Der langjährige Europapolitiker Othmar Karas sagt, in der Krise gehe es nicht um Deutschland allein. Die USA und Russland wollten Europa destabilisieren. Ein Zusammenrücken sei nötig. Dass die europafeindliche AfD in Deutschland an die Macht kommen könnte, hält er für verhinderbar.
Deutschland bleibt Führungsfigur – wegen seiner volkswirtschaftlichen Stärke, der Größe des Landes und auch wegen seiner Geschichte“, sagt Othmar Karas. Der langjährige Europapolitiker und frühere Erste Vizepräsident des Europäischen Parlaments warnt aber auch: „Herr Trump und Herr Putin wollen eigentlich kein starkes Deutschland – und schon gar keinen Motor Deutschland in Europa haben. Schauen Sie sich die Glückwunschschreiben an Frau Weidel von Moskau bis Washington an.“
Nicht nur Deutschland alleine
Deutschland habe Probleme, die sich über Jahre aufgebaut haben, zu denen heute auch noch politische Probleme mit Rechtsextremen dazukommen. Doch letztendlich gehe es bei der Frage nach der Rolle Deutschlands nicht nur um Deutschland allein, sagt Karas. „Wir stehen vor den größten Transformationsprozessen und Umbrüchen seit 1945. Das überfordert viele. Das macht vielen Angst und Sorge. Und wir sehen vor diesem Hintergrund: Es gibt einen ursächlichen Zusammenhang zwischen innenpolitischer Stabilität und europa- und außenpolitischer Stärke.“
Doch überall in Europa reagiere die Politik „nicht mit der Erklärung der Zusammenhänge, sondern zunehmend parteitaktisch, national, tagespolitisch und ideologisch, statt europäisch.“ Dabei wären Zusammenarbeit und eine Stärkung des europäischen Zusammenhalts gefragt, meint er. „Der deutsch-französische Motor funktioniert aber schon lange nicht mehr. Das Aufflackern des Weimarer Dreiecks mit Polen, ist durch die Präsidentschaftswahl in Polen wieder erodiert.“ Reformhoffnungen auf Italien seien enttäuscht worden: „Italien macht de facto keine Reformen, sondern bewältigt einfach machtpragmatisch den Tag.“
Deutsche Kanzler, starke Partner
Die USA und Russland wollen Europa destabilisieren, so Karas, „ein Zusammenrücken und Führung wären also nötig. Es ist nicht eine deutsche Herausforderung allein, es ist eine gesamteuropäische, eine demokratiepolitische und gesellschaftliche Herausforderung“. Auch starke deutsche Kanzler hätten Partner gebraucht: „Helmut Kohl hatte François Mitterrand, Helmut Schmidt hatte Giscard d’Estaing. Sie hatten ein gemeinsames Ziel: Sie wollten Europa, die Gemeinschaft stärken, um die innenpolitischen Probleme zu überwinden.“
Europa sei auch heute der Schlüssel zur Lösung nationaler Probleme, ist Karas überzeugt: „Ohne einer handlungsfähigen Union wird kein Land, sei es Deutschland oder Frankreich, auf die Überholspur zurückkehren. Die Probleme von heute kennen keine nationalen Grenzen.“
Führung statt Selbstbeschäftigung
Was es für die EU bedeuten würde, wenn die europafeindliche AfD in Deutschland regieren würde? „Ich bin überzeugt, dass das verhinderbar ist, wenn man diese gesellschaftspolitische Auseinandersetzung zwischen Nationalisierung und Europäisierung, zwischen Zukunft und Vergangenheit, zwischen Demokratie und Autokratie deutlich führt.“ Autoritäre System seien gegen Gemeinschaften wie die EU. „Wenn wir über Deutschland sprechen, sprechen wir also auch über die Rolle, die unser Kontinent künftig in der Welt spielen wird. Daher wäre Führung gefragt, nicht Selbstbeschäftigung.“
Steckbrief
Othmar Karas
Der Niederösterreicher studierte Politikwissenschaft sowie europäisches und Internationales Wirtschaftsrecht. In die Politik startete er als Obmann der Jungen ÖVP. Er war Nationalratsabgeordneter, Generalsekretär der ÖVP und seit 1999 im EU-Parlament, wo er Erster Vizepräsident war. Bei der EU-Wahl 2024 trat er nicht mehr an. Seit Oktober 2024 ist er Präsident des Forum Alpbach. Zudem ist er seit vielen Jahren Präsident des Hilfswerks Österreich.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 40/2026 erschienen.
