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2nd Opinion: Pragmatiker und Zyniker

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Michael Fleischhacker

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Die Koalition aus ÖVP, SPÖ und Neos ist von den inhaltlichen Voraussetzungen her eine absurde Veranstaltung, aber man weiß, wie es dazu kam, und hat vielleicht auch Verständnis dafür. Durchhalten kann man so etwas nur mit dem alten Rat des Kirchenvaters Augustinus: Wenn Du nicht kannst, was du willst, dann wolle, was Du kannst.

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Zu den großen Geheimnissen der Politik gehört die Frage, wo genau man eigentlich die Grenze zwischen Pragmatismus und Selbstverleugnung ziehen kann. Wie lange sieht man sich als vernünftig agierender Pragmatiker, der weiß, dass man sein ganzes Programm nur mit einer absoluten Mehrheit durchsetzen könnte, die es nun einmal nicht mehr gibt? Wann kommt der Punkt, an dem man sich nicht mehr ekelfrei im Spiegel anschauen kann, weil man für eine Regierungsbeteiligung ungefähr alles aufgegeben hat, was einem in der Opposition noch hoch und heilig gewesen ist?

Obwohl ich einige Regierungsmitglieder persönlich kenne, bin ich der Antwort auf diese Frage noch nicht wirklich nähergekommen. Ich frage natürlich auch nicht immer, weil die Frage naturgemäß nervt. Zurecht nämlich, denn wenn man ehrlich ist, handelt es sich nicht um eine Frage, sondern um einen Vorwurf. Oder würden Sie denken, dass ein Gesprächspartner einfach nur eine Frage stellt, wenn er Sie fragt, ob Sie sich eh noch ekelfrei im Spiegel anschauen können? Ich nenne solche Fragen bei mir gerne „Drohnen-Fragen“, weil sie so lustig dahersummen wie jene Fotodrohnen, die dann doch eine Sprengstoffladung zur Detonation bringen.

Wollen & Können

Erspart bleibt der Grenzgang zwischen resilientem Pragmatismus und schnödem Prinzipienverrat niemandem von uns. Der junge Mensch schon muss sich, wenn er beispielsweise in einem katholischen Internat einsitzt, mehr oder weniger jeden Tag entscheiden, ob er mit der Macht kooperiert, um einigermaßen unbehelligt zu bleiben, oder ob er seine Freiheitsvorstellungen so konsequent umsetzen will, dass es am Ende zum Rauswurf keine Alternative gibt.

Man hat uns die etwas feigere Variante, wie vieles andere auch, mit einem weisen Spruch des Kirchenvaters Augustinus aus dem „Gottesstaat“ schmackhaft zu machen versucht: Wenn du nicht kannst, was Du willst, habe der nämlich dort geschrieben, dann wolle, was Du kannst. Ursprünglich stammt der Satz aus einer Komödie des Dichters Terenz, aber das hat uns schon damals nicht gekümmert.

Jedenfalls, so viel lässt sich sagen, kommen wir aus diesem Spannungsfeld zwischen Anpassung und Selbstverwirklichung unser Lebtag lang nicht heraus. Nicht einmal dann, wenn wir, bildlich gesprochen, in unserem Leben über eine absolute Mehrheit verfügen, also über materielle, emotionale und intellektuelle Rahmenbedingungen, die uns in der Verwirklichung unserer Vorstellung von einem gelungenen und guten Leben kaum behindern. Manchmal diskutieren wir abends mit uns selbst, wenn wir in der Reflexion des Tages feststellen müssen, dass wir es uns wieder einmal unnötig leicht gemacht haben.

Fröhliche Kröte

Solches Ringen mit sich selbst kann man sich ersparen, wenn man auf die Reflexion verzichtet und lebt wie die fröhliche Kröte, die auf Kopfsalat und Äpfel wartet und im Übrigen den Herrgott einen guten Mann sein lässt. Wenn man dazu nicht neigt, wird man mit sich hadern, vor sich selbst und den Göttern und Geistern, an die man glaubt, Besserung geloben, und den neuen Tag als neue Chance begreifen, es anders, besser, gut zu machen. Oder man greift auf eines der letzten Mittel der Aufklärung in einer abgeklärten Welt zurück: den Zynismus. Ab einer gewissen Trennschärfe im Hirn, pflegte mir ein leider schon verstorbener Politikerfreund zu sagen, gebe es zum Zynismus ohnehin keine Alternative.

Zyniker sind oft lustig, aber selten angenehm. Ich selbst habe ein gewisses Maß an Verständnis für ihre Haltung, vor allem, wenn ich daran denke, dass die Alternative die aufgesetzte Zuversicht und Zukunftsfrohheit ist, die unser aller Bundeskanzler beim diesjährigen Sommergespräch zur Schau gestellt hat. Das Maß der sprachlichen Dinge bleibt, was den politischen Zynismus betrifft, der legendäre bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß. Man muss, sagte er, seine politischen Grundsätze so hoch halten, dass man aufrecht darunter durchgehen kann. Strauß regierte mit komfortabler absoluter Mehrheit, aber er hat damit vor Jahrzehnten beschrieben, was eine der unabdingbaren mentalen Voraussetzungen für die Bildung einer Dreierkoalition sein würde.

Die Koalition aus ÖVP, SPÖ und NEOS ist von den inhaltlichen Voraussetzungen her eine absurde Veranstaltung

Man muss davon ausgehen, dass einige der handelnden Politikerpersonen über all das genau Bescheid wissen und unter diesem Wissen leiden. Sie wissen jetzt, wenn sie es nicht ohnehin schon vorher wussten, dass das, was eigentlich in Österreich notwendig wäre, in einer solchen Konstellation nicht möglich ist. Die Koalition aus ÖVP, SPÖ und NEOS ist von den inhaltlichen Voraussetzungen her eine absurde Veranstaltung, aber jeder weiß, warum es so kam, wie es kam, und man kann dafür auch einiges an Verständnis haben. Und es ist auch völlig klar, dass man sich, wenn man nicht an sich selbst und dem täglichen Blick in den Spiegel irre werden will, nur an den alten Augustinus halten und den Wolle-was-Du-kannst-Pragmatismus bis zum Ende der Legislaturperiode durchdrücken kann.

Es ist in dieser Dreierkoalition ein bisschen wie im wirklichen Leben: Wer nicht im Pragmatismus erstarren will, muss raus.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 36/2026 erschienen.

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