Der Chef des österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) und „Wirtschaftsweise“ in Deutschland Gabriel Felbermayr erklärt, warum der derzeitige Aufschwung nur von kurzer Dauer sein könnte und warum deutsche Schulden zur Ankurbelung der Wirtschaft auch für alle anderen Länder der Euro-Zone das Schuldenmachen teurer machen.
Zuletzt ging es etwas aufwärts bei den deutschen Wirtschaftsprognosen. Das Ifo rechnet für das Jahr 2026 mit einem Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent, für 2027 immer noch mit 1,2 Prozent. Und das nach Jahren der Stagnation in Europas größter Volkswirtschaft.
Gabriel Felbermayr, Chef des österreichischen Wifo und Mitglied des deutschen Sachverständigenrats für Wirtschaft, erklärt den stärkeren Optimismus so: „Da wird staatlicherseits sehr viel an Konjunkturstimulus betrieben: Infrastrukturinvestitionen, die Bereichsausnahme von der Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben. Das sind positive Impulse, die schlagen sich jetzt nieder.“
Das große Anti-Sparpaket
Dazu komme eine stärkere Auslandsnachfrage nach deutschen Maschinen, bedingt durch den KI-Boom in den USA, sowie nach deutschen Chemieprodukten. „Davon dass sich die Welt wegen der Sperre der Straße von Hormus nicht mehr aus Chemieanlagen im Nahen Osten beliefern lassen kann, profitiert die deutsche Chemieindustrie“, erklärt Felbermayr. „Im Gegensatz zu Österreich, wo ein Sparpaket die Konjunktur dämpft, hat Deutschland genau das Gegenteil: ein großes Anti-Sparpaket.“
Dass Deutschlands Finanzminister Lars Klingbeil Geld aus dem Infrastrukturpaket umgeschichtet hat, um Budgetlöcher zu stopfen, ordnet Felbermayr so ein: „Für die kurzfristige Konjunkturentwicklung ist es egal, ob der Staat Eisen, Stahl oder Beton für Brücken kauft oder ob er die Unis besser ausstattet und den Leuten Steuern nachlässt.“ Was die deutsche Wirtschaft ebenfalls ankurbelt: Nachdem Unternehmen zuletzt vorsichtig bei Investitionen waren, gebe es nun Ersatzinvestitionen, die irgendwann einfach notwendig werden, weil Maschinen ans Ende ihrer Lebensdauer kommen.
Aufschwung mit Ablaufdatum
Das Problem dieser Wachstumsfaktoren: Sie sind wohl nicht von Dauer. Der KI-Boom wird irgendwann erschöpft sein, der Krieg im Iran vorbei und die Handelsrouten offen. „Die strukturellen Probleme, die zum Beispiel die Chemieindustrie in Deutschland hat, bleiben: hohe Energiepreise, eine hohe Regulierungsdichte, Schwierigkeiten mit der Transportinfrastruktur.“ Schon ab 2028 sehen die Wirtschaftsforscher das Wachstum auf 0,8 Prozent zurückgehen. Felbermayr: „So wie auch in Österreich sind das die Wachstumsraten, auf die man sich langfristig einstellen muss.“
In der Zeit der Polykrisen hat sich die Weltwirtschaft bisher als erstaunlich resilient erwiesen. „Es gibt oft mehr Substitutionsmöglichkeiten als man zu Beginn der Krisen annimmt. Der erste Pessimismus ist oft größer als das Problem selber“, sagt Felbermayr, „der Welthandel läuft nach wie vor – aber in Deutschland nicht.“
Konsum ist kein Wachstumstreiber
Woran das liegt? „Ein Mix aus falschen Exportländern – das Geschäft mit den USA und China lief jahrelang super, heute gibt es mit beiden Ländern Probleme –, und dummerweise auch noch Produkten, bei denen es eng wird: Autosektor, Maschinen, Chemie.“ Dazu komme Unsicherheit, wie es politisch weitergeht. „Eine Reformagenda, die nicht ins Laufen kommt. Das hat zwei Jahre Verunsicherung generiert.“
Eine Verunsicherung, die sich laut Konjunkturerhebungen auf die Konsumlaune der Deutschen niederschlägt. „Konsum ist derzeit kein Wachstumstreiber, aber die Stimmung war schon schlechter“, erklärt Felbermayr. Zur allgemeinen Unsicherheit komme die hohe Steuerbelastung in Deutschland. „Jetzt gibt es zwar ein kleines Steuerpaket, aber das bewegt gerade einmal 0,2 Prozent des BIP. Das ist winzig.“
Unterwegs gen Defizitverfahren
Neben den großen Investitionspaketen versucht die deutsche Regierung, im laufenden Budget zu sparen. Ein Kandidat für ein Budgetdefizitverfahren der EU, wie es Österreich durchläuft, könnte Deutschland dennoch werden. Felbermayr: „Noch ist die Fiskalposition Deutschlands nicht schlecht. Die Schuldenquote liegt bei rund 63 Prozent, in Österreich sind es über 80 Prozent. Aber nach der Prognose des Sachverständigenrats läuft Deutschland auf die 90 zu und in Richtung eines Defizitverfahrens. 2028 kann das zum Thema werden.“
Was heißt es für Europas Wirtschaft, wenn die einstige Konjunkturlokomotive Deutschland schwächelt? Dass es für Österreich gut ist, wenn es in Deutschland läuft, weiß man hierzulande. Aber auch für Tschechien und die Slowakei sei die deutsche Autoindustrie von zentraler Bedeutung, da viele Betriebe in der Zulieferindustrie tätig sind.
„In Summe ist es für die gesamte Europäische Union von Vorteil, wenn Deutschland wächst. Aber man muss auch sagen: Es gibt Gegenbuchungen“, erklärt Felbermayr. „Als Deutschland die Schuldenbremse gelockert hat, sind schlagartig die Renditen auf Bundesanleihen um 0,4 Prozentpunkte gestiegen. Und das hat die Schulden in der gesamten Euro-Zone teurer gemacht, obwohl andere Länder ihre Schuldenpolitik nicht verändert haben.“
Steckbrief
Gabriel Felbermayr
Der Wirtschaftswissenschafter ist Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) und seit März 2026 Mitglied des deutschen Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, die sogenannten Wirtschaftsweisen. Zuvor war er Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Der Oberösterreicher hat Volkswirtschaftslehre an der Johannes-Keppler-Universität in Linz studiert und am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz promoviert.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 40/2026 erschienen.
