Der Bundeskanzler hat sich ein Hoppala gleistet: Kinderbetreuung sei keine Arbeit, sagte er. Was er sonst noch sagte, wurde zunächst nicht berichtet, das hätte die Empörung gestört. Über Moral, Familie uns Staat.
Männer und Frauen, das ist eine schwierige Sache. Unvermeidlich auch, weil ja die Erhaltung der Art derzeit noch davon abhängt, dass die beiden irgendwie zusammenkommen, die Frau und der Mann. Ein paar mächtige kalifornische Träumer sehen das anders und sehnen sich nach dem posthumanistischen Zeitalter, aber bis es soweit ist, werden wir die alten Probleme haben.
Diese Probleme sind für Frauen deutlich größer als für Männer, überall auf der Welt und auch bei uns im gelobten Land. Gut ist, dass die Probleme, die Frauen bei uns haben, weil sie Frauen sind, nicht mehr so groß sind, wie sie vor einigen Jahrzehnten waren. Schlecht ist, dass sie noch immer da sind und in manchen Bereichen auch wieder virulenter werden.
Das hat sicher auch mit dem Erstarken eines vormodernen Geschlechterverständnisses zu tun, das im Internet genauso wie in vielen Zuwanderermilieus vorherrscht und das Sicherheitsgefühl von Frauen im öffentlichen Raum vor allem der größeren Städte beeinträchtigt. Es hat aber auch damit zu tun, dass unter den sehr jungen Männern, was die Geschlechterverhältnisse betrifft, eine Rückkehr zum männlichen Überlegenheitsdenken der 50er- und 60er-Jahre oder sogar noch früherer Zeiten zu beobachten ist.
Radical Chic
Ein Teil davon ist nachvollziehbar: Radical chic gegenüber der Vorgängergeneration, die sich als antikapitalistische, ökologische und natürlich auch queere Speerspitze verstanden hat und die politische Korrektheit mit den großen Esswerkzeugen konsumiert und vor allem verabreicht hat. Moral ist ja in erster Linie doch das, was wir von den anderen erwarten. Jetzt schwingt das Pendel ein bisschen zurück. Wer sieht, was der Glaube an 73 Geschlechter anrichten kann, möchte sich vielleicht wieder ein bisschen klarer orientieren, und die Versuchung junger Männer, es sich in der Rolle des unangreifbaren Patriarchen gemütlich zu machen, hat vermutlich Ewigkeitswert.
Man kann dabei über vieles reden und streiten, Feminismus gut finden oder antiquiert oder überspannt, nur bei einem Thema sollte es keine Debatte geben, und das ist Gewalt gegen Frauen. Sie ist immer noch allgegenwärtig, und sie beginnt nicht erst, wenn der Mann zuschlägt. Man kann noch immer fast täglich Zeuge von männlichem Verhalten gegenüber Frauen werden, das schlicht unerträglich ist. Wirklich ändern wird sich das erst, wenn Männer, die so agieren, von anderen Männern mit derselben Selbstverständlichkeit zur Rede gestellt werden, mit der wir Sympathiebekundungen für abscheuliche Ideologien ahnden.
Business Case Familie
Zur Rede gestellt wurde diese Woche auch der österreichische Bundeskanzler, denn der hatte sich auf einer seiner Roadshow-Veranstaltungen, die an sich nur von wohlgesonnenem Publikum besucht werden dürfen, ein kleines Hoppala geleistet. Auf die Frage, was man denn politischerseits dagegen unternehmen wolle, dass der Löwenanteil an Care-Arbeit von Frauen geleistet werde, und zwar unbezahlt, hatte er gesagt, dass er „Kinderbetreuung nicht als Arbeit“ sehen würde, weil Familie nicht in bezahlter Arbeit oder als Business Case zu rechnen sei.
Die Empörungsmaschine kam schnell auf Betriebstemperatur, alle erregten sich über jeden, das verzopfte Familienbild der ÖVP bekam ihr Fett ab und überhaupt. Der Kanzler entschuldigte sich, blieb aber bei seiner Ansicht, dass man familiäre Care-Arbeit nicht mit Erwerbsarbeit vergleichen sollte. Am Montag wurde vor dem Kanzleramt demonstriert, und schon im Mai 2027 wird es neue Proteste geben, aber nicht gegen die Behauptung der Arbeiterkammerchefin, dass Kinderbetreuung eine „Hundsarbeit“ sei.
Viel mehr als das, was man schon wusste, dass nämlich inzwischen so etwas wie eine öffentliche Debatte nicht mehr existiert, aber durch die Zombie-Apokalypse der Dummheit ersetzt worden ist, kann man aus der Episode leider nicht lernen. Es wird zwischen Frauen und Männern schwierig bleiben, die alleinerziehende Mutter wird weiterhin häufiger anzutreffen sein als der alleinerziehende Vater, Männer werden sich hoffentlich weniger oft der Verantwortung für ihre Kinder entziehen als früher.
Der Staat ist weder ein Erziehungsberechtigter noch eine Gerechtigkeitsmaschine
Die Frage, welche Rolle der Staat in dieser Entwicklung hat und haben soll, ist nicht leicht zu beantworten und wird deshalb von allen Seiten unter dem Vorzeichen der endgültigen Gewissheit geführt. Mein Eindruck ist, dass der Staat jenseits seines Gewaltmonopols in den Familienangelegenheiten der Bürger nichts verloren hat. Wer wen liebt, wer mit wem lebt oder Kinder hat, geht den Staat nichts an. Er ist weder ein Erziehungsberechtigter noch eine Gerechtigkeitsmaschine, die man durch Einwurf großer Münzen zum Laufen bringen kann.
Dass wir sowohl die Erziehung und Betreuung der Kinder als auch die Pflege der alten Menschen an meist staatliche Institutionen ausgelagert haben, ist der Struktur und Dynamik unserer ökonomischen Wirklichkeit geschuldet. Wer eine Leistung nicht selbst erbringen kann, soll sie gegen Bezahlung eines fairen Preises von anderen erbringen lassen können.
Den Staat bezahlen wir in der Regel mit unseren Steuern, aber seine Leistungen sind, gerade auch mit Blick auf Bildung und Pflege, oft bedrückend unterdurchschnittlich.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 33+34/2026 erschienen.
