Kein Sommerloch im ORF. In Österreichs größtem Medienhaus stehen wieder Personalentscheidungen an. Und wieder wird es um die Frage gehen, wie sehr ÖVP und SPÖ den Sender unter sich aufteilen wollen. Dabei gäbe es Wichtigeres zu tun, um die Zukunft des ORF zu sichern.
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Alle Scheinwerfer auf den ORF: Der 11. August bietet für alle Küniglberg-Watcher eine pikante Terminkollision. Am Arbeits- und Sozialgericht Wien ist an diesem Tag die „vorbereitende Tagsatzung in der Arbeitsrechtssache Mag. Roland Weißmann gegen Österreichischer Rundfunk“ angesetzt, wie die Medienstelle des ASG informiert.
Zwar werden die Streitparteien an diesem Tag noch nicht einvernommen, Details rund um den Fall des gefallenen ORF-Chefs sind also nicht zu erwarten. Erwartet wird aber ein größerer Medienandrang. Um Anmeldung wird gebeten.
Fifty-Fifty wie es Pig versteht
Am anderen Ende der Stadt, am Küniglberg, sollen an diesem Tag die ORF-Stiftungsräte das Personalpaket, das ihnen der neue ORF-Generaldirektor Clemens Pig ein paar Tage zuvor vorgelegt hat, absegnen. Das wird nicht ohne Diskussionen, Interventionsversuche und Anfechtungsdrohungen gehen. Für Pig geht es dabei nicht nur darum, ob er in seiner ersten Amtszeit mit Personen seines Vertrauens zusammenarbeiten kann. Es geht auch darum, den Schatten der politischen Job-Vergabe, der über dieser GD-Wahl lag, abzuschütteln.
Zur Erinnerung: Im Vorfeld war ausgiebig darüber gemunkelt worden, dass laut – nicht im Koalitionsprogramm aufscheinenden – Absprachen zwischen ÖVP und SPÖ den Schwarzen der ORF-Chef zustünde. Pig, wiewohl nicht als Parteigänger bekannt, wurde als ÖVP-Wunsch bezeichnet und am Ende – freilich mit deutlicherer Mehrheit als nur den roten und schwarzen Stimmen – gewählt. In weiterer Folge hieß es, dass sich die beiden Parteien die zentralen Direktorenposten fifty-fifty aufteilen wollten. Unter Fifty-Fifty versteht Pig etwas anderes: Er strebt Parität zwischen Frauen und Männern in der Führungsmannschaft an.
Man darf prognostizieren, dass die erwählten 13 erst einmal auf politische Zuordenbarkeit durchleuchtet werden
Erstaunlich, dass trotz dieses Gemauschels das Interesse an den ORF-Jobs groß ist. 105 Personen haben sich um die zentralen Direktionen – Audience & Plattformen, Finanzen & Verwaltung, Programm & Brands sowie Technologie & Innovation – sowie die Landesdirektionen beworben. Pig zog zwei internationale Personalberater hinzu, um das Bewerberfeld zu sichten, und versucht das Mögliche, um das Auswahlverfahren so transparent und nicht-diskriminierend zu gestalten, wie es das Europäische Medienfreiheitsgesetz vorsieht.
Man darf auf Pigs Paket gespannt sein. Und man darf gefahrlos prognostizieren, dass, wer auch immer die erwählten 13 sein werden, diese erst einmal auf politische Zuordenbarkeit durchleuchtet werden. Das hat im ORF Tradition – manchmal erfolgt die Zuordnung zu Unrecht, manchmal berichten allerdings Politiker in neuer Regierungsverantwortung überrascht, wer sich da aller im Vieraugengespräch als Parteigänger mit Aufstiegshoffnung outete.
Wie soll der ORF der Zukunft aussehen?
Zu befürchten ist, dass nach dem Personalpoker die Luft raus ist. Doch die eigentliche Aufgabe kommt noch: Wie soll der ORF der Zukunft aussehen? Zu Österreichs größtem Medienhaus hat jeder eine Meinung – oft ist sie negativ. Ein Elfenbeinturm, bewohnt von Bestverdienern, die wie auch immer zu ihren Jobs gekommen sind. Ein Machohaufen, in dem Frauen kleingemacht werden.
Das Programm? Sowieso der Wahnsinn. Zu viel Sport? Oder Oper. Oder US-Serie. Oder (falsche) Meinung. Oder Schlagerparade. Und weil Politiker gerne billige Punkte machen, tögelt man das Öffentlich-Rechtliche, kürzt das Budget, verlangt anderes Programm, besseres Programm, mehr Objektivität, mehr richtige Meinung, gar keine Meinung.
Mit den mit mir im Haushalt lebenden Menschen bin ich Miteigentümerin des ORF. Sie sind es auch, weil Sie ihre Haushaltsabgabe bezahlen. Geht gar nicht anders, wenn Sie nicht wollen, dass das Inkassobüro bei Ihnen unfreundlich vorstellig wird.
Politiker sind – so wie Sie und ich – auch nur Neun-Millionstel-Eigentümer dieser seltsamen Anstalt. Sie tun aber so, als würde ihnen der ORF gehören. Strenggenommen, wären sie dort nur unsere gewählten Vertreter.
Einer modernen liberalen Demokratie nicht würdig
Politik raus aus dem ORF – dieser Satz ist schnell geschrieben. Politik wird in einem öffentlich-rechtlichen Auftrag immer eine Rolle spielen. Aber man muss größere Unabhängigkeit und Politikferne anstreben, egal, wer gerade in der Regierung sitzt – und nicht nur weil nach der nächsten Wahl ein blauer Kanzler winkt.
Im September beginnt die aktuelle Regierung ihre ORF-Reform. Die kann radikal sein oder ein kläglicher Versuch der einstigen Großparteien ÖVP und SPÖ, sich letzte Macht-Sprengsel zu sichern. Will man einen ORF, der allen gehört, für die Zukunft sichern, gehört der Stiftungsrat von politischen „Freundeskreisen“ geräumt, radikal verkleinert und mit echten Expertinnen für Wirtschaft, Recht und öffentlich-rechtlichen Auftrag besetzt. Der derzeitige Wahlmodus des GD – mit einfacher Mehrheit und zuordenbaren Stimmen – ist einer modernen liberalen Demokratie nicht würdig.
Fehlt dazu der Mut, kommt die nächste Debatte über den ORF rasch. Ende des Jahres nämlich, wenn der Rechnungshof seinen Bericht über ihn vorlegt.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 32/2026 erschienen.
