut die Mauer und wer ist vor und wer hinter ihr? Ich würde mich gerne einen Abend lang mit Herbert Kickl in den ORF hocken und inhaltlich hart mit ihm diskutieren. Er bekommt dabei meinen Respekt als Mensch, aber er muss erklären, was er wirklich will: Das Ende der Medienfreiheit wie im Ungarn Orbáns, eine gefesselte Justiz? Dieses Gespräch sollten Millionen Menschen in Österreich führen. Über unserem Land liegt eine depressive Wolke. Das sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Da braucht es alle. ÖVP, SPÖ, NEOS, Grüne, KPÖ und auch die FPÖ. Vor allem aber die Wählerinnen und Wähler. Wir müssen uns einander zumuten. Die mündigen Bürgerinnen und Bürger – das ist die wichtigste Rolle in der Demokratie.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 37/2026 erschienen.
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