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Sachbearbeiter, JFK aus Linz oder Selbstdarsteller? So tickt Wolfgang Hattmannsdorfer

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Wolfgang Hattmannsdorfer©Matt Observe

Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer gilt als jener Mann der ÖVP, der vieles werden könnte: vom Landeshauptmann in Oberösterreich bis zum Bundesparteichef und Kanzler. Doch was will er selbst in der Politik erreichen? Das Porträt eines – laut Selbstdefinition – „ideologischen Tiefwurzlers“.

Sein Name fällt häufig, wenn es um die Zukunft der ÖVP nach ihrem jetzigen Chef, Bundeskanzler Christian Stocker, geht. Und naturgemäß sind die Zuschreibungen für Wolfgang Hattmannsdorfer, die darauf folgen, mehr oder weniger freundlich, je nach Beziehungsstatus innerhalb der ÖVP und der Koalition. Von einem „großen politischen Talent, das aber noch ein bisschen wachsen muss“, es „aber jedenfalls kann“, sprechen die einen. Von einem „Getriebenen“ andere.

Der mittlerweile aus der Partei ausgeschlossene und zurückgetretene Wiener Wirtschaftskammer-Boss Walter Ruck nannte ihn despektierlich „Sachbearbeiter“ und auch ihm Wohlgesonnene meinen, „ganz falsch ist das nicht“, weil er sich gerne in Details einarbeitet. Man tituliert ihn als „JFK aus Linz“. Aufgrund seiner Präsenz in den (sozialen) Medien fällt aber auch das böse Wort „Selbstdarsteller“.

Mich kennzeichnet eine gewisse Hartnäckigkeit im Verfolgen politischer Ziele.

Wolfgang HattmannsdorferLinz

Wie sieht er sich selbst? „Als jemand, der bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Ich bin einer, der Probleme unmissverständlich anspricht. Einer, der den Anspruch hat, sich in seiner Materie auszukennen. Einer, der immer darauf schaut, trotz aller politischer Unterschiede eine Lösung zu finden. Mich kennzeichnet eine gewisse Hartnäckigkeit im Verfolgen politischer Ziele.“ Dabei sei er „pragmatisch und lösungsorientiert“, aber nicht zwangsläufig „konsensorientiert“, „weil das heißt oft, Kompromiss um jeden Preis. Zu der Fraktion gehöre ich nicht“.

Politisch groß geworden ist der gebürtige Linzer in der oberösterreichischen ÖVP. Angedockt hat er dort im Nationalratswahlkampf 1999 als Fahrer bei Michael Strugl. Der heutige Verbund-Chef war damals in der Parteigeschäftsführung tätig, später Landesparteisekretär, Klubobmann im Landtag, Wirtschaftslandesrat – und ein Lehrmeister und Mentor Hattmannsdorfers. Dieser wiederum trat in manche von Strugls Fußstapfen: als Parteigeschäftsführer und später als Landesrat, allerdings mit anderem Portefeuille, er war für den Sozialbereich zuständig.

Lehre im schwarzen Kernland

Die Zeit, in der Hattmannsdorfer in die Politik einstieg, war eine der soliden schwarzen Mehrheiten im Landtag mit bis zu 47 Prozent der Wählerstimmen. Als Wahlkampfmanager musste er bei der Wahl 2015 allerdings Wahlverluste von rund zehn Prozentpunkten verantworten.

Der Landeshauptmann hieß in Hattmannsdorfers Lehrjahren Josef Pühringer und es genügte noch, wenn er Präsenz in den Landesmedien vom ORF-Landesstudio bis OÖ. Nachrichten zeigte. Die letzte Parteizeitung, das Volksblatt, dessen Geschäftsführer Hattmannsdorfer neben seiner politischen Funktion war, hatte man sowieso auf seiner Seite. Gut möglich, dass sich der heute 46-Jährige ein wenig nach dieser Zeit zurücksehnt, wenn man ihn auf seine Präsenz in den sozialen Medien anspricht.

„Volkssport“ Politiker-Bashing

Im Juli postete Hattmannsdorfers Team ein Video auf Instagram, das den Minister Wasserski fahrend am Traunsee zeigt. Fragt man ihn, welches Bild von Politik er damit zeichnen wolle, ist er spürbar irritiert. „Ich weiß jetzt nicht, ob ein einzelnes Posting viel aussagt, wenn die restlichen 99 Prozent rein inhaltliche Postings sind. Es ist wohl erlaubt, dass man nicht immer in Anzug und Krawatte ist.“ Werde er deswegen auf den Wasserskifahrer reduziert, „sagt das viel über die Diskursfähigkeit und Reflexionsfähigkeit aus“.

Die Algorithmen der sozialen Medien und allgemein die „Medienlogik“ würden bewirken, dass „Politiker gerne ein bisschen gebasht werden“. Hattmannsdorfer spricht von einem „Volkssport“ und fügt hinzu: „Das ist eine Entwicklung, die weder der Republik dienlich ist noch dem Berufsstand Politiker. Es trägt nicht zur Attraktivität des Berufs bei, wenn du dir ständig alles Mögliche vor allem in den sozialen Medien anhören musst. Da besteht die Gefahr, dass es sich interessierte Personen zwei, drei Mal überlegen, ob sie sich das antun sollen. Denn der Preis, den man bezahlt, ist hoch.“

Ein Klassensprecher in der Politik

Aber, nein, bereuen würde er seinen Einstieg in die Politik deswegen nicht. „Ich war schon immer ein hochpolitischer Mensch. Ich habe mich schon immer für die Gemeinschaft engagiert, schon als Klassen- und Schulsprecher und Schulmilchkassier.“ Sein Elternhaus sei hochpolitisch gewesen, erzählt Hattmannsdorfer. „Ich hab meinen Papa oft von der Straßenbahn abgeholt, wenn er von der Arbeit heimgekommen ist. Dann am Abend mit ihm die ,Zeit im Bild‘ zu schauen, war ein ganz zentrales Element. Ich glaube, es hat bei uns keine Familienfeier oder Diskussion gegeben, bei der es nicht irgendwie um Politik gegangen wäre.“

Den Junior verschlug es dann ebenfalls in die ÖVP, wo auch sein Vater engagiert war. Was dafür den Ausschlag gegeben hat? „Die Grundwerte der Partei, zum Beispiel Eigenverantwortung – dass der Staat nicht für das Glück des Einzelnen verantwortlich ist. Das klare Bekenntnis zur Leistung, aber daraus folgend auch die solidarische Verantwortung für jene, die nicht leisten können.“ Hattmannsdorfer zeigt auf die Bilder in seinem Büro. „Die sind alle aus Behindertenwerkstätten und passen für mich gut in ein Wirtschaftsressort: Sie zeigen, dass wir, die leisten können, eine Verantwortung gegenüber jenen haben, die es nicht können. Wobei immer der Grundsatz gelten muss, dass erst erwirtschaftet werden muss, was umverteilt wird – und nicht umgekehrt. Wohlstand entsteht nicht durch Umverteilung, sondern nur durch eine starke Wirtschaft.“

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NEWS-Politikredakteurin Renate Kromp im Gespräch mit Hattmannsdorfer.

Der talentierte Herr Hattmannsdorfer

„Hattmannsdorfer ist tief verwurzelt in der oberösterreichischen ÖVP“, sagt ein Parteifreund. Er ist Mitglied im MKV und CV – also jenen Schüler- und Studentenorganisationen, die so etwas wie ein Personalpool für konservative Politik sind. „Er war ein wirklich guter Landesparteisekretär, ein echtes Talent als Soziallandesrat. Man merkt, dass er über das Parteimanagement der Bundes-ÖVP oft den Kopf schüttelt. Er wäre ein brillanter Bundesgeschäftsführer.“ Hattmannsdorfer sei eine „politische Spürnase und ein rhetorisches Talent. Er scheut keine Konflikte, wie man an der Teilzeitdebatte sieht.“

„Aber“, sagt ein Unternehmer mit ÖVP-Nähe, „er hat eine Achillesferse – er hat noch nie in der freien Wirtschaft in einem Unternehmen gearbeitet. Schon als er Wirtschaftskammer-Generalsekretär geworden ist, hat man sich gefragt, was das soll.“ Während der Minister, ein studierter Betriebswirt, selbst zahlreiche Erfolge aufzählt, „die man dieser Koalition nicht zugetraut hat“, etwa die Energiegesetze, die Industriestrategie oder die Senkung der Lohnnebenkosten, ist es genau dieses letzte Schlagwort, das Wirtschaftsleute ärgert: „Wir bezahlen uns das alles selbst.“

Ich erwarte von Politikern, dass sie ideologische Tiefwurzler, nicht Flachwurzler sind.

Wolfgang HattmannsdorferLinz

Der ÖVP und ihrem Wirtschaftsminister würden die großen wirtschaftspolitischen Visionen und mutige Ansagen fehlen. „Die Schwarzen sind gut im Klein-Klein, aber wo ist die Forderung nach einer Flat Tax oder einem ausgeräumten Mietrecht? Echte wirtschaftsliberale Themen fehlen total.“ Mutig sei der Minister allerdings, wenn er sich für Rüstungsgeschäfte engagiere, ein Thema, das Politiker in den vergangenen Jahren – Stichwort: Gegengeschäfte – nicht mehr angreifen wollten.

Fan des schlanken Staates

Im Gegensatz zu vielen anderen Politikern scheut sich Hattmannsdorfer nicht, das Wort Ideologie in den Mund zu nehmen – und zwar als Wert und nicht als Vorwurf ans politische Gegenüber. „Ich glaube, dass es zur Politik dazugehört, dass man ein starkes ideologisches Fundament hat. Ich erwarte von Politkern, dass sie ideologische Tiefwurzler, nicht Flachwurzler sind, denn am Ende des Tages musst du ja deine Entscheidungen von deinen Werten und Überzeugungen ableiten.“ Er könne, sagt Hattmannsdorfer, „extrem gut mit Leuten, die ideologisch weit entfernt sind, diskutieren“ und nennt als Beispiel Finanzminister Markus Marterbauer. „Solche Diskussionen sind ein Wesenszug der Demokratie. Gott sei Dank hat keine Partei hundert Prozent, weil die Gesellschaft ja auch nicht uniform ist.“

Hattmannsdorfers Wertefundament: „Ich bin ein Fan eines sehr schlanken Staats. Ich glaube, dass sich der Staat in zu vielen Bereichen einmischt und reguliert. Oberstes Ziel muss das Comeback von Leistungsbereitschaft und Wettbewerbsfähigkeit sein. Andere Teile der Welt sind erpicht, ihren Anteil am Wohlstand zu erhöhen und bereit, sich richtig reinzuhauen. Wir hingegen haben schon lange nicht mehr die Erbpacht auf Innovation und nicht mehr das Primat der besten Köpfe. Wir müssen uns ordentlich anstrengen, wenn wir unseren Wohlstand halten wollen. Als Wirtschaftsminister setze ich klar auf Fleiß und Leistung, auf Innovation und Exzellenz.“

Was er als Politiker erreichen wolle, lasse sich am Ende in Zahlen messen – beim BIP, bei den geleisteten Arbeitsstunden, bei der Exportquote, bei der Forschungs- und Entwicklungsquote. „Ich bin ein Fan davon, dass man ein klares Ziel hat und Leistungskennzahlen, die das Handeln messbar machen. Am Ende des Tages leben wir nämlich nicht von Sonntagsreden, sondern von Ergebnissen.“

Noch nicht am Ziel

Was diese Zahlen betrifft, ist Hattmannsdorfer noch nicht am Ziel. Doch welches Ziel verfolgt er mit seiner politischen Karriere? Kanzler, Landeshauptmann, wie in der ÖVP gemunkelt wird? „Er soll sich endlich deklarieren“, sagt ein schwarzes Regierungsmitglied. In den Reihen der Koalitionspartner vermutet man sogar, dass Christian Stocker Hattmannsdorfer nicht besonders möge, weil dieser Ambitionen habe. Ohnehin ist man bei NEOS nicht gut auf den Minister zu sprechen, weil dieser versucht habe, das Entbürokratisierungsthema an sich zu reißen und den dafür zuständigen Staatssekretär Sepp Schellhorn unschön auflaufen ließ.

Natürlich würde kein Politiker Ambitionen bestätigen, ein Dementi ist quasi Pflicht. Bei Hattmannsdorfer klingt es so: „Das ist weder Teil meiner Gedanken noch meiner Lebensplanung.“ Und er fügt hinzu: „Eigentlich war es ja mein Plan, die Politik schrittweise zu verlassen. Darum habe ich ja als Landesrat aufgehört und bin in die Wirtschaftskammer gewechselt. Dann sind die Dinge anders gekommen. Ich sehe mein Leben nicht auf Dauer in der Politik. Mir macht es jetzt Spaß und ich hau mich voll rein, aber ich werde mit 100-prozentiger Sicherheit nicht als Politiker in Pension gehen. Ich könnte mir nicht vorstellen, jeden Tag eine Arbeit zu machen, für die ich einmal nicht mehr das nötige Feuer haben werde.“

Bei einem 46-Jährigen gehen sich freilich bis zur Pension ein weiterer Aufstieg in der Politik und eine Karriere in der Wirtschaft aus.

© Matt Observe

Steckbrief

Wolfgang Hattmannsdorfer

geboren
20.11.1979
Beruf
Linz

1979 in Linz geboren, studierte Wirtschaftswissenschaften an der Johannes-Kepler-Universität und beschäftigte sich auch während des Studiums mit den Grundlagen der Politik. Er absolvierte einen Lehrgang für politisches Marketing an der Summer School der George Washington und schrieb auch seine Diplomarbeit zum Thema, seine Dissertation beschrieb die Segmentierung des Wählermarkts in Oberösterreich. Schon während des Studiums arbeitete er als Referent im Landtagsklub der oö. VP, später wurde er Landesgeschäftsführer, Landtagsabgeordneter, Nationalratsabgeordneter und 2025 Wirtschaftsminister.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 32/2026 erschienen.

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