Kathrin Gulnerits
©Matt ObserveDas Zukunftsdepot ist eine gute Idee. Für österreichische Verhältnisse sogar überraschend vorausschauend. Doch kaum liegt sie auf dem Tisch, beginnt die Gerechtigkeitsdebatte. Als wäre eine Maßnahme schon deshalb ungerecht, weil nicht alle gleich stark profitieren
Die erste Lektion in Finanzbildung hat die Bundesregierung bereits erteilt: Man sollte Werbeversprechen niemals mit den tatsächlichen Vertragsbedingungen verwechseln. Auch dann nicht, wenn die Versprechen von der Bundesregierung kommen. Das Zukunftsdepot begann mit einigen bemerkenswerten Verstolperern. Spesenfrei, gebührenfrei und steuerfrei sollte es sein. Inzwischen wissen wir: Die Befreiung von der 27,5-prozentigen Kapitalertragsteuer gilt nur für Kursgewinne, nicht für laufende Zinsen und ausgeschüttete Dividenden. Erst nach und nach wurde klar, welche Voraussetzungen ein Kind erfüllen muss, um den versprochenen Startbonus von 500 Euro zu erhalten. Zeitweise konnte man den Eindruck gewinnen, die Regierung wisse selbst nicht so genau, was sie da eigentlich beschließen will.
Dabei ist die Idee gut. Österreich ist ein Land, in dem der Kapitalmarkt vielen fremd geblieben ist. Das Zukunftsdepot könnte Kindern und Eltern den Umgang mit Geldanlagen näherbringen. Dafür sollen alle ab 2027 geborenen Kinder einmalig 500 Euro bekommen. Ab Juli kommenden Jahres können Eltern für jedes Kind unter 18 Jahren ein Depot eröffnen und jährlich bis zu 5.000 Euro einzahlen. Der Staat verzichtet auf die Kapitalertragsteuer auf Kursgewinne. Der Blick in die Zukunft kostet den Steuerzahler für den Startbonus 2027 und 2028 jährlich 40 Millionen Euro. Hinzu kommen die Steuerausfälle.
Eine Gesellschaft muss Unterschiede aushalten können, solange sie auch Chancen eröffnet und nicht bloß Privilegien absichert.
Wer profitiert – und wie viel?
Die Rechnung, die aufgemacht wird, ist nicht schlecht: Wer 18 Jahre lang monatlich 100 Euro einzahlt, kommt zum 18. Geburtstag inklusive Startbonus auf rund 43.000 Euro. Wer die jährliche Höchstgrenze von 5.000 Euro ausschöpft, landet bei rund 173.000 Euro – gerechnet mit 6,7 Prozent Jahresrendite. Das sind Modellrechnungen, keine Versprechen. Verluste sind möglich, die Inflation schmälert die Kaufkraft. Doch kaum war die frohe Botschaft verkündet, kam das große Aber: Ist das überhaupt gerecht? Schließlich können wohlhabende Eltern mehr einzahlen und stärker von der Steuerbegünstigung profitieren. Grünen-Finanzsprecherin Nina Tomaselli ortet darin gar eine „Politik für Stockers Freunde aus dem Golfclub“. Und die Regierung verspreche „Geldvermehrung im Schlaf“.
Bei der Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit hat sie einen Punkt. Aber muss eine Maßnahme allen gleich viel bringen, um gerecht zu sein? Eine Gesellschaft muss Unterschiede aushalten können, solange sie auch Chancen eröffnet und nicht bloß Privilegien absichert. Vermögensaufbau kann mit kleinen Beträgen beginnen. Dafür braucht es Geld, das man entbehren kann, und die Bereitschaft, es langfristig anzulegen. Dass manchen Familien selbst dafür der Spielraum fehlt, ist ein soziales Problem. Aber keines, das sich dadurch lösen ließe, dass man anderen Steine in den steuerbegünstigten Vermögensaufbau legt.
Der Gewöhnungseffekt
Beim Zukunftsdepot wird vielerorts genau nachgerechnet, wer wie viel davon hat – und wer zu kurz kommt. Andere, tief verwurzelte Ungerechtigkeiten nehmen wir dagegen seit Jahren mit einem Schulterzucken und in schöner Regelmäßigkeit zur Kenntnis. Etwa, dass Bildungschancen in Österreich stark vom Elternhaus abhängen. Und das nicht erst seit vorgestern. Auch die Probleme an Brennpunktschulen sind bekannt. Immer wieder gibt es alarmierende Befunde, politische Betroffenheit, die üblichen Schuldzuweisungen. Und dann? Die Debatte verstummt. Die Probleme bleiben. Bis zur nächsten Studie. Solange das eigene Kind die gewünschte Schule besucht, bleiben die Sorgen der anderen meist abstrakt. Es gibt Ungleichheiten, an die wir uns gewöhnt haben. Dass beim Zukunftsdepot genau hingeschaut wird, ist richtig. Aber warum wird beim Zukunftsdepot jeder Vorteil penibel nachgerechnet, während wir weit größere Ungerechtigkeiten seit Jahren hinnehmen?
Mit 18 Jahren können die Begünstigten frei über ihr Zukunftsdepot verfügen – für Ausbildung, Wohnung oder weitere Veranlagung. Eine Bindung, etwa an die Altersvorsorge, gibt es nicht. Deutschland setzt mit seiner kürzlich vom Bundestag beschlossenen Frühstartrente einen anderen Schwerpunkt: Kinder sollen hier vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr monatlich zehn Euro vom Steuerzahler erhalten. Eröffnen die Eltern kein Depot, wird das Geld trotzdem am Kapitalmarkt angelegt. Das geförderte Kapital bleibt grundsätzlich bis zum 65. Lebensjahr gebunden.
Freie Verfügbarkeit ab 18 hier, langfristige Altersvorsorge dort. Beides hat seinen Sinn. Doch gerade die Altersvorsorge führt zu einer viel größeren Gerechtigkeitsfrage: dem viel zitierten und immer weniger mit Leben gefüllten Generationenvertrag. Die Erwerbstätigen finanzieren die Pensionen von heute, die nachfolgenden Generationen werden diese Verpflichtung ebenfalls tragen. Aber welche Lasten kommen auf sie zu? Gerade deshalb hätte das Zukunftsdepot mehr sein können als eine Starthilfe ins Erwachsenenleben: auch ein staatlich geförderter, langfristig gebundener Grundstock für die eigene Altersvorsorge. Diese Chance hat die Regierung vertan.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 44/2026 erschienen.
