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Ist Europa sicherer als Amerika?

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©Unsplash / Maxim Hopman

Ein neuartiger Datensatz liefert einige überraschende Antworten.

In europäischen Städten wimmelt es von messerschwingenden „Rude Boys“, die einen niederstechen, nur um einem das Handy zu entreißen. Amerika ist voller bewaffneter Gangster und skrupelloser ICE-Agenten. Solche Klischees sind in den sozialen Medien weit verbreitet – auf beiden Seiten des Atlantiks hält man die jeweils andere Seite für gesetzlos.

Doch wie sieht die Wahrheit aus? Der Vergleich von Kriminalitätsstatistiken zwischen verschiedenen Ländern ist bekanntermaßen schwierig. Die Bereitschaft, Straftaten anzuzeigen, variiert von Ort zu Ort, und auch die Definitionen stimmen selten genau überein. Zudem hängen Kriminalitätsraten stark von der Bevölkerungsstruktur eines Gebiets ab: Wenn eine Stadt ein großes Umland umfasst (etwa Staten Island in New York), kann dies dazu führen, dass andere Stadtteile (etwa die Bronx) sicherer erscheinen, als sie tatsächlich sind.

Differenzierte Ergebnisse

Ein neuartiger Datensatz, den Matt Ashby, Kriminologe am University College London, gemeinsam mit Kollegen zusammengestellt hat, soll diese Probleme überwinden. Zunächst wählten die Forscher 20 Städte in Industrieländern mit mindestens 2,5 Millionen Einwohnern aus, die regelmäßig jährliche Kriminalitätsstatistiken veröffentlichen. Anschließend passten sie die geografischen Grenzen so an, dass die Städte hinsichtlich ihrer Bevölkerungsdichte besser vergleichbar waren.

Paris etwa umfasst in ihrer Analyse die gesamte Region Île-de-France und nicht nur das eigentliche Stadtgebiet. Schließlich vereinheitlichten sie die Definitionen, sodass die erfassten Kriminalitätskategorien weitgehend mit jenen der britischen Statistik vergleichbar sind. Die Ergebnisse sind differenzierter, als es ein „Tastaturkrieger“ vielleicht erwarten würde.

Tötungsdelike: Unvollkommen aber zuverlässig

Mord oder, genauer gesagt, Tötungsdelikte (zu denen auch Totschlag zählt) sind zwar ein unvollkommener Maßstab für die Sicherheit auf den Straßen: Am ehesten wird man von jemandem getötet, den man kennt. Doch es ist die Kriminalitätsstatistik, die sich am zuverlässigsten über Ländergrenzen hinweg vergleichen lässt – eine Leiche ist schließlich eine Leiche. Auf dieser Grundlage ist Chicago die mit Abstand tödlichste Stadt in den Daten. Im Jahr 2024 wurden dort 587 Tötungsdelikte registriert, was einer Rate von 22 pro 100.000 Einwohner entspricht – dem 2,7-Fachen des Werts der nächstschlechtesten Stadt, Los Angeles. In den zehn europäischen Städten lag die durchschnittliche Rate bei 1,7 pro 100.000 Einwohner.

Raubüberfälle und Fahrzeugdiebstähle

In anderen Kriminalitätskategorien ist die Kluft jedoch deutlich geringer. Raubüberfälle mit Gewaltanwendung kommen in beiden Regionen etwa gleich häufig vor, auch wenn London und Paris mit jeweils mehr als 300 Fällen pro 100.000 Einwohner und Jahr besonders schlecht abschneiden. Fahrzeugdiebstähle sind in Chicago und Los Angeles weit verbreitet, während New York besser abschneidet als die meisten europäischen Städte. Einbrüche in Wohnhäuser kommen dagegen in Europa häufiger vor.

Einerseits könnte das großzügigere soziale Sicherheitsnetz in Europa den Anreiz zum Diebstahl verringern. Andererseits könnten die rigorosere Polizeiarbeit in Amerika und die deutlich höheren Inhaftierungsraten dazu beitragen, die Unterschiede auszugleichen.

Der am wenigsten schlechten Versuch

Ashby bezeichnet die Statistiken als den „am wenigsten schlechten Versuch“, Daten international vergleichbar zu machen. Er und seine Kollegen haben den Datensatz entwickelt, damit politische Entscheidungsträger „detaillierte Fragen“ zu den Kriminalitätstrends in verschiedenen Ländern stellen können.

Unterschiede bei der Erfassung und Meldung von Straftaten bleiben jedoch ein großes Problem. Die offiziellen Zahlen zu Vergewaltigungen in England und Wales haben sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Vertrauliche Befragungen deuten dagegen darauf hin, dass die tatsächliche Zahl der Fälle weitgehend stabil geblieben ist. Der Anstieg dürfte demnach vor allem darauf zurückzuführen sein, dass sich mehr Betroffene an die Polizei wenden und die Erfassung von Straftaten verbessert wurde. Ähnlich könnte es laut Ashby bei den registrierten Ladendiebstählen in London sein: Auch hier könnten die Zahlen gestiegen sein, weil die Polizei die Anzeige solcher Delikte erleichtert hat.

Sicherer, freundlicher und lebenswerter

Obwohl Vergleiche zwischen verschiedenen Ländern schwierig bleiben, geben die Entwicklungen auf beiden Seiten des Atlantiks Anlass zu Optimismus. Die Mordraten in London und New York sind so niedrig wie nie zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Zahl der Raubüberfälle auf Personen in Paris mag zwar hoch erscheinen, hat sich in den vergangenen zehn Jahren jedoch fast halbiert.

Der übergeordnete Trend ist eindeutig: Städte in Europa und Amerika sind heute sicherer, freundlicher und lebenswerter als noch vor einer Generation. Das ist eine Entwicklung, über die sich jeder freuen sollte.

The Economist

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