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Indien: Die unterschätzte Weltmacht

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Indiens Premierminister Narendra Modi©Getty Images

Übersehen wir Indien zwischen den beiden gewichtigen Ländern Russland und China? Indien ist das bevölkerungsreichste Land der Welt, gesegnet mit einer Vielfalt von Sprachen, Ethnien, Klimaregionen wie kein anderes. Und es will global in der ersten Liga mitspielen. Der Schriftsteller Martin Kämpchen hat Jahrzehnte in Indien gelebt. Er gibt Hinweise, warum dem Land der Sprung gelingen könnte.

Kommt man mit Indien jemals an ein Ende? Es gibt Touristen, die unvorbereitet nach Indien reisen, und nach einem Tag erschrocken vor der Armut und dem Elend flüchten, um nie wiederzukehren. Andere besuchen Indien mit dem Vorsatz, das Land ein paar Wochen lang zu bereisen; und sie bleiben ein Leben lang. Der Reichtum an Farben und Lebensformen, die berstende Vitalität und Jugendlichkeit schlägt sie in Bann.

Ich gehöre zur zweiten Kategorie. Als Student in Wien bekam ich ein Reisestipendium für Indien. Sofort nach Ende des Studiums war ich wieder unterwegs und begann, Deutsch in Kalkutta zu unterrichten. 50 Jahre lang konnte ich mich nicht lösen. Allerdings wurde ich nicht der typische Hippie an den Stränden von Goa und Kerala, sondern ich lernte eine indische Sprache, nämlich Bengalisch, und versuchte, als Schriftsteller und Übersetzer zu ergründen, warum dieses Land eine solche Faszination ausübt.

Armut und Reichtum

Indien überwältigt uns durch Armut oder Reichtum. Beides rüttelt an unserer Fähigkeit zu verstehen. In den Metropolen organisieren Touristikunternehmen Führungen durch Slums. Und die protzigen Paläste der Superreichen sind das Aushängeschild ihres Status. Wenn eine Industriellenfamilie ihre Söhne oder Töchter in die Ehe gibt, wird die Hochzeit mit einer Opulenz gefeiert, die jedes Maß, jede Schamgrenze sprengt. Dann landen sogar die Privatjets aus dem Silicon Valley und aus Hollywood, und die politische Prominenz aus dem In- und Ausland erscheint.

Ärgerlich und unverständlich ist, dass die indische Volksmenge bewundernd die Straßen säumt, anstatt auf die Barrikaden zu gehen. Im Unterbewusstsein blühen noch die Erzählungen von märchenhaftem Reichtum der Maharajas, der Mogul-Herrscher, die ihrerseits die farbig-kindliche Welt der Mythen nachahmen. Wir Europäer schütteln anschuldigend den Kopf: Wie können die Reichen ihr Leben in nächster Nachbarschaft zu dem Dreck und Gestank der Notdürftigen verbringen, ohne etwas für sie zu tun?

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Indiens Widersprüche erschließen sich erst jenen, die bereit sind, hinter Armut, Reichtung und religiöse Rituale zu blicken.

 © Getty Images

Warum so dekadent?

Die vom Christentum geprägte abendländische Gesellschaft bemüht sich um eine ausgeglichene Güterverteilung. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist die Entwicklungshilfe ein Pfeiler unseres Ethos. Sie entstand aus der Scham, es besser zu haben als zum Beispiel die Menschen in den indischen Dörfern, und aus dem Entsetzen über die eigenen Sünden der Vergangenheit wie etwa über einen ausbeuterischen Kolonialismus und eine die armen Völker schwächende Wirtschaftspolitik.

Wir leben aus dem Willen, „etwas zu tun“. Tatsächlich, Millionen tun etwas und wundern sich, dass die Reichen in Indien selbstzufrieden „nichts tun“. Automatisch entsteht bei uns die Frage: Warum sollen wir helfen, wenn sich die Bevölkerung in Indien nicht untereinander zu helfen bereit ist? Daraus folgt die heute überall spürbare Spendenunwilligkeit.

Das große Aber

Als Günter Grass fünf Monate in Kalkutta verbrachte, prangerte er die Hartherzigkeit der indischen Mittelklasse an, die unbewegt etwa Kindern, die auf Müllhaufen nach Brauchbarem suchen, zuschauen. Seitdem sind rund 30 Jahre vergangen. Hat sich etwas geändert? Doch, seitdem sind Hunderte Bürgerinitiativen entstanden, um Kinder von der Straße zurück in Schulen zu schicken; um kranke Menschen in karitative Einrichtungen zu transportieren, um alte Menschen, die allein leben, in Heime zu schicken. Ich habe viele solcher Einrichtungen gesehen. Das Volk ist – im Tiefsten – idealistisch und zu Opfern für andere Menschen bereit.

Das große Aber lautet: Inder sorgen als Erstes und vor allem für ihre eigenen Familien. Ihr Familienzusammenhalt ist stark und bewundernswert. Immer noch gibt es kaum Altenheime, weil in armen wie wohlhabenden Haushalten alte Menschen bei ihren Familien bleiben und dort trotz finanziellen Schwierigkeiten und unter hohem Zeitaufwand betreut werden.

Ausgeprägte Hierarchiegläubigkeit

Der indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar hat geschrieben: „Das Ideal der brüderlichen Solidarität innerhalb der Familie ist in der Psyche der Inder so stark verankert, dass sehr viel Kraft und Zeit dahingehend investiert wird, Familienbindungen aufrechtzuerhalten, sich gegenseitig zu helfen und Freizeit miteinander zu gestalten.“ In dieser Hinsicht kann die indische Gesellschaft Vorbild für uns sein.

Die Familienbindung spielt in alle Lebenssphären hinein, auch in die Politik. Während die Familie auch bei Streit und unterschiedlicher Lebensauffassung zusammenhält, herrscht außerhalb von ihr in größeren Zweckgemeinschaften ein eigentümliches Fehlen von Teamgeist und Kooperation. Dies macht die Prozesse von mehrheitlicher Meinungsfindung und den Weg zu rationalen, praktikablen Entscheidungen häufig kontrovers, nervenaufreibend und langsam.

Demokratie liegt Indern nicht im Blut, auch wenn sich Indien die größte Demokratie der Welt nennt.

Ein scheinbar endloses Hin und Her lässt den Fokus auf Ergebnisse vergessen. Rettung kommt von einer ausgeprägten Hierarchiegläubigkeit, die Indern angeboren ist. Bedenken wir, dass die Familie als sozialer Kern eine natürliche Hierarchie besitzt: Die Ältesten, etwa die Großeltern, geben die Richtung vor und sind die ausschlaggebenden Entscheidungsträger. Demokratie liegt Indern nicht im Blut, auch wenn sich Indien die größte Demokratie der Welt nennt.

Starke Männer, starke Frauen

Die demokratischen Strukturen bleiben handlungsfähig, solange sie starke Hierarchien besitzen. Auch darum ist Premierminister Narendra Modi so erfolgreich: Inder lieben die starken Männer – , aber auch die starken Frauen. Sie brauchen den Vater- und den Mutter-Arche­typ, mit dem sie sich als Kinder oder jüngere Brüder und Schwestern identifizieren können.

Die frühere Premierministerin Indira Gandhi personifizierte die starke Frau, unbeirrbar, fest entschlossen wie sie war. Ihr Archetyp ist die machtvolle Göttin Durga, die Vernichterin der Dämonen, die Göttin mit den zehn Armen. Wer politisch, aber auch in Firmen und bei Handlungsbeziehungen erfolgreich sein will, muss in diese Archetypen hineinpassen und lernen, sie auszustrahlen. Auch europäischen Handlungspartnern sei geraten, diese Hierarchiegläubigkeit zu beachten.

Parallele Hierarchie

Und jetzt kommt ein erstaunliches Phänomen. Die indische Gesellschaft besitzt eine parallele Hierarchie, die sich durch das gesamte Volk zieht: die „Guru-Hierarchie“. Zunächst gilt sie als religiös bestimmt, sie ist jedoch ebenso geistig und emotional interpretierbar.

All jene, die andere Menschen belehren, die praktisches, intellektuelles oder geistiges Gut weitergeben, heißen Guru. Das mag der Werkzeugmeister, der gelernte Maurer ebenso sein wie der Schullehrer oder Professor. Sie fühlen sich kraft ihrer Position befähigt, Schüler oder Schülerinnen als Guru anzunehmen. Alter ist nicht mehr wesentlich, auch nicht, auf welcher Rangstufe sie im Familienverband stehen.

Wesentlich ist die Weitergabe von Wissen und Kenntnis, gleich welcher Art. Wer hierbei seinen Platz findet, der ist im System der Gesellschaft organisch integriert und fähig, seinen Einfluss geltend zu machen. Wieder einmal, wer bei Handelspartnerschaften diese Eigenart im Gedächtnis behält, wird Vorteile gewinnen.

Im Schatten der Tradition

Hieraus folgt allerdings, dass die indische Wirtschaft in ihrer Grundstruktur eher geringe Dynamik entwickelt. Wenn die Nachfolger eines Firmenchefs Erfolg und eine treue Gefolgschaft wollen, werden sie sich der ersten Generation verpflichtet fühlen. Das ist kein Nährboden für Innovation. Wenn eine politische Partei mit einer deutlich definierten Ideologie sich entwickeln will, müssen ihre Machthaber immerzu das Charisma der Gründergeneration beschwören und sich ihr wortreich verpflichtet fühlen. Selbst global verbreitete indische Konzerne bleiben oft in Familienhand oder in der Verantwortung jener, die den Gründer kannten.

Ich beobachte, dass aus diesem Kreis nur ausbrechen kann, um innovativ zu wirken, wer dieses besitzt: Charisma, starke Gefühle, Persönlichkeit. Narendra Modi gehört zu solchen Menschen. Er wurde von keinem ideologischen System, auch nicht von seiner Familie, in seine Stellung katapultiert, sondern durch rücksichtslosen Machttrieb, verbunden mit starken nationalistischen und pro-hinduistischen Gefühlen. Premierminister Modi appelliert an die religiösen Instinkte der Bevölkerung, die wenig innovativ sind, sondern vor allem der Pflege der traditionellen Hindu-Identität dienen.

Lavieren zwischen Arbeit und Großfamilie

Vor diesem Hintergrund müssen wir heute das „neue“ Indien wahrnehmen. Narendra Modi hat sein Land deutlich ins Zentrum der Weltpolitik manövriert. Indien hat eine junge, agile, sehr vitale Bevölkerung, die darauf wartet, sich für einen guten Verdienst zu engagieren. Das spürt jeder, der nur eine Stunde durch New Delhi, Mumbai oder Kalkutta spaziert.

Tatsächlich schinden viele Unternehmen ihre Angestellten jenseits aller Regeln und Zuträglichkeit. Gewerkschaften bestehen, vor allem in den früher marxistisch regierten Bundesländern, Kerala und West-Bengalen. Aber wie gut werden die Grenzen eingehalten, die sie den Unternehmern auferlegen? Für junge Angestellte, so erfahre ich immer wieder, ist es ein Lavieren zwischen den Pflichten am Arbeitsplatz und für die Großfamilie, das zermürbt.

Bombastische Großprojekte

Der Balanceakt der Regierung gelingt zunächst – die USA nicht zu verärgern, aber auch die Kanäle zum Handel mit China offenzuhalten und drittens so viel russisches Öl wie möglich in die indischen Haushalte zu leiten. Weder Sonnen- noch Atomenergie sind schon tragende Faktoren auf dem Energiemarkt. Narendra Modi folgt seinen Vorgängern, indem er aufsehenerregende, bombastische Großprojekte bevorzugt, um dem Land bei der eigenen Bevölkerung und in der Welt Prestige einzubringen.

Infrastruktur und vor allem das Gesundheits- und Bildungswesen sind im Notstand. Die Zahl der Arbeitslosen ist enorm. Das kann man daran erkennen, wie viele Zigtausend sich um einen Posten, einen Ausbildungsplatz bewerben. Können in diesem Szenario Nepotismus, Korruption weit sein? Indien – ein armes Land? Mitnichten, beteuern die Meinungsmacher. Indien strebt danach, global in der ersten Liga mitzuspielen.

© Biswarup Ganguly / Wikimedia Commons

Steckbrief

Martin Kämpchen

Martin Kämpchen wohnte von 1973 bis 2023 als Schriftsteller, Journalist und Übersetzer in Indien. Seine letzten Bücher sind „Mein Leben in Indien“ (2023) und „Der Duft des Göttlichen. Indien im Alltag“ (2025).

martin-kaempchen.com

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 30+31/2026 erschienen.

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