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Leitartikel: Gerhard Zeilers Wirtschaftskurs braucht konkrete Antworten

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Kathrin Gulnerits

©Matt Observe

Gerhard Zeiler würde der SPÖ als Parteivorsitzender einen wirtschaftsfreundlicheren Kurs verpassen. Mit seiner Forderung nach mehr Wachstum legt er den Finger auf eine Schwachstelle – nicht nur der Partei, sondern des Landes. Nur: Was würde er tatsächlich anders machen?

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Die Hoffnung auf den richtigen Menschen an der Spitze einer Partei erspart unangenehmere Fragen. Etwa, was mit dem inhaltlichen Angebot nicht stimmt. Vergangene Woche ging es an dieser Stelle um die zunehmende Personalisierung der Politik. Um die Sehnsucht nach jemandem, der sagt: Ich will. Ich kann. Ich übernehme Verantwortung.

Eine Woche später sagt Gerhard Zeiler: Ich will. Folglich könnte man nun die nächste Personaldebatte führen. Ist Zeiler besser als Andreas Babler? Ist er mit 71 zu alt für einen Neuanfang? Hat er Charisma? Strahlkraft?

Die bessere Wahl

Andere vor ihm waren auch überzeugt, diese Partei besser führen zu können. Ein Landeshauptmann, ein PR-Berater. Jetzt also ein Medienmanager. Sehr unterschiedliche Biografien, ein wiederkehrendes Versprechen: Ich bin die bessere Wahl. Zeiler könnte nach einer erfolgreichen internationalen Karriere anderes mit seinem Leben anfangen.

Stattdessen sagt er, er wolle etwas zurückgeben. Er habe sich gefragt, ob er die Kraft, das Wissen, die Erfahrung und den Mut für diese Aufgabe habe. Mit 71 setzt er noch einmal seine Reputation aufs Spiel. All das ist in diesem Land nicht derart weit verbreitet, dass man es nicht honorieren sollte. Nur ist ein „Ich kann es und ich will es“ noch keine Antwort auf die Frage: Was wird konkret anders?

Wer verteilen will, muss sich zwingend dafür interessieren, was erwirtschaftet wird

Wenn ihr mich wollt

Auffällig ist, wie sehr Zeilers Bewerbung bisher um Zeiler kreist. Er glaube, der Richtige zu sein, um die SPÖ aus ihrem historischen Tief zu führen. Nun müsse die Partei entscheiden, ob sie das auch so sehe. „Ich habe noch nie in meinem Leben wo gearbeitet, wo ich nicht gewollt bin“, sagt er. Aber warum sollte ihn die SPÖ brauchen? Schließlich wurde der aktuelle Parteivorsitzende erst vor wenigen Monaten bestätigt. Natürlich darf Zeiler ihn herausfordern. Aber wer so rasch einen Führungswechsel für notwendig hält, sollte eine politische Veränderung anbieten können, die diesen Anspruch begründet. Zeiler selbst formuliert den Gegensatz scharf. Es gebe eine „ganz klare Wahl“: Bablers Kurs, mit dem die SPÖ bei 15 oder 16 Prozent liegem, oder seinen wirtschaftsfreundlichen Kurs.

Gut. Dann reden wir darüber. Was würde unter einem Vorsitzenden Zeiler anders entschieden als unter einem Vorsitzenden Babler? Nach den ersten Interviews und einem Gastkommentar bleibt die Antwort erstaunlich unscharf. Niedrigere Lebenshaltungskosten. Investitionen in Bildung und Gesundheit. Mehr Kassenärzte. Ganztagsschulen. Weniger Bürokratie. Doppelgleisigkeiten bei Förderungen beseitigen. Das Regierungsprogramm weiter abarbeiten. Ja, eh. Nichts davon ist falsch. Nur wird darin die „ganz klare Wahl“, die Zeiler selbst ausgerufen hat, noch nicht sichtbar.

Wachstum als Programm

Für die Größe seines Anspruchs ist das bisher präsentierte politische Angebot erstaunlich klein. Mit einer Ausnahme: Wirtschaftswachstum sei seine Priorität Nummer eins. Damit trifft Zeiler einen Punkt. Im zweiten Quartal war Österreich das einzige Land der EU, dessen Wirtschaft gegenüber dem Vorquartal schrumpfte. Im aktuellen World Competitiveness Ranking des IMD liegt Österreich nur noch auf Platz 29 von 70 Volkswirtschaften, drei Plätze schlechter als im Vorjahr. Im aktuellen Foreign Direct Investment Confidence Index von Kearney liegt Österreich bei der Attraktivität für künftige Direktinvestitionen auf Platz 25 – dem letzten ausgewiesenen Platz. Drei unterschiedliche Befunde, eine Richtung: Österreich verliert wirtschaftlich an Dynamik.

Vielleicht steckt in Zeilers Forderung der Anfang einer anderen sozialdemokratischen Erzählung. Nicht Wachstum statt Sozialstaat. Nicht Wirtschaft gegen Arbeitnehmer. Sondern Wertschöpfung, Produktivität, Investitionen und Wachstum als Voraussetzung sozialdemokratischer Politik. Wer verteilen will, muss sich zwingend dafür interessieren, was erwirtschaftet wird. Eine Partei, die gute Schulen, ein funktionierendes Gesundheitssystem und sichere Pensionen verspricht, müsste geradezu besessen davon sein, wie dieses Land wieder stärker wächst. Wohl wissend, dass Wirtschaft vor allem viel Psychologie ist und auch in Zeiten wie diesen weniger in den Händen der nationalen Politik liegt.

Was bedeutet also „klassische Sozialdemokratie“ im Jahr 2026? Woher soll dieses Wachstum kommen? Was würde Zeiler bei Steuern, Regulierung, Energie, Arbeitszeit und Investitionen tun? Wo braucht es mehr Staat, wo weniger? Welche Interessen müsste man dafür herausfordern? Wie umgehen mit der Gewerkschaft? Welche Entscheidungen würde ein Parteichef Zeiler treffen, die ein Parteichef Babler nicht treffen würde? Schließlich will Zeiler zugleich einen anderen, wirtschaftsfreundlicheren Kurs und das bestehende Regierungsprogramm abarbeiten. Beides kann zusammenpassen. Aber dann muss er rasch erklären, worin der Kurswechsel besteht.

Ist Zeiler der Richtige? Vielleicht. Wenn aus dem Kandidaten mit Führungs­anspruch ein Politiker mit konkreten Antworten wird. Beim Wirtschaftswachstum könnte er damit anfangen.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: gulnerits.kathrin@news.at

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 40/2026 erschienen.

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