Der ehemalige Sinowatz-Pressesprecher und ORF-Generaldirektor Gerhard Zeiler möchte SPÖ-Chef werden. Das ist sein gutes Recht, bloß gibt es derzeit einen, und der scheint es bleiben zu wollen. Also wird das Stimmungsfeld aufbereitet, vor allem von der „Krone“ und vom „profil“. Eine Verschwörung?
Wieder einmal wird darüber diskutiert, ob der frühere, als solcher sehr erfolgreiche Traiskirchener Bürgermeister Andreas Babler der richtige Chef für die österreichische Sozialdemokratie ist, ob er die Statur für einen Vizekanzler und die intellektuelle Kapazität für einen Kultur- und Medienminister hat.
Schräge Figuren
Man wird das, wenn man die Vorgänge professionell beobachtet, regelmäßig gefragt. Meine Antwort lautet regelmäßig: Ob er der richtige Chef für die österreichische Sozialdemokratie ist, kümmert mich als Mensch, der sich eine Parteimitgliedschaft nie hat vorstellen können, wenig; feststellen muss man aber doch, dass er der rechtmäßig gewählte Parteichef ist, was in einer Demokratie vielleicht nicht ganz unbedeutend ist.
Als Vizekanzler habe ich schon schrägere Figuren amtieren gesehen. Als Kultur- und Medienminister schließlich würde ich mir tatsächlich jemanden wünschen, der im ästhetischen Feinsinn ein bisschen breiter aufgestellt ist, aber ich fand es auch besser, als wir in Salzburg eine Festspielpräsidentin hatten, die vor allem die Kunst liebte und nicht nur das Amt. Man kann es sich eben nicht immer aussuchen. Andererseits: Wann immer sich in der Demokratie jemand meldet und den Anspruch erhebt, es besser zu können, ist er herzlich willkommen, solange er sich dabei an die Regeln hält.
Verschwörungstheoretiker
Das tut jetzt Gerhard Zeiler, der frühere Sinowatz-Pressesprecher (Vranitzky-Pressesprecher war er nur kurz, er wurde dann als ORF-Generalsekretär gebraucht), nun internationaler Medienmanager. Freudig unterstützt wird er dabei vom Nachrichtenmagazin profil, von der Kronen Zeitung und vom ORF, und alle anderen Medien berichten natürlich ebenfalls ausschweifend, denn es gibt ja innenpolitisch nichts, was Journalisten und Publikum mehr interessiert als ein Massaker an der Spitze jedwelcher Partei.
Als sein – hoffentlich ehrenamtlicher – Pressesprecher fungiert der frühere Chefredakteur der Arbeiterzeitung Peter Pelinka, hoffentlich ehrenamtlich deshalb, weil es wohl kein gutes Zeichen wäre, wenn Zeiler für so eine Leistung tatsächlich Geld bezahlte.
Über die Motive und die Großartigkeit des Bewerbers wissen wir aus der einschlägigen Berichterstattung sehr viel mehr als über das vorgesehene Procedere oder gar ein Programm. Aber das kommt sicher noch, zunächst geht es ja vor allem darum, die Stimmung auszuloten und gegebenenfalls durch ein besonderes Maß an Objektivität und Distanz zu beeinflussen. Aufpassen muss man eigentlich nur, dass die einfachen Leute nicht an Verschwörungstheorien zu glauben beginnen.
Thalhammer, Zeiler, Bilderberg
Ehrlich gesagt rede ich dabei auch von mir. Als ich bemerkte, dass neben der Kronen Zeitung auch das profil sehr aktiv in Zeilers Kommunikationsstrategie eingebunden war, dachte ich natürlich, wie viele andere auch, an die Bilder, die im vergangenen Frühjahr profil-Chefredakteurin Anna Thalhammer und Gerhard Zeiler auf dem Weg zum Bilderberg-Treffen im Washingtoner Salamander-Hotel zeigten, und ich dachte auch so etwas wie „Nachtigall, ich hör dir trappsen“.
Andererseits: Wenn man einander kennt, weil man gemeinsam bei einer Veranstaltung eingeladen wurde, wird sich die Anbahnung eines Interviews naturgemäß leichter gestalten, als wenn man als einer unter allen nur offiziell um ein Statement anfragen kann.
Gesellschaftliches Symptom
Außerdem sehe ich seit vergangener Woche meine Sympathien für Verschwörungstheorien und ihre Urheber etwas entspannter als früher. Michael Butter, Autor des Standardwerks „Nichts ist so, wie es scheint“, hielt beim „Philosophicum“ in Lech einen Vortrag über Verschwörungstheorien als gesellschaftliches Symptom.
Verschwörungstheoretiker sprächen mit ihren sogenannten Theorien durchaus reale Probleme an, konzedierte der Amerikanist Butter, sie seien nur nicht in der Lage, sie richtig zu erklären. Dafür sind ja die Experten da, erfuhr ich von der deutschen Philosophin Romy Jaster, der Laie lässt besser die Finger oder sein zu wenig trainiertes Hirn davon, denn das mit dem „Selberdenken“ führe in der Regel zu nichts als Schwierigkeiten. Das mag ich am Philosophicum: Man bekommt nicht nur serviert, was man ohnehin schon denkt.
Die Demokratie lebt davon, dass jeder tut, der glaubt, dass er kann
Also: Nein, ich glaube nicht, dass die Kandidatur von Gerhard Zeiler durch eine Verschwörung von Menschen und Medien unterstützt und vorangetrieben wird, die sich vom Sturz des Andreas Babler und der vorausgehenden übergroßen Aufmerksamkeit für die Protagonisten und ihre journalistischen Gastgeber ganz konkrete Vorteile erwarten.
Ich glaube, dass Gerhard Zeiler tatsächlich die persönliche Verpflichtung verspürt, seiner Partei, der er viel zu verdanken hat und an deren Misserfolg er leidet, wieder auf die Beine zu helfen. „Gerhard Zeiler“, las ich kürzlich in einem Scherzpost auf Social Media, „ist ein wenig wie der Weihnachtsmann: Er kommt alle Jahre wieder, verkleidet sich in Rot, möchte Geschenke verteilen, aber so richtig glauben tut niemand an ihn.“
Nun, ich würde erstens nicht behaupten, dass Klaus Herrmann und Anna Thalhammer niemand sind, ganz sicher bin ich mir gleichwohl auch nicht, ob die SPÖ von Gerhard Zeiler gerettet werden will. Aber vor allem würde ich sagen: Die Demokratie lebt davon, dass jeder tut, der glaubt, dass er kann.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 40/2026 erschienen.
