Mit Starmer verliert Großbritannien einen Premierminister, der Labour zurück an die Macht führte und auf politische Nüchternheit setzte. Nach wachsendem Druck aus den eigenen Reihen zieht sich der 61-Jährige zurück und macht den Weg für einen Machtkampf um seine Nachfolge frei.
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„Zuerst das Land, dann die Partei“, mit dieser Devise hatte Keir Starmer seine Amtszeit als britischer Premierminister eingeläutet. Knapp zwei Jahre später, als er am Montag seinen Rücktritt verkündete, verwies er auf den Parteidruck: „Die Frage, die sich meine Partei derzeit stellt, ist, ob ich am besten geeignet bin, uns in die nächsten Parlamentswahlen zu führen. Ich habe die Antwort meiner Fraktion auf diese Frage gehört und nehme diese Antwort mit Würde entgegen.“
Doch er führte weiter aus: „Bei jeder Entscheidung, die ich getroffen habe, ging es darum, das Land, das ich liebe, an die erste Stelle zu setzen.“ Seine Partei habe gesprochen und dem wolle er Gehör schenken: „Aus diesem Grund werde ich als Parteichef der Labour Party zurücktreten.“
Aufmerksamkeit gilt jetzt der „wichtigsten Aufgabe“
In seiner Rücktrittrede erinnerte Starmer an die in seiner Amtszeit erzielten Erfolge. Premierminister zu werden sei „der stolzeste Moment“ seines Lebens gewesen. Er habe 2024 eine völlig am Boden liegende Partei übernommen, Labour sei „politisch, finanziell und moralisch bankrott“ gewesen. Er habe die Partei jedoch zum Besseren verändert, indem er „das Gift des Antisemitismus herausgerissen“ habe. „Das Vertrauen in die Wirtschaft, die Verteidigung und die nationale Sicherheit“ sei während seiner Amtszeit wiederhergestellt worden.
Nun werde er jedoch alles in seiner Macht Stehende tun, um einen geordneten Machtwechsel zu gewährleisten. Seinem Nachfolger werde dabei seine volle Unterstützung zukommen. Nach seiner Zeit als Premier will sich Starmer nun der „wichtigsten Aufgabe“ widmen. Er wolle der beste Ehemann und Vater für seine „fantastische Frau“ und seine „wunderschönen Kinder“ sein, erklärte Starmer mit stockender Stimme, bevor er sich in seinen Amtssitz Downing Street Nummer 10 zurückzog.
Labour-Gründer als Namensgeber
Dass Starmer jemals in Downing Street Number 10 einziehen würde, hatte lange Zeit vorher kaum jemand für möglich gehalten. Der 61-Jährige ist ein Spätberufener der Politik, seine Karriere startete er als Jurist. Starmer wurde am 2. September 1962 geboren und wuchs mit drei Geschwistern in einem beengten Reihenhaus am Stadtrand von London auf. Der Vater Werkzeugmacher, die Mutter Krankenschwester und selbst schwer krank. Ihrem Sohn gaben sie den ungewöhnlichen Vornamen Keir – eine Hommage an den Labour-Gründer Keir Hardie.
„Ich weiß, wie es ist, wenn man sich schämt, seine Freunde nach Hause zu bringen, weil der Teppich ausgetreten und die Fenster gesprungen sind“, erzählte Starmer von seiner Kindheit und widersprach damit seinen Gegnern, die ihn als Teil einer selbstgefälligen liberalen Londoner Elite darstellen.
In der Schule lernte er zusammen mit Norman Cook, dem späteren DJ Fatboy Slim, Geige. Am Wochenende besuchte er eine renommierte Londoner Musikschule. Starmer studierte in Leeds und Oxford Rechtswissenschaften und wurde Menschenrechtsanwalt. Er verteidigte Gewerkschaften, legte sich mit McDonald's an und setzte sich für zum Tode Verurteilte in der Karibik ein. Mit der prominenten Menschenrechtsanwältin Amal Clooney ist er seit ihrer gemeinsamen Zeit in einer Kanzlei befreundet.
Unerwarteter Weg Richtung Establishment
Kollegen und Freunde waren überrascht, als Starmer sich 2003 Richtung Establishment zu bewegen begann. In seinem neuen Job sollte er dafür sorgen, dass die Polizei in Nordirland die Menschenrechte einhielt. Fünf Jahre später ernannte die damalige Labour-Regierung ihn zum Generalstaatsanwalt für England und Wales. Bis 2013 sorgte er für die Strafverfolgung von Abgeordneten, die ihre Spesen missbrauchten, Journalisten, die Telefone abhörten, und der jungen Randalierer der Unruhen von 2011. Königin Elizabeth II. schlug Starmer zum Ritter, den Titel „Sir“ verwendet er jedoch kaum.
2015 dann das erste politische Amt: Zwei Wochen nach dem Tod seiner Mutter wurde er in einem linken Wahlkreis im Norden Londons ins Parlament gewählt. Ein Jahr später beteiligte sich Starmer an der erfolglosen Rebellion gegen den linken Parteivorsitzenden Jeremy Corbyn. Dennoch wurde er zum Labour-Sprecher zum Thema Brexit – gegen den er gestimmt hatte –, bevor er im April 2020 Corbyn an der Parteispitze ablöste. Danach rückte er die Labour Party deutlich Richtung Mitte und kämpfte gegen Antisemitismus in der Partei, was zum Ausschluss Corbyns führte.
Seine Wahlkampagne 2024 war bewusst unspektakulär, sein Auftritt nüchtern. Er kandidierte als Premierminister, „nicht als Zirkusdirektor“, betonte er. Starmer wollte für eine Rückkehr zu Seriosität in der britischen Politik stehen – und hatte damit bei den Briten Erfolg. Bei der Unterhauswahl erreichte seine Partei damals die absolute Mehrheit. Starmer wurde Premierminister Großbritanniens. „Wir beginnen mit der Arbeit des Wandels, mit der Mission der nationalen Erneuerung und dem Wiederaufbau unseres Landes“, sagte Starmer in seiner Siegesrede bei einer Wahlparty im Zentrum Londons.
Krisenreiche Amtszeit
Schon kurz nach seinem Einzug in den Dienstsitz der britischen Premierminister im Sommer 2024 bekam das Bild Starmers von einem mitfühlenden, pragmatischen Labour-Politiker Risse. Damals kündigte seine Regierung an, älteren Bürgern den Heizkostenzuschuss zu streichen, obwohl das nicht im Wahlprogramm stand. Nach einem Proteststurm musste Starmer zurückrudern.
Im September 2025 trat seine Stellvertreterin Angela Rayner zurück, weil sie eine Immobiliensteuer nicht in voller Höhe entrichtet hatte. Im selben Monat musste der Regierungschef Peter Mandelson als Botschafter aus Washington abberufen – Starmer hatte ihn ernannt, obwohl dessen enge Verbindung zum US-Sexualstraftäter Jeffrey Epstein bekannt war. Die Affäre führte zum Rücktritt mehrerer enger Mitarbeiter.
Dabei hat der 61-Jährige auch Erfolge vorzuweisen, vor allem in der Außenpolitik. So schaffte es der Brexit-Gegner, Handelserleichterungen mit der EU auszuhandeln. Zusammen mit Deutschland und Frankreich organisierte er Unterstützung für die von Russland angegriffene Ukraine. Auch beim iranischen Atomprogramm und dem Krieg im Gazastreifen veröffentlichten die „E3“-Länder gemeinsame Erklärungen. Zu US-Präsident Donald Trump hat Starmer dagegen ein angespanntes Verhältnis. Die zunächst guten Beziehungen verschlechterten sich merklich, als der Premier Trump die Unterstützung im Iran-Krieg versagte. Hämisch sagte der US-Präsident am Sonntag Starmers Rücktritt voraus – und bescheinigte diesem politisches Versagen.
Burnham als potenzieller Nachfolger
Starmer selbst hatte Rücktrittsforderungen zunächst stoisch abgelehnt. Auch die für die Labour Party peinlichen Ergebnisse bei den Kommunal- und Regionalwahlen im Mai und desaströse Umfragewerte für ihn selbst konnten den 61-Jährigen lange nicht zum Umdenken bewegen.
Auslöser für seinen Rücktritt war nun der klare Sieg seines parteiinternen Konkurrenten Andy Burnham bei einer Nachwahl in Nordengland am Donnerstag. Burnham, der als Bürgermeister von Manchester sehr beliebt ist, will erklärtermaßen als Labour-Chef und Premierminister kandidieren. Burnham hat das, was Starmer nicht hat: gute Umfragewerte.






