Michael Fleischhacker
©BeigestelltFrüher waren Glücksritter Menschen aus desolaten Verhältnissen, die in unübersichtlichen Umbruchssituationen mit einem Schlag aus ihrem Unglück ein Glück machen wollten. Was sagt es uns, dass heute im politischen Betrieb vor allem reiche Männer als Glücksritter in Erscheinung treten?
Kaum ein Gespräch über den Zustand der Welt im Allgemeinen und Österreichs im Besonderen kommt ohne die Klage darüber aus, dass die Qualität des politischen Personals in einem Hochgeschwindigkeitszug Richtung Süden fährt, sich also rapide verschlechtert.
Ich mag den aus dem Börsenjargon kommenden Ausdruck „going south“, weil er mich daran erinnert, wie schmerzhaft die Erkenntnis war, dass Norden und Süden nicht dasselbe ist wie oben und unten, obwohl die Landkarten, die man damals noch verwendete, das recht eindeutig hergaben.
Noch heute weigere ich mich hartnäckig, im Zuge der digitalen Navigation die Geradeausvariante zu wählen, in der es nur rechts und links gibt (hätte sich in der Landkartenanalogie die Bezeichnung alles Linken als „westlich“ und die Codierung alles Rechten als „östlich“ durchgesetzt, wären wir heute weltanschaulich vermutlich noch viel verwirrter, als wir es ohnehin schon sind, aber das ist eine andere Geschichte).
Kreisky hätte unter heutigen Bedingungen politisch keine Legislaturperiode überlebt
Ich will wissen, ob mein Weg nach Westen, Osten, Norden oder Süden führt, nachdem ich mich endlich und nicht ohne Schwierigkeiten von der Oben-Unten-Sichtweise der Welt gelöst habe. Zur Wahrnehmung der Erdrotation fehlt mir ohnehin noch immer die Sensibilität.
Bilderwelten
Ist es nun aber wirklich wahr, dass das politische Personal immer schlechter wird? Auch wenn ich nicht den Eindruck habe, dass sich ausschließlich die Jahrgangsbesten aller Disziplinen um die freien Plätze auf den Bezirkslisten der Christ- und Sozialdemokraten bewerben, wäre ich mit dem Befund vorsichtig. Vor allem, weil wir die Qualitäten eines Politikers naturgemäß nach dem Bild beurteilen, das von ihm in der Öffentlichkeit verfügbar ist.
Wenn man sich vorstellt, welches Bild wir von Bruno Kreisky, der über viele Parteigrenzen hinweg als Inkarnation des Politischen verehrt wird und als das große, unerreichbare Vorbild gilt, hätten, wenn es heute entstünde, wird schnell klar: Kreisky hätte unter heutigen Bedingungen politisch keine Legislaturperiode überlebt.
Bis in die frühen 2000er-Jahre war es für Politiker möglich und selbstverständlich, das Bild, das von ihnen in der Öffentlichkeit existiert, weitgehend selbst zu gestalten. Ob, wann, wie, zu welchen Themen sie öffentlich präsent waren, oblag weitgehend ihrer eigenen Entscheidung oder der ihrer dienstbaren Geister, die auf diskrete Weise mit den Akteuren der Öffentlichkeit interagierten, selbst aber vollkommen opak blieben.
Öffentlich war ein Politiker bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, wenn er öffentlich sein wollte. Ein Vierteljahrhundert später ist alles immer öffentlich, und wer dem entgehen will, macht sich verdächtig. Die Beschleunigung, die den politischen Betrieb erfasst hat, verschleißt den Apparat und die Menschen, die ihn bedienen und mit ihm verschmolzen sind.
Nix verstehen, aber alles besser wissen
Dann gibt es natürlich immer auch die, die überzeugt sind, sie hätten das alles durchschaut und wären in der Lage, die Welle zu reiten, die alle anderen unter sich begräbt. Politiker und politisch Ambitionierte, die glauben, sie könnten die sozialen Medien steuern und planen, welche von ihren Botschaften wann „viral“ gehen werden, welche Form von „Engagement“ sich damit produzieren und wie sich dieses „Engagement“ in Wählerstimmen umsetzen lässt. Sebastian Kurz’ „Message Control“-Apparat war ungefähr so aufgestellt, und er hat auch fast zwei Jahre lang funktioniert, bis ein paar Kleinkriminelle und Journalisten gezeigt haben, dass sie Message Control auch nicht so schlecht können.
Gerade etabliert sich unter den politisch Ambitionierten ein auf den ersten Blick neuer Typus: Die, die nichts verstehen, aber alles besser wissen. Es sind späte Wiedergänger Frank Stronachs, des legendären oststeirischen Werkzeugmachers, der zum Autozulieferer-Milliardär wurde und seiner Heimat etwas zurückgeben wollte, wonach diese gar nicht gefragt hatte. Stronach hatte die Angewohnheit entwickelt, all seinen Besuchern, die etwas mit der politischen Welt zu tun hatten, seine Firmenphilosophie samt deren Übersetzung ins Politische auf eine Serviette zu schreiben und als Souvenir mitzugeben. Man müsse nur eine Handvoll Menschen mit unternehmerischer Erfahrung für ein Wochenende gemeinsam mit ihm nachdenken lassen, und hätte am Montag ein fertiges Konzept, mit dessen Umsetzung man den österreichischen Laden wieder flottkriegen würde, pflegte er zu sagen.
Dramatisch veränderte Rahmenbedingungen
Stronach kaufte sich um nicht wenig Geld Publikationsmöglichkeiten in den großen klassischen Medien. Heute, ein gutes Jahrzehnt später, würde er vermutlich einen wöchentlichen Podcast publizieren.
Hat sich also die Qualität des politischen Personals in Österreich seit Kreiskys Zeiten dramatisch verschlechtert? Ich glaube nicht. Es haben sich vor allem die Rahmenbedingungen, unter denen Politik ihre Wirkkräfte entfaltet, dramatisch verändert. Immer dort, wo sich große Umwälzungen mit hoher Geschwindigkeit ereignen, traten in der Geschichte Glücksritter auf den Plan, Menschen aus desolaten Verhältnissen, die aus ihrem Unglück mit einem Schlag ein Glück machen wollen. Dass heute zunehmend reiche Männer als Glücksritter in Erscheinung treten, zeigt, wie radikal sich die Verhältnisse verändert haben.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 45/2026 erschienen.
