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Leitartikel: Wer bezahlt den Preis für die Kinderbetreuung?

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Kathrin Gulnerits

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Christian Stockers Satz über Kinderbetreuung zeigt, wie selbstverständlich Österreich Betreuung und ihre Folgen zur Privatsache macht – und wie ungleich die Rechnung verteilt ist. Familien, vor allem Frauen, müssen rechnen. Wirtschaft und Gesellschaft tun es längst.

Christian Stockers Satz über Kinderbetreuung zeigt, wie selbstverständlich Österreich Betreuung und ihre Folgen zur Privatsache macht – und wie ungleich die Rechnung verteilt ist. Familien, vor allem Frauen, müssen rechnen. Wirtschaft und Gesellschaft tun es längst

Das war kein Satz, der einfach so herausgerutscht ist. Schließlich garnierte Christian Stocker ihn mit dem Zusatz: „Ganz ehrlich.“ Kinderbetreuung sei keine unbezahlte Arbeit. Familie dürfe nicht wie ein Geschäftsmodell behandelt werden. Es folgte Empörung. Berechtigt – und dem Sommerloch entsprechend laut. Dann die Entschuldigung. Fehler erkannt, Fehler eingestanden. Eingestanden? Das hätte es nicht gebraucht. Nicht, weil Stockers Aussage richtig gewesen wäre. Sondern weil sie ehrlicher war als die nachgeschobene Entschuldigung. Sie passt zu jenem Familienbild, das die Volkspartei seit Jahrzehnten politisch pflegt. Es ist kein Ausrutscher, sondern ihr Denkmodell.

Eine Mutter, die Vollzeit arbeitet, muss sich erklären. Beim Vater stellt sich dieselbe Frage selten. Der Vater arbeitet. Die Mutter lässt ihr Kind betreuen

Der Staat gibt Familien Geld – Kinderbetreuungsgeld, Familienbeihilfe und Familienbonus Plus – und überlässt ihnen einen erheblichen Teil der Betreuung. Wer sie übernimmt, ist Privatsache. Das klingt nach größtmöglicher Freiheit. Nur fällt das Ergebnis dieser „Wahlfreiheit“ erstaunlich einseitig aus. 2025 arbeiteten 75,3 Prozent der erwerbstätigen Frauen mit Kindern unter 15 Jahren Teilzeit. Bei den Männern waren es 8,5 Prozent.

Eine Politik muss traditionelle Rollenbilder nicht propagieren, um sie zu konservieren. Es genügt, echte Wahlfreiheit nicht zu schaffen. Wo kein Betreuungsplatz verfügbar ist, gibt es nichts zu wählen. Vollzeit als eine Frage persönlicher Präferenz? Leider nein. Und wo ein Elternteil (deutlich) mehr verdient, ist schnell entschieden, wer Stunden reduziert. Meistens ist es die Frau.

Unter Rechtfertigungsdruck

Kinder betreuen, Angehörige pflegen, kochen, putzen, Hausaufgaben begleiten: Diese unbezahlte Arbeit ermöglicht anderen erst ihre bezahlte. In der Regel hält sie Männern den Rücken frei. Und selbst Frauen, die sich diesem Modell entziehen, können es kaum richtig machen. Eine Mutter, die Vollzeit arbeitet, muss sich erklären. Wer das Kind erst um halb sechs aus dem Kindergarten abholt, kennt die Blicke: Muss das sein? So lange? Beim Vater stellen sich dieselben Fragen selten. Der Vater arbeitet. Die Mutter lässt ihr Kind betreuen.

Spätestens bei den Schulferien geraten Eltern gemeinsam in die Zange zwischen Arbeitswelt und Familienalltag. Mehr als ein Viertel des Jahres haben Schulkinder Ferien – die Eltern aber nicht annähernd ebenso viel Urlaub. Also heißt es: Organisiert euch. Spannt die Großeltern ein. Arbeitet im Homeoffice. Und vor allem: Macht daraus bitte kein gesellschaftliches Problem.

Die Rechnung der Eltern

Familie sei „nun mal kein Business Case“, sagt der Bundeskanzler in seiner Entschuldigung. Doch. Natürlich ist sie das. Nicht im Sinne der Gewinnmaximierung. Aber Eltern rechnen: Können wir uns eine größere Wohnung leisten? Wer reduziert? Gibt es einen Betreuungsplatz? Wie stemmen wir die Ferien? Dazu kommen Kosten, die meist Frauen tragen: entgangenes Einkommen, verpasste Karrierechancen, geringere Pensionsansprüche. Nur wer genug Geld, Zeit, Unterstützung – oder vom echten Leben keine Ahnung – hat, kann es sich leisten, so zu tun, als spiele all das keine Rolle.

Wechselt man die Perspektive, wird der Satz des Bundeskanzlers noch bemerkenswerter. Denn für die Wirtschaft sind Familien als „Kunden“ hochwillkommen: Schulanfang, Ferienlager, Nachmittagsbetreuung, Lerncamps, private Nachhilfe – alles ausgezeichnete Business Cases. Und selbstverständlich rechnet auch die Volkswirtschaft. Sobald Arbeitskräfte fehlen, wird Kinderbetreuung nicht mehr als private Lebensgestaltung diskutiert, sondern als Voraussetzung dafür, mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt zu bringen. Fordern Eltern Betreuung, gilt sie als Teil ihres privaten Familienmodells. Fehlen Arbeitskräfte, wird dieselbe Betreuung zur Standortfrage. Ja, Kinder sind Privatsache – bis die Gesellschaft sie braucht.

Was sind uns Kinder tatsächlich wert?

Und vielleicht sollte sich nach all der Empörung über Stockers Satz auch die Gesellschaft eine unangenehmere Frage stellen: Was sind uns Kinder tatsächlich wert? Wir beklagen, dass zu wenige von ihnen geboren werden. Zugleich wollen wir Kinder möglichst ohne Auswirkungen auf Unternehmen, Arbeitszeiten, öffentlichen Raum, Nachbarn oder die eigene Lebensführung. Ein schreiendes Kind in der U-Bahn genügt für genervte Blicke. Die Erwartung dahinter: Kinder sollen sich möglichst reibungslos in eine Welt einfügen, die Erwachsene für Erwachsene organisiert haben. Dabei sind Kinder das Gegenteil von reibungslos. Sie werden krank, wenn im Büro Hochbetrieb ist. Sie brauchen Betreuung, wenn die Arbeitszeit länger dauert als der Kindergartentag. Sie haben Ferien, obwohl ihre Eltern arbeiten.

Eine Gesellschaft kann niemandem vorschreiben, Kinder zu bekommen. Sie kann aber entscheiden, welches Signal sie jenen gibt, die darüber nachdenken. Der Stellenwert von Kindern zeigt sich nicht daran, wie oft wir sagen, dass sie unsere Zukunft sind. Sondern daran, wie wir heute mit Eltern und Kindern umgehen.Alle rechnen mit der Familie. Nur den Familien selbst werden solche Rechnungen übel genommen. Und den ­Frauen, die einen Großteil der Rechnung tragen, wird auch noch 2026 erklärt, Kinderbetreuung sei keine unbezahlte Arbeit.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir: gulnerits.kathrin@news.at

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 33+34/2026 erschienen.

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