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2nd Opinion: Der neue Kulturkampf

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Michael Fleischhacker

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Kulturkämpfer haben einen schlechten Ruf: Sie gelten als ewiggestrige Nostalgiker, die ihre Augen vor der Wirklichkeit der sozialen Ungerechtigkeit verschließen und Zuwanderern mit grundsätzlicher Ablehnung begegnen, die gerne einmal auch rassistisch genannt wird. Dabei wäre es für den liberalen, marktwirtschaftlichen Rechtsstaat wichtig, den Kampf aufzunehmen. Denn wer nicht kämpft, hat schon verloren.

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Wenn es eng und heiß wird in den Debatten über den Zustand der Gesellschaften in der Region, die wir früher den „Westen“ nannten, fällt regelmäßig der Begriff „Kulturkampf“.

Und im handelsüblichen Gebrauch wird er in kritischer, um nicht zu sagen in denunziatorischer Absicht verwendet: Als „Kulturkämpfer“ bezeichnet man konservative, rechte bzw. rechtsextreme (dass die Begriffe heute überwiegend synonym verwendet werden, gehört zu den Grundproblemen dieser Debatten) Akteure, denen man unterstellt, dass sie Fragen der Grundwerte, der kulturellen Zugehörigkeit und der nationalen Identität betonen, wenn es um das Zusammenleben von angestammter Bevölkerung und Zuwanderern geht.

Der Kulturkämpfer ist ein Mensch, der vom eigentlich zentralen Problem der sozialen Ungleichheit und Ungerechtigkeit ablenken will, und stattdessen Ressentiments schürt, die zumindest an Rassismus grenzen. Der Kulturkämpfer ist ein reaktionärer Gesell, der sich mit den Errungenschaften des progressiven Mainstreams, als da sind Diversität und Inklusion, nicht anfreunden kann und sich nach einer Vergangenheit sehnt, die es, wie der Progressive überlegen lächelnd erklärt, so ohnehin nie gegeben hat. Ewiggestrig ist er, hoffnungslos sentimental, möglicherweise auch gewaltbereit.

Machtfragen

In den Debatten über Ursachen und Hintergründe der Gewaltexzesse, die Frankreich am 17. Oktober erschüttert haben, ist dieses Muster wieder besonders deutlich zu sehen gewesen. Progressive, für die klar ist, dass der Grund für die Proteste ausschließlich in der sozialen Ungerechtigkeit zu suchen ist, deren negative Folgen in den migrantischen Milieus der französischen Vorstädte besonders ausgeprägt seien, werfen Diskussionsteilnehmern, die darauf hinweisen, dass sich ebendort Milieus etabliert hätten, in denen das westliche Lebensmodell grundsätzlich abgelehnt wird, weil es sich mit den eigenen, von konservativen Auslegungen des Islam geprägten Wertvorstellungen nicht vereinbaren lässt, Kulturkampf-Rhetorik vor.

An dieser Stelle sollte man die Ironie nicht übersehen, die darin liegt, dass der Begriff des „Kulturkampfs“ in den frühen 1870er-Jahren im Machtkampf zwischen der katholischen Kirche und dem kurz davor entstandenen deutschen Nationalstaat geprägt wurde. Bismarck stellte dem Unfehlbarkeitsdogma, das Papst Pius IX. im Jahr 1870 proklamierte, die Zivilehe, das Schulaufsichtsgesetz, das den Einfluss der katholischen Kirche auf den Unterricht eindämmen sollte, und den „Kanzelparagraphen“ entgegen, der die politische Agitation von Geistlichen im Zuge der Predigt unter Strafe stellte. Es war eine Auseinandersetzung, die sich von den heutigen Auseinandersetzungen nicht sehr unterscheidet: Säkularer Rechtsstaat gegen religiöses Gesetz.

Unentschieden

Man kann sagen, dass die seinerzeitige Auseinandersetzung mit einem Unentschieden endete, denn nach dem Tod des unfehlbaren Papstes kam es zu einer Wiederannäherung zwischen den Antagonisten, die meisten Gesetze wurden zurückgenommen (die Zivilehe nicht), man kam wieder einigermaßen aus, nicht zuletzt deshalb, weil Bismarck einsehen musste, dass er die, die er bekämpfen wollte, mit seinem Vorgehen eher stärkte.

Wir befinden uns tatsächlich mitten in einem neuen Kulturkampf, bloß muss man immer deutlicher zu dem Schluss kommen, dass diesmal nur eine Seite kämpft

Auch wenn man das eine oder andere Auge zudrücken muss, um den Bismarck-Staat als progressiv zu bezeichnen, kann man sich darüber wundern, dass die Progressiven unserer Tage, die Linken also, so nachsichtig mit den religiös-identitären Rittern des Absoluten, diesmal in Gestalt konservativer Muslime, umgehen. Ist etwas dran an der Allianz zwischen Islamisten und Linken, die von manchen Beobachtern als Triebkraft hinter den französischen Unruhen identifiziert wird, oder ist das ein kulturkämpferisches Hirngespinst der Konservativen? Was um Himmels willen haben Sozialisten und konservative Muslime gemeinsam?

Nun, sie haben einen gemeinsamen Feind: den real existierenden Staat. Für die Sozialisten ist er eine Marionette der superreichen, ausbeuterischen Kapitalisten, denen er unter Ausnutzung seines Gewaltmonopols die Mauer macht. Für die konservativen Muslime ist er die Marionette der Zügellosen, die alles erlaubt, was Gott verboten hat.

Kampfunfähigkeit durch Selbsthass

Wir befinden uns tatsächlich mitten in einem neuen Kulturkampf, bloß muss man immer deutlicher zu dem Schluss kommen, dass diesmal nur eine Seite kämpft. Das ist umso problematischer, als die andere Seite, der liberale, auf den Prinzipien der Marktwirtschaft fußende Rechtsstaat, eigentlich an zwei Fronten kämpfen müsste: Auf der einen Seite gegen die Sozialisten, die an seinen marktwirtschaftlichen Fundamenten rütteln, auf der anderen Seite gegen die Religiös-Identitären, die den Vorrang des säkularen Rechtsstaates gegenüber religiösen Geboten nicht anerkennen wollen.

Kampfunfähig gemacht hat den liberalen, marktwirtschaftlich fundierten Rechtsstaat nicht zuletzt der Selbsthass seiner jüngeren Generationen von Bürgern, die davon überzeugt sind, dass der eigene Wohlstand und die eigene Freiheit erkauft sind durch die Armut und Unfreiheit der Menschen außerhalb des westlich-europäischen Kulturkreises.

Ich fürchte, es gilt auch in dieser Auseinandersetzung ein altes Prinzip: Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 44/2026 erschienen.

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