Nicht nur durch Affären treibt die Volkspartei Wähler zur FPÖ, sondern auch durch ihren schlichten Versuch, diese inhaltlich zu kopieren. Stichwort „Minuszuwanderung“.
Innerhalb weniger Monate ist aus den Reihen der ÖVP zum dritten Mal geliefert worden, was die miserablen Umfragewerte der Partei (rund 20 Prozent) unter anderem erklärt. Beziehungsweise die Wählerabwanderung von ihr zur FPÖ von Herbert Kickl.
Wiens Wirtschaftskammerpräsident Walter Ruck hatte sich in einer Weinkellerrunde despektierlich über Frauen geäußert, mit mutmaßlichen Postenschachereien geprahlt und den Eindruck entstehen lassen, mit Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) die Bundeshauptstadt zu regieren. Schlussendlich trat er als Kammerchef zurück, zuvor war er aus der Partei ausgeschlossen worden.
Der Schaden bleibt
Der Schaden für sie bleibt. Wieder hat ein „Schwarzer“ das zum Ausdruck gebracht, was in Krisenzeiten gar nicht geht: Abgehobenheit sowie Machtausübung zum eigenen Nutzen und Vorteil, und sei es „nur“ zu dem der eigenen Partei oder eigener Leute.
Das ist schon bei den geplanten Gagenerhöhungen mitgeschwungen, die im November zum Abgang von Wirtschaftskammer Österreich-Präsident Harald Mahrer geführt haben, sowie bei der Mitwirkung von August Wöginger an der Bestellung eines ÖVP-Bürgermeisters zum Leiter eines Finanzamts; im Mai trug sie ihm eine (nicht rechtskräftige) Verurteilung ein und kostete ihn die Funktion des Klub obmanns. Es bestätigt für viele Wähler, dass einer wie Herbert Kickl daherkommen müsse, der sich anbietet, „die da oben“ abzustrafen und behauptet, dass er selbst allein Land und Leuten dienen würde.
Schlecht kopiert statt gut selbst gemacht
Schlimmer für die ÖVP von Bundeskanzler Christian Stocker: In ihrem Bemühen, der FPÖ Wind aus den Segeln zu nehmen, konzentriert sie sich auf der anderen Seite ganz darauf, diese inhaltlich zu kopieren. Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) spricht neuerdings etwa gezielt von „Minuszuwanderung“. Damit riskiert er jedoch, die FPÖ zu stärken, die immer noch als Original in solchen Fragen gilt und schon länger „Remigration“ fordert.
Minuszuwanderung
Mit „Minuszuwanderung“ ist gemeint, dass mehr Menschen Österreich verlassen müssen, als neue Asylanträge gestellt werden. Das war heuer im ersten Halbjahr der Fall, und dabei soll es laut Karner bleiben.
Daneben hat die ÖVP kein inhaltliches Angebot mehr, das ihr Alleinstellungsmerkmale beschert. Im Gegenteil, sie hat zugelassen, dass ihr NEOS Zuschreibungen wie „Europapartei“ abnehmen konnte; dass die Partei von Außenministerin Beate Meinl-Reisinger heute eher als sie mit einer Budget- und Pensionspolitik assoziiert wird, die für „Keine neue Steuern“ und eine nachhaltige Absicherung der Altersversorgung steht.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 32/2026 erschienen.