Die belgische Stadt Mechelen hat sich von einer verwahrlosten Gemeinde zu einem wahren Vorzeigeort gewandelt. Grundlage für das Integrationswunder ist ein Konzept, das weder links noch rechts, sondern konsequent ist. Warum findet es keine Nachahmer?
Der Hauptplatz ist malerisch, die Häuser gepflegt, die Straßen sauber. Besucher wähnen sich in einem Kleinstadtidyll, das auf Tourismusplattformen als „Kleinod“ und „Perle“ angepriesen wird. Vor einigen Jahren hätte das wohl anders geklungen, da hätte man Gästen geraten, einen weiten Bogen um Mechelen zu machen.
Die knapp 90.000 Einwohner zählende Stadt in Belgien, etwa 30 Kilometer von Brüssel entfernt, galt einst als dreckigste Stadt des Landes mit einer der höchsten Kriminalitätsraten. Pro Jahr wurden 1.500 Autos aufgebrochen, 700 Pensionisten überfallen, Jugendbanden versetzten die Bevölkerung in Angst und Schrecken.
Der beste Bürgermeister der Welt
„Mechelen war eine verzweifelte Stadt“, sagt Bürgermeister Bart Somers. Dem heute 62-Jährigen gelang die Verwandlung der Gemeinde – vom gefürchteten Ghetto-Ort zum Integrationsvorbild. Somers spricht gern und ausführlich über seine Politik und sein Konzept, das ganz offensichtlich ein Erfolgsmodell ist.
Hat der Bürgermeister erst einmal losgelegt, ist er kaum mehr zu bremsen. Doch genau diese Begeisterung für seine Stadt ist wohl auch die Grundlage für das Gelingen. Bart Somers ist seit 2001 Bürgermeister von Mechelen, im Jahr 2016 wurde ihm von der „City Mayors Foundation“ der Titel „bester Bürgermeister der Welt“ verliehen.
Zuckerbrot und Peitsche
Somers wird auch „Mister Nulltoleranz“ genannt – eine Bezeichnung, die ihm selbst nicht so behagt. Tatsächlich aber ist hartes Durchgreifen ein wesentlicher Teil des Programms. Die anderen Teile sind Inklusion sowie Förderung. Salopp formuliert: Mit Zuckerbrot und Peitsche zum Integrationswunder. „Inklusion und Recht und Ordnung schließen einander nicht aus, im Gegenteil, sie bedingen einander“, sagt Somers, der der liberalen Partei „Anders“ angehört und sich gegen Zuschreibungen wie links oder rechts wehrt.
Die Linke würde immer Ausreden für das Scheitern von Migranten suchen, meint der Bürgermeister. Etwa: Wer keine guten Schulnoten hat, für den ist das Schulsystem natürlich rassistisch. Und wenn Jugendliche stets hören, dass es an den Lehrern liege, dass sie nicht erfolgreich seien, sei das freilich die perfekte Ausrede dafür, nichts zu tun. Und die Rechte? Die gebe den Zuwanderern überhaupt keine Chance, sondern schiebe diesen sofort die Schuld zu, noch bevor überhaupt etwas geschehen sei.
Imagewandel. Mechelen, rund 30 Kilometer nördlich von Brüssel, galt einst als schmutzigste und eine der kriminalitätsbelastetsten Städte Belgiens. Heute wird die 90.000-Einwohner-Stadt als „Kleinod“ und „Perle“ beworben.
© Getty ImagesEltern in der Pflicht
Bart Somers erster Schritt zum Wandel lautete: Sicherheit hat oberste Priorität. Er ließ Überwachungskameras anbringen und auch die kleinsten Vergehen ahnden. „Ich habe versucht, Eltern für das Verhalten ihrer Kinder verantwortlich zu machen. Wenn ein Kind etwas angestellt hatte, wurde es zur Polizei gebracht. Die Eltern mussten eine Geldstrafe zahlen, es sei denn, sie halfen uns, das Kind wieder auf den richtigen Weg zu bringen“, berichtet Somers.
Die Eltern unterschrieben einen Vertrag, dass die Strafe hinfällig sei, wenn sich die Kinder sechs Monate nichts zuschulden kommen lassen und sich in der Gemeinde engagieren. Es wurden Elterngruppen gegründet und das Angebot von Sportvereinen ausgeweitet. Und das immer gemeinsam, unter Einbindung aller Bürgerinnen und Bürger.
Vom „Ihr“ zum „Wir“
Ein gewaltiges Problem für die Integration ist allerorts die Trennung in In- und Ausländer, sowohl die gefühlte Trennung als auch die räumliche. Somers sprach daher in Bezirken mit hohem Migrantenteil gezielt belgische Mittelstandsfamilien an und überzeugte diese, ihre Kinder eben genau dort zur Schule zu schicken. Mit einer Qualitätsgarantie.
Weiters sponsert die Stadt nur Organisationen und Initiativen, bei denen Menschen unterschiedlicher Herkunft willkommen sind und sich gemeinsam um Integration kümmern. Als syrische Zuwanderer einmal um ein Gemeinschaftszentrum, in dem sich die syrische Gemeinde treffen wollte, wo traditionelle Tänze gelehrt und Mädchen traditionelles Nähen lernen sollten, baten, lehnte der Bürgermeister die Finanzierung ab.
Vielfalt als Teil der Identität
Beim Thema Vielfalt wird Bart Somers ohnehin schon enormer Redefluss noch energischer, er will seinen Worten zusätzlichen Nachdruck verleihen. In ganz Europa wachse die Vielfalt, und jedes Jahr gebe es im flämischen Teil Belgiens immer weniger Familien, die daheim mit den Kindern Niederländisch sprechen. Nur in einer Stadt steige die Zahl derer, die Holländisch sprechen. Genau, in Mechelen. „Das hat natürlich mit unserem inklusiven Ansatz zu tun. Wir sehen Vielfalt nicht als Problem, sondern als Teil unserer Identität.“
Vor wenigen Tagen war im landesweiten TV eine beliebte Spielshow zu sehen, eine Marokkanerin, die Kopftuch trug, hat gewonnen. Sie sagte, sie wolle sich bedanken und alle Leute in Mechelen grüßen, denn dort sei sie aufgewachsen, es sei eine fantastische Stadt, auf die sie sehr stolz sei. Dies könnte eine der Geschichten werden, die Bart Somers künftig gern erzählt. Eine andere Episode, die er immer wieder erwähnt, spielte sich im März 2016 ab. Sie zeigt, wie enorm wichtig er es hält, alle Bürgerinnen und Bürger anzusprechen und dass sich alle als Teil der Gesellschaft fühlen sollen.
Keine Bürger zweiter Klasse
Islamistische Terroristen verübten auf dem Brüsseler Flughafen Zeventem sowie in einer U-Bahn-Station im EU-Viertel der belgischen Hauptstadt Bombenanschläge. 32 Menschen kamen ums Leben, Hunderte wurden verletzt. Somers sprach damals davon, dass die Terroristen Teil der belgischen Gesellschaft seien, „unsere Terroristen“. Er besuchte auch die Moschee in Mechelen und betonte, dass die Muslime doppelte Opfer seien, einerseits, so wie alle anderen auch, Opfer der Anschläge, andererseits aber auch von den Islamisten, weil diese die Religion missbrauchen. „Solche Momente bleiben den Menschen jahrelang im Gedächtnis“, sagt der Bürgermeister.
Ihm sei wichtig, die Zuwanderer als vollwertige Bürger der Stadt anzuerkennen. Mache man das nicht, würden uns die Migranten eines Tages hassen, ist Somers überzeugt. „Und am Ende gewinnen die Terroristen. Sie hoffen, dass sich nach einem Terroranschlag die Reaktion gegen alle Migranten richtet. Und dann können wieder einige von ihnen von den Extremisten rekrutiert werden“, so Somers.
Und noch einen Vorteil habe die Wahrnehmung als vollständige Bürger: Man müsse nicht nachsichtiger sein, brauche keinen sanfteren Ansatz. Nein, man könne dieselben hohen Maßstäbe wie bei allen anderen auch anlegen. Denn niedrige Erwartungen seien eine Form von Rassismus, das habe Somers von einer Direktorin mit afrikanischen Wurzeln an einer Schule mit extrem hohem Migrantenanteil in Großbritannien gelernt.
Miteinander statt Gegeneinander
Was Mechelen heute ausmacht, war kein einfacher Weg, es war ein jahrelanger Prozess, ein ewiges Bemühen und konsequentes Durchgreifen. Zudem haben die Herausforderungen der heutigen Zeit vor dem Integrationswunder nicht halt gemacht. Auch in Mechelen ist die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung spürbar. Er finde es oft erschreckend, was in den sozialen Medien zu lesen ist, so der Bürgermeister. Der Kampf gegen Online-Radikalisierung sei jedoch eine nationale und internationale Angelegenheit, keine lokale, findet Somers.
Was sich seit seinem Amtsantritt vor 25 Jahren ebenfalls verändert hat, ist die allgemeine Stimmungslage. „Die Menschen sind nicht mehr optimistisch.“ Viele sehe keine Zukunft mehr, das erzeuge Angst, öffne Tür und Tor für Frustration, Hass und gegenseitige Schuldzuweisungen. Deshalb sei es wichtig, eine Stadt zu schaffen, in der Stolz und Teilhabe herrsche.
Wenn das Justizsystem nicht stark genug ist
Wo er eingreifen kann, macht er das auch. „Wir haben in den vergangenen Jahren mehrere Lokale, Friseursalons und andere Betriebe geschlossen, von denen wir wussten, dass sie mit Drogengeld finanziert wurden.“
Und die Stadt finanziert eigens drei Mitarbeiter im Justizwesen, eigentlich wäre dies eine nationale Aufgabe. Aber die Gemeinde bezahlt die Mitarbeiter, damit sie sofort reagieren können. „Wenn das Justizsystem nicht stark genug ist, kann ich mit den städtischen Geldern am besten dafür sorgen, das System effektiver zu machen. Denn genau das ist nötig. Wir müssen zeigen, dass wir kriminelles Verhalten nicht tolerieren“, sagt Somers.
Wo bleibt Mechelen 2.0?
Der 62-jährige Belgier ist mittlerweile ein gefragter Gast bei Integrationskonferenzen weltweit, Politikerinnen und Politiker reisen nach Mechelen, um sich vor Ort über das Konzept zu informieren. Somers war bereits bei der vom Bundeskanzleramt begründeten Initiative „Vienna Forum“, einer Tagung gegen politischen Extremismus, dabei, im März sprach er auf Einladung der Antidiskriminierungsstelle Steiermark an der Uni Graz.
Auf die Frage, warum sein Konzept so wenige Nachahmer findet und warum nie von einem zweiten Mechelen zu hören ist, findet Bart Somers erstmals eine typisch ausweichende Politikerantwort. Er sei sicher, es gebe weitere Beispiele für eine gelungene Integration, vielleicht fehle diesen Gemeinden auch das Glück und die Plattform, die ihm die Auszeichnung als bester Bürgermeister geboten habe.
Keine Provinzstadt, keine Ausrede
Was Somers oft zu hören bekommt: Mechelen sei mit Großstädten nicht vergleichbar. „Das stimmt natürlich. Im Vergleich zu Wien etwa ist Mechelen sehr klein, fast wie ein Vorort von Wien.“ Er ist aber überzeugt, dass die grundlegenden Dinge überall funktionieren. Abgesehen davon, lebe ja jemand immer nur in einem Teil der Stadt. „Genau da kann man eine Schule schaffen, die offener ist für Vielfalt, man kann Vereine gründen, die Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenbringen. Man kann eine lokale Polizei- und Präventionsstrategie entwickeln.“
Er ist überzeugt, wenn man wirklich wolle, könne man sehr viel bewegen. Und während auch in Belgien die Rechten auf dem Vormarsch sind, sitzt der liberale Bürgermeister fest im Sattel. „Ich habe mit 25 Prozent begonnen, dann hatte ich 30 bis 34, nach der Weltbürgermeister-Auszeichnung waren es 47 Prozent. Jetzt liege ich bei 39 Prozent“, sagt Bart Somers, der mittlerweile der dienstälteste Bürgermeister in ganz Belgien ist.
