Deutschland wächst wieder – und wirkt doch so verunsichert wie lange nicht. Die AfD gewinnt Wahlen, die Regierung ringt um Reformen, das alte Wirtschaftsmodell steht unter Druck. Und zugleich muss Europas wichtigste Volkswirtschaft ihre Rolle in einer neuen Weltordnung finden.
Der Innenpolitikchef der Presse blickt am Tag nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern genüsslich auf „diese Deutschen“ herab: „Diese Deutschen. Immer hinten nach. Im Bahnverkehr. Und in der Politik. Nun führen sie dort Debatten, die wir schon vor 30, 40 Jahren geführt haben …“
Kleiner, feiner Nachtritt
Zum zweiten Mal in Folge war die AfD als stärkste Kraft in einem ostdeutschen Bundesland durchs Ziel gegangen. In Mecklenburg-Vorpommern flog zudem die Kanzlerpartei CDU aus dem Landtag. Ein Novum in der Parteigeschichte. Die Logik, meint der Kollege, sage einem, „dass man Rechtspopulisten in (Regierungs-)Verantwortung einbinden bzw. deren Themen glaubwürdig aufnehmen muss“.
Aber da ist ja noch die Moral beim „Lieblingsnachbar“. „Und in Sachen Moral sind die Deutschen bekanntlich Weltmeister. Im Fußball nicht mehr …“, heißt es weiter. So wie immer halt. Ein Schenkelklopfer. Ein kleiner, feiner Nachtritt. Ein paar launige Einschätzungen zum Morgenkaffee.
Die Moral und die Folgen
Anderswo in Europa ist niemandem nach Schenkelklopfen zumute. Le Monde interessiert weniger die deutsche Lust an moralischen Debatten als deren Folgen. Die Sorge sei, dass ein innenpolitisch geschwächter Merz europäische Entscheidungen blockiert oder verzögert. „Ein geschwächter deutscher Kanzler ist für Brüssel nie eine gute Nachricht“, heißt es. Auch El País richtet den Blick auf das größere Problem: Aus Brüsseler Sicht treffen zwei Entwicklungen zusammen – die Stärke der europaskeptischen AfD und die Schwäche eines Kanzlers, auf dessen Regierung die EU angewiesen ist.
Im Ausland wird die Wahl weniger als regionales deutsches Beben gelesen denn als Test, ob Deutschland politisch noch verlässlich führen kann. Was ein weiterer Machtgewinn der AfD außenpolitisch bedeuten könnte, lässt sich an den Aussagen ihrer Parteispitze ablesen. AfD-Co-Vorsitzende Alice Weidel sagte im ZDF-Sommerinterview, Deutschland solle aus dem Schengen-Abkommen austreten. Und: „Deutschland ging es deutlich besser vor der Euro-Einführung.“ Auch in der Sicherheitspolitik sind die Signale eindeutig. Der zweite AfD-Vorsitzende, Tino Chrupalla, sagte im November bei „Markus Lanz“: „Ich sehe aktuell durch Russland keine Gefahr für Deutschland.“ Auf die Nachfrage, ob dann etwa auch Polen eine Gefahr sein könne, antwortete er: „Natürlich kann auch Polen für uns eine Gefahr sein.“
Zahlen & Fakten
1,3 Prozent Deutschlands Wachstumsaussichten für 2026 wurden aktuell nach oben revidiert. Statt der noch im Frühjahr errechneten 0,6 Prozent rechnen die führenden Wirtschaftsinstitute jetzt mit einem Plus beim Bruttoinlandsprodukt von 1,3 Prozent. Ein Grund für die bessere Prognose: Zwar stiegen die Energiepreise stark, doch der befürchtete „Energiepreisschock" infolge des Iran-Kriegs fiel geringer aus als erwartet. Gleichzeitig stützt die Bundesregierung die Wirtschaft mit ihrer expansiven Finanzpolitik und den schuldenfinanzierten („Sondervermögen") Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung. Für 2027 werden 1,1 Prozent erwartet.
9 Milliarden Euro: Im Juli nahm Polen (3,6 Prozent Wirtschaftswachstum) deutsche Waren im Wert von rund neun Milliarden Euro ab – 50 Prozent mehr als China.
3,7 Prozent: Im ersten Halbjahr 2026 exportierte Deutschland in Summe Waren für 816,6 Milliarden Euro - 3,7 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.
40 Milliarden Euro: Die Vereinigten Arabischen Emirate haben Anfang September angekündigt, 40 Milliarden Euro zusätzlich in Deutschland zu investieren. Das Geld soll unter anderem in Industrie, KI, Energie und digitale Infrastruktur fließen. Allein zehn Milliarden Euro sollen nach Bayern gehen.
… und die Kehrseite: Deutschlandweit waren im Juli 2026 rund 223.000 Menschen weniger erwerbstätig als ein Jahr zuvor – ein Rückgang um 0,5 Prozent. Besonders stark trifft es die Industrie: Im verarbeitenden Gewerbe gingen binnen eines Jahres 144.100 Arbeitsplätze verloren, ein Minus von 2,7 Prozent. Allein in der Autoindustrie verschwanden 42.300 Jobs. Ende des ersten Halbjahres 2026 arbeiteten noch 691.500 Menschen in der deutschen Autoindustrie – so wenige wie noch nie seit Beginn der vergleichbaren Statistik 2005.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 40/2026 erschienen.
