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Uni-Wien-Rektor Schütze: „Wir sind kein Ort für Ideologien“

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Sebastian Schütze

©Matt Observe

Im Gefolge des Überfalls der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 zeigten sich an Universitäten weltweit anti-israelische, aber auch antisemitische Tendenzen. An der Universität Wien bemüht sich die Leitung, offenem Antisemitismus sofort entgegenzutreten. News sprach mit Rektor Sebastian Schütze über den Spagat, freie Wissenschaft und Lehre zu ermöglichen und dabei dennoch Diskriminierungen gegenüber verschiedensten Gruppen hintanzuhalten.

„Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.“ So lautet der Artikel 17 des Staatsgrundgesetzes über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger aus dem Jahr 1867, der bis heute die Grundlage der Wissenschaftsfreiheit in Österreich bildet. Wie wird dieser Satz an Ihrer Uni gelebt?

Freiheit von Lehre und Wissenschaft ist fundamental für jede Universität. Gleichzeitig bedeutet Freiheit auch große Verantwortung und das heißt, es braucht entsprechende Rahmenbedingungen.

Wie sehen diese Rahmenbedingungen aus?

Sie sind ganz schlicht. Wir sind eine Universität, also ein Ort für wissenschaftlichen Diskurs, Austausch und entsprechend faktenbasierte Diskussionen. Wir sind kein Ort für Ideologien. Gleichzeitig darf die Freiheit der Forschung nicht dazu ausgenutzt werden, um Äußerungen zu tätigen oder Themen zu verhandeln, wo Diskriminierungen aufgrund von Religion, Ethnie oder Geschlecht stattfinden oder Rechtsextremismus und Antisemitismus propagiert werden.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde offensichtlich, dass sich auch Wissenschaft von Ideologie vereinnahmen lassen kann – Stichwort Rassentheorie. Welche Lehren wurden daraus gezogen?

Ich bin Historiker und gehe noch immer davon aus, dass man aus der Geschichte lernt. Ich glaube, dass die Universität Wien gerade in den letzten Jahrzehnten in der Forschung sehr viel an Aufarbeitungsarbeit der eigenen Geschichte geleistet hat. Das tragen wir auch bewusst in die Lehre hinein.

Das eine ist, die Vergangenheit aufzuarbeiten, das andere, solche Fehler in der Gegenwart nicht zu wiederholen.

Die Handlungsanleitung ist die, dass es gestern wie heute sehr kontroversielle Themen gibt und dass es in der Forschung und der Lehre den Raum gibt, diese – innerhalb eines gewissen Rahmens – zu besprechen. Die Auseinandersetzung muss immer wissenschaftlich, faktenbasiert und methodisch abgesichert sein, die Argumentation muss mit Respekt für das Gegenüber erfolgen.

Sehen Sie sich als Rektor mit Ihrem Team an, was genau in jeder Lehrveranstaltung vermittelt wird oder reagieren Sie erst bei Beschwerden?

In der Lehre ist jeder Lehrveranstaltungsleiter, jede Lehrveranstaltungsleiterin für den Inhalt verantwortlich. Gleichzeitig ist es bei der schieren Menge an Lehrveranstaltungen – es sind an der Uni Wien rund 7.500 pro Semester – nicht möglich, sich da als Rektorat im Einzelnen einzumischen. Wenn aber besonders kontroversielle Themen verhandelt werden oder wir entsprechende Rückmeldungen bekommen, gibt es schon Mechanismen, sich das genauer anzusehen. Unser Zugang ist dann, immer das Gespräch zu suchen.

Universität ist ein Ort, wo es möglich sein muss, kontroverse Themen zu verhandeln. Wir müssen die Studierenden dahingehend ausbilden, wie man solche Themen vernünftig diskutiert

Sebastian Schütze

Wie oft kommt es vor, dass Sie hier Gespräche mit Lehrveranstaltungsleitern führen?

Wenn Sie unsere Größenordnung betrachten – wir haben 87.000 Studierende und knapp 11.000 Mitarbeiter – kommt das sehr, sehr selten vor. Unsere Mechanismen der Selbstkontrolle, damit meine ich die Eigenverantwortung der Wissenschafter und Wissenschafterinnen, funktionieren sehr gut.

Wenn Sie eingreifen mussten, welche Wissenschaftsdisziplinen waren dann betroffen?

Es gibt natürlich Themen, die per se weniger kontroversiell sind als andere. Wir haben es also eher mit Debatten in den Sozialwissenschaften oder den Geisteswissenschaften zu tun, wo es um Themen wie Antisemitismus oder Postkolonialismus geht, die kontrovers diskutiert werden. Gleichzeitig muss ich sagen: Universität ist auch ein Ort, wo es möglich sein muss, kontroverse Themen zu verhandeln. Wir müssen hier auch die Studierenden dahingehend ausbilden, wie man solche Themen vernünftig diskutiert.

Stichwort Postkolonialismus: In der aktuellen Antisemitismusforschung wird von Wissenschaftern wie Stephan Grigat oder Ingo Elbe massive Kritik am postkolonialen Diskurs geübt, der heute in viele Wissenschaftsdisziplinen miteinfließt. Israel wird dabei als koloniales Projekt interpretiert, im Ergebnis kann sich dadurch eine antisemitische Schlagseite ergeben. Haben Sie dieses Thema aktiv auf Ihrer Agenda?

Wir haben das natürlich auf dem Schirm, weil das Thema sehr breit in der Forschung, aber auch in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Der postkoloniale Zugang kann ein notwendiger wissenschaftlicher Zugang sein, aber wie bei jedem anderen Zugang auch kommt es darauf an, ob ich methodisch gestützt und faktenbasiert vorgehe oder ideologisch.

Im Universitätsbetrieb gibt es immer auch Gastredner in Lehrveranstaltungen. Bedarf es da einer Genehmigung durch das Rektorat?

Grundsätzlich sind Gastredner und -rednerinnen zentral für die Lehre. Studierende bekommen so die Möglichkeit, zum Beispiel durch Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben oder Vertreter aus der Wirtschaft, mit Perspektiven konfrontiert zu werden, die nicht direkt aus der Universität kommen. Auch hier sind die Lehrveranstaltungsleiter dafür verantwortlich, dafür zu sorgen, dass der Diskurs mit den Eingeladenen wissenschaftsbasiert bleibt.

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Sebastian Schütze

Ende 2024 wurde Francesca Albanese, ihr offizieller Titel lautet „UN-Sonderberichterstatterin für die Menschenrechtssituation in den seit 1967 besetzten palästinensischen Gebieten“, vom Politikwissenschafter Helmut Krieger in eine Lehrveranstaltung des Instituts für Internationale Entwicklung eingeladen. Sie ist in Bezug auf ihre Haltung und ihre Aussagen zu Israel sehr umstritten. Warum war es für Sie dennoch in Ordnung, dass sie an der Uni Wien spricht?

Sie ist UN-Sonderberichterstatterin, hat also eine offizielle Funktion eines weltweit wichtigen Gremiums. Gleichzeitig ist sie sicher auch kontroversiell. Und da ist es für unsere Studierenden durchaus interessant, so jemanden nicht nur aus der Presse zu erleben, sondern in einer Lehrveranstaltung. Dabei ist es die Verantwortung der Lehrveranstaltungsleitung, dafür zu sorgen, dass ein Gastredner bestimmte Grenzen nicht überschreitet. Und wenn sie überschritten werden, muss der Lehrveranstaltungsleiter das für die Studierenden einordnen.

Können Sie auch Beispiele für Personen nennen, deren Auftritt Sie schließlich untersagt haben?

Das ist nur die Ultima Ratio. Die Freiheit von Lehre und Forschung sind ein sehr hohes Gut. Aber ja, es wurden schon Vorträge abgesagt, weil von vornherein klar war, dass Positionen vertreten werden, die hier gar nicht gehen. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen geplanten Vortrag des rechtsextremen Verlegers Götz Kubitschek, der vom Ring Freiheitlicher Studenten eingeladen worden war, und den wir untersagt haben.

Grundsätzlich muss man sagen: Es gibt nicht nur Lehrveranstaltungen, sondern jedes Jahr Hunderte weitere Veranstaltungen in Uni-Räumen, für die etwas andere Regeln gelten. Da gucken wir dann schon drauf, ob die Themen, aber vor allem auch die eingeladenen Redner den Wertvorstellungen und auch den Vorstellungen von wissenschaftlichem Diskurs, die wir an der Uni vertreten, entsprechen.

Kurz nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 wurde in einem Hof des Campus ein Protestcamp errichtet. Nach wenigen Tagen erfolgte die Räumung durch die Polizei. Wann schaltet die Uni die Exekutive ein?

Da möchte ich zunächst mit einem Mythos aufräumen, dass die Uni so eine Art extraterritoriales Gebiet wäre, in das die Polizei nur hineingehen kann, wenn sie gerufen wird. Dem ist nicht so. Bei so vielen Studierenden und Mitarbeitern kommt es immer mal wieder zu Vorkommnissen, wie etwa Diebstahl oder Sachbeschädigungen. Die Polizei interveniert auch selbstständig, wenn Gefahr im Verzug ist. Zu Beginn dieses Studienjahres gab es eine unangemeldete Demonstration direkt vor dem Hauptgebäude, bei der die Demonstrierenden trotz Aufforderung das zu beenden, weiterhin versucht haben, die Eingänge zur Uni zu blockieren. Da ist die Polizei selbstverständlich eingeschritten.

Wir nehmen die Besorgnis unserer jüdischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Studierenden sehr ernst

Sebastian Schütze

Diese Gruppe nennt sich @uniwienforpalestine und fordert das Ende der Kooperation der Uni Wien mit der Hebrew University in Jerusalem. Wie begegnen Sie dieser Forderung?

Wir sind der Meinung, dass gerade in Zeiten, wo Diskussion und Debatte besonders schwierig oder kontroversiell sind, es die Aufgabe der Universität ist, im Gespräch zu bleiben und Brücken zu bauen, die vielleicht im politischen Diskurs gerade nicht so gut funktionieren. Die Forderung, Kooperationen mit israelischen Institutionen abzubrechen, gibt es in vielen Kontexten. Ich bin aber überzeugt, dass wir in Österreich und Deutschland da eine große historische Verantwortung haben, diesen Dialog und diese Kooperation mit unserer israelischen Partneruniversität aufrechtzuerhalten.

Diese Gruppe organisiert auch die jährliche „Anti-Colonial Week“ mit. Solche Aktionen können leicht in Antisemitismus kippen, etwa wenn dann auf Wegweisertafeln zum Institut für Judaistik der Schriftzug „Fuck Israhell“ hingeschmiert wird.

Wir reagieren dann sehr schnell. Beschmierungen werden immer sofort entfernt. Und wir nehmen die Besorgnis unserer jüdischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Studierenden sehr ernst und versuchen, solche Situationen schnell unter Kontrolle zu bekommen. Das Palästinacamp zum Beispiel war in unmittelbarer Nähe des Instituts für Judaistik, daher haben wir umgehend die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt, um das Sicherheitsgefühl zu erhöhen.

Wie geht es jüdischen Studierenden und Lehrenden seit dem 7. Oktober 2023 an der Uni Wien?

Dieser ganze Themenkreis geht natürlich auch an der Uni Wien nicht vorbei. Wir führen relativ viele Gespräche, vor allem immer dann, wenn Themen an uns – nicht nur an das Rektorat, sondern auch an eine unserer Beratungsstellen – herangetragen werden. Wie geht man mit schwierigen Situationen in der Lehre um? Ich führe da auch Gespräche mit einzelnen Lehrveranstaltungsleitern, die mir berichten, was los war, wie sie sich dabei fühlen, und wir loten aus, was man tun kann. Ich habe insgesamt den Eindruck, dass wir durch die gesetzten Maßnahmen, durch die vielen Gespräche, doch sehr dazu beitragen, dass sich unsere jüdischen Studierenden und Mitarbeiter trotzdem ziemlich sicher auf unserem Campus fühlen und die Unterstützung bekommen, die sie auch zu Recht einfordern.

Eine extrem eingestellte Gruppe, die schon lange Präsenz an der Uni zeigt, sind schlagende Burschenschafter. Was lassen Sie hier zu, wo setzen Sie die Grenze?

Ich glaube, dass dieses Problem an der Uni Wien ein ziemlich reduziertes ist – zum Glück. Es gibt immer wieder Versammlungen auf der Uni-Rampe, aber die Teilnahme daran ist zahlenmäßig überschaubar und es gibt die klare Regel, dass diese Treffen außerhalb des Uni-Gebäudes stattzufinden haben.

Antisemitismus ist ein aktuelles Problem. Wie sieht es jedoch für Angehörige anderer Minderheiten – etwa Muslime oder Menschen aus der LGBTIQ*-Community – an der Uni Wien aus?

Die von Ihnen genannten Gruppen haben global Probleme. An der Uni Wien gibt es hier zum Glück nur Einzelfälle, die wir aber genauso ernst nehmen wie Antisemitismus-Vorfälle. Darauf kommt es mir immer an: Es gibt keine speziellen Regeln für diese oder jene Form der Diskriminierung, sondern es gibt ein allgemeines Verständnis dafür, dass jegliche Diskriminierung an einer Universität keinen Platz hat.

Wie leicht oder schwer ist es insgesamt, den Anspruch von freier Lehre und Wissenschaft und berechtigte Forderungen nach Grenzsetzung auszutarieren?

Das gehört zum Tagesgeschäft einer Universität. An anderen Orten kann man Diskurse einfach ausschließen und sagen, wollen wir nicht, machen wir nicht. Das tun wir nur im Extremfall. Wir brauchen Diskursraum, der offen ist, in dem aber jede Form von Diskriminierung keinen Platz hat.

© Matt Observe

Steckbrief

Sebastian Schütze

Der Kunsthistoriker Sebastian Schütze, geb. 1961 in Düsseldorf, hat seit 2009 eine Professur für Neuere Kunstgeschichte an der Universität Wien. Seit 2022 ist er Rektor der größten Uni Österreichs.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 18/2026 erschienen.

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