Israel wählt ein neues Parlament und vielleicht auch einen neuen Regierungschef. Schafft es der hemdsärmelige General Gadi Eisenkot, Langzeitpremier Benjamin Netanjahu abzulösen, könnte das zur Chance werden – darauf, dass nach einigen der dunkelsten Jahre der Geschichte des Landes ein bisschen Frieden und Normalität den Ausnahmezustand beenden.
Die Nachbeben sind nie abgeebbt. Es ist, als ob die Zeit seit dem katastrophalen Terror vom 7. Oktober 2023 stillsteht. Seither ist Israel im Krieg. Mit der Hamas im Gazastreifen, der Hisbollah im Libanon und dem Regime der Islamischen Republik Iran, dem Finanzier der beiden Terrorarmeen.
Das Datum ist wie eine offene Wunde, die nicht zuheilt, eher ständig aufreißt. Drei Jahre und drei Wochen später, am 27. Oktober 2026, könnte aber ein Datum eine neue Ära einläuten, das „Danach“ beginnen.
Knappe Entscheidung
An diesem Tag wählt Israels Bevölkerung und übersetzt die Folgen des fürchterlichen Angriffs in eine neue politische Realität. Als historische Weichenstellung wird die Wahl charakterisiert. „Es geht nicht nur um die politische Richtung, es geht um die Frage: Wird das Land eine Demokratie bleiben?“, bringt es einer der führenden US-Nahost-Journalisten, Tom Friedman, auf den Punkt.
Sicher ist nur: Die Entscheidung wird knapp. 120 Sitze hat das Parlament, die Knesset. Wer hier eine Mehrheit erhält, kürt den nächsten Regierungschef. Benjamin Netanjahu möchte dies um jeden Preis bleiben. Es wäre ein Rekord, würde der 76-Jährige nach zwei Jahrzehnten an der Macht eine siebte Amtszeit schaffen. Und ein kleines Wunder. Seit Monaten prophezeien so gut wie alle Umfragen einen Sieg der Opposition unter Führung von General Gadi Eisenkot.
Das Rennen wird enger
Doch weder die Allianz von rechtsnationalistischen Kleinparteien mit Netanjahus Likud-Partei noch ein Bündnis von Eisenkots Partei mit Mitte-links-Gruppierungen scheint derzeit eine realistische Chance zu haben, 61 Mandate zu erringen und den jeweiligen Frontmann zum Premier wählen zu können.
Netanjahus Parteienblock lag im Schnitt der Umfragen der vergangenen Monate bei etwa 52 Mandaten, jener Eisenkots um die 57 Mandate. Jüngste Umfragen deuten darauf hin, dass sich der Abstand verringert, sie sehen ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
Das Vertrauen in Israels Demokratie und ihre Institutionen könnte nach der Wahl wieder aufleben, wenn danach Fehler ausgemerzt werden
Bis zu elf Mandate dürften arabische Listen erringen, mit denen keine der beiden Führungsfiguren eine Koalition eingehen will. Immerhin ein Fünftel der 10,5 Millionen Israelis sind Palästinenser, israelische Araber werden sie genannt. Ihre Rolle wird nun zum politisch heißesten Eisen.
Mit ihnen rückt die zentrale politische Frage ins Zentrum. Wird eine neue Regierung sich für Frieden und eine Zweistaatenlösung einsetzen oder gewinnt mit Netanjahu der eiserne Kriegskurs? Sein Polizeiminister Itamar BenGvir verlangte zuletzt offen, innerhalb der nächsten sechs Jahre alle zwei Millionen Palästinenser aus dem Gazastreifen zu vertreiben. „Es ist realistisch“, sagte er. Auch im Westjordanland fürchtet die palästinensische Bevölkerung, dass ihr Boden ihr unter den Füßen weggezogen wird. Dass, falls Netanjahu und sein rechtes Bündnis doch gewinnen sollten, die Annexion ihrer Gebiete droht.
Die Zweistaatenlösung
Die Zweistaatenlösung sieht eine friedliche Koexistenz von Israel und einem souveränen Staat Palästina vor, das Konzept dazu existiert bereits seit 1947. Als mögliche Grenzen gelten die Demarkationslinien vor dem Sechstagekrieg 1967.
Eine Zweistaatenlösung komme auch für ihn nicht infrage, betont Eisenkot im Wahlkampf. Somit ist unklar, was an Veränderung nach der Wahl überhaupt denkbar ist. Nichtsdestotrotz beginnt sich Israels politisches Klima zu wandeln, die Mauern erodieren zaghaft, geben den Blick auf ein bisschen Hoffnung und ganz weit entfernt am Horizont auch Frieden frei.
„Davon bemerkt man im Ausland noch wenig. Doch Menschenrechtsaktivisten, Teile der Zivilgesellschaft und jene, die sich für Demokratie einsetzen, haben begonnen, den Tag danach, nach dem Machtwechsel, vorzubereiten: die Aufarbeitung der katastrophalen Ereignisse bis hin zu Initiativen, endlich eine schriftliche Verfassung zu erstellen“, lautet die Analyse der Historikerin Fania Oz-Salzberger im Moment-Magazin.
Die Tochter von Israels Literaturikone Amos Oz gilt als eine der gewichtigsten Stimmen des liberalen Teils der Bevölkerung. Nichts werde die Opfer des 7. Oktober zurück bringen. Weder die mehr als 1.200 Toten des Terrors in Israel noch die mindestens 70.000 Menschen Gazas, die bei Israels Krieg starben. „Keine Wahl kann diese Tragödien auslöschen, aber das Vertrauen in Israels Demokratie und ihre Institutionen sowie in die Politik könnten wieder aufleben, wenn danach die Fehler wieder ausgemerzt werden.“
38 Parteien treten an
In erster Linie ist es der 66-jährige Gadi Eisenkot, der Hoffnung vermittelt. In einer Umfrage des TV-Kanals Chanel 12 Mitte August meinte nur ein Drittel der israelischen Bevölkerung, Netanjahu sei für das Amt der Premiers geeignet. Lange schien sich kein geeigneter Kandidat gegen ihn zu finden, nun kristallisiert sich aber mit Eisenkot ein ernsthafter Gegner für den Langzeitpremier heraus. Zum Mann des Jahres 5786 kürte ihn der Kolumnist der Jerusalem Post Amotz Asa-El: „als Symbol für politischen Wandel“.
Am Abend des 11. September hat das jüdische Jahr 5787 begonnen, bis zum Versöhnungstag am 20. September bremsen die Hohen Feiertage den Alltag Israels und auch den Wahlkampf. Zuvor wurden die Parteienlisten und die Kandidaten festgelegt. 38 Gruppierungen treten zur Wahl an, circa zehn dürften die Hürde von 3,25 Prozent für den Einzug in die Knesset schaffen.
Welchen das gelingt, wird die Mehrheitsverhältnisse stark beeinflussen. Denn die führenden Parteien allein sind zu schwach, alleine zu regieren. Netanjahus Likud ist mit 32 Sitzen derzeit die stärkste Partei, sie droht aber auf bis zu 23 abzusacken. Damit hätte sie in etwa so viele Mandate wie Gadi Eisenkots Partei, die erst vor einem Jahr gegründet worden ist und nun die alten Führungsfiguren des Anti-Netanjahu-Lagers weit hinter sich lässt.
Ablöse in der Opposition
Zu diesen zählt Yair Lapid, der dieses Mal als Chef der neu formierten Demokraten antritt, die mit höchstens zehn Mandaten rechnen können. Er galt lange als eigentlicher Oppositionschef. Dass ihm eine neue Figur den Rang ablaufen könnte, ahnte er lange, bevor er es tatsächlich wusste. Am 7. Dezember 2023 veröffentlichte Lapid ein Foto mit ein paar knappen, erschütternden Zeilen auf seinem Soziale-Medien-Kanal.
„Dieses Bild. Diese Umarmung. Ein Vater und sein Sohn. Beide in Uniform. Beide bereit, das zu tun, was getan werden muss. Das Schicksal unseres Landes erzählt in einer Umarmung“, schrieb er damals. Das Foto zeigte Gadi Eisenkot, der seinen jüngsten Sohn, den 25-jährigen Gal, an sich drückt. An diesem Dezembertag vor drei Jahren starb Gal im Einsatz für Israels Armee im Norden Gazas. Ein Tunnelschacht war eingestürzt, hatte ihn begraben.
Ein Bild das Geschichte schreibt: Gadi Eisenkot beim Begräbnis seines jüngsten Sohnes, Gal Meir Eisenkot, der 25-jährig beim Einsatz im Norden Gazas starb. Dort begann Eisenkots politischer Weg.
© APA-Images, CLODAGH KILCOYNE, REUTERSSein Vater war zu diesem Zeitpunkt Teil des Kriegskabinetts Benjamin Netanjahus, schied aber bald wieder aus. Unter Tränen verkündete Gadi Eisenkot bei der Grabrede für seinen Sohn: „Wir werden auf dein geliebtes Land aufpassen.“
Es war der Beginn seiner politischen Kampagne. In Israel, wo selbst hochrangige Personen mit ihren Vornamen angesprochen werden, begann ein Damm zu brechen. „Gadi steht für alles, was Bibi nicht ist“, lautet die knappe, aber präzise Diagnose der Politikwissenschaftlerin Gayil Talshir.
Der Anti-Bibi
Während „Bibi“ bei öffentlichen Auftritten zur Höchstform aufläuft, wirkt Eisenkot wenig glücklich im Scheinwerferlicht. Und während der älteste Sohn Netanjahus, Jair, seit Kriegsbeginn 2023 in Miami lebt, nie in der Armee diente und dort auf Staatskosten Israels geschützt werden muss, hat Eisenkot seinen Jüngsten im Krieg verloren. Er selbst war von 2015 bis 2019 Armeechef, hat sich über vier Jahrzehnte vom Einsatz in einer Eliteeinheit bis an die Militärspitze hochgedient. Im September des Vorjahres hat er die Zentrumspartei Jashar gegründet. Der Name bedeutet „gradlinig“ und scheint präzise die Sehnsucht eines Großteils Wählerinnen und Wähler zu erfüllen.
Ein Blick auf die Spitzenkandidaten seiner Liste verrät seine politische Linie: Seine Nummer zwei war Chef des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet. Auf anderen Spitzenplätzen finden sich eine jüdischen Einwanderin aus dem Iran, die für den Mossad im Einsatz war, aber auch die progressive Architektin Shira Shapira, deren Sohn bei dem Hamas-Anschlag auf das Nova-Musikfestival ermordet worden ist.
Gefährlich wird Eisenkot somit für Netanjahu in seiner bislang stärksten Disziplin: der Rolle als Garant von Israels Sicherheit, gepaart mit mehr Knowhow und mehr politischem Gespür. Es war ein politisches Erdbeben, als eine Umfrage zuletzt zeigte, dass Israels Bevölkerung dem Ex-General eher zutraut, das Land zu schützen, als Netanjahu.
Israels Langzeitpremier Benjamin Netanjahu ist in den Umfragen angezählt. Zuletzt enthüllten Journalisten des „Haaretz“, dass er vor dem 7. Oktober 2023 explizite Warnungen aus den Emiraten erhielt. Er selbst dementiert das.
© APA-Images, AFP, MARC ISRAEL SELLEMDieser tritt zu den Wahlen an, obwohl die Korruptionsprozesse gegen ihn noch laufen, mit dem Stigma, dass er trotz vieler Warnungen versagt hat, den Terrorangriff des 7. Oktober zu verhindern. Statt wie versprochen die Hamas zu vernichten und auch über Irans Regime einen endgültigen Sieg zu erringen, hat er Israel in den längsten Krieg der Geschichte getrieben. International ist das Land zunehmend isoliert. Und auch er.
Der Internationale Strafgerichtshof hat einen Haftbefehl gegen ihn ausgestellt. Selbst US-Präsident Donald Trump ist zornig, da Netanjahus stetige Angriffe auf Gaza trotz eines Waffenstillstands seinen Friedensplan torpedieren. Nun drohen Sanktionen von zwölf westlichen Ländern wegen der eskalierenden Gewalt in den Palästinenser-Gebieten des Westjordanlands.
Endlich Klarheit
Eisenkot verspricht für den Fall seiner Wahl vor allem, einen Untersuchungsausschuss zum 7. Oktober 2023 einzusetzen. Darauf wartet Israels Bevölkerung seit der Katastrophe vor drei Jahren vergebens. Zorn, Verunsicherung und Angst bis hin zur Panik veränderten die jüdische Bevölkerung seit diesem Tag.
Dies illustriert auch der rasante Anstieg von psychischen Trauma-Belastungsfolgen. Solche Diagnosen sind laut Daten der größten staatlichen Krankenkasse Clalit um mehr als zwei Drittel gestiegen. Aus Sicht des Clalit-Chefarztes für psychische Erkrankungen Amir Krivoy ist zu erwarten, dass sich dies vorerst nicht bessert. „Normalerweise verringert sich Belastung nach dem traumatisierenden Ereignis, die Widerstandskraft stärkt sich. Doch angesichts der fortdauernden Krisen bleibt der Stress hoch.“
Wie dramatisch die Lage ist, zeigt auch die hohe Zahl von Suiziden von Soldaten und Soldatinnen. Bis Ende August dieses Jahres nahmen sich 17 das Leben, meist nach Einsätzen im Gazastreifen. Es sind Einzelfälle, die aber viel über das Ausmaß der Verzweiflung erzählen, mit der Israels Bevölkerung ringt. Sie zu verstehen, ist der Schlüssel zu einer politischen Lösung.
Filmschaffende legen den Finger in die Wunde
Doch das gelingt derzeit eher Filmschaffenden denn Politikwissenschaftlern. Die erfolgreiche israelische TV-Serie „Fauda“, deren fünfte Staffel derzeit auf Netflix läuft, bringt in zwei der elf Episoden die schier unfassbare Gewalt des Hamas-Terrors vom 7. Oktobers mit einer so unerschrockenen Wucht und qualvoll akribischen Details auf den Schirm, dass eine Ahnung des Traumas an jedem Zuseher haften bleibt.
Nicht minder tief in die Seele katapultiert sich der Dokumentarfilm „Naza“, der soeben bei den internationalen Filmfestspielen in Venedig mit dem Sonderpreis der Jury ausgezeichnet wurde. Der Name bedeutet auf Hebräisch „Kollateralschaden“. Es ist eine sehr schlichte Produktion. 24 Interviews mit anonymisierten Mitgliedern von Israels Armee vor dem Nachthimmel Tel Avivs. Sie erzählen schonungslos von den Angriffen auf die Bevölkerung Gazas, dem Einsatz künstlicher Intelligenz, um Ziele festzulegen, davon, dass in Kauf genommen wird, auch ein Haus von Zivilisten und Kinder zu treffen, wenn ein Mitglied der Terrorgruppe Hamas im Visier ist.
Die Drohungen der alten Elite
Ganz Israel ist davon betroffen, nicht alle können da hinschauen. „Ich werde so schnell wie möglich dafür sorgen, dass man den beiden Filmemachern von ‚Naza‘, Yuval Abraham und Rachel Szor, ihre israelische Staatsbürgerschaft wegen Landesverrat entzieht“, verkündete Miki Zohar. Der Jurist und Immobilienfachmann ist Likud-Mitglied und amtierender Kulturminister. Flankiert wird seine Forderung von rechtsnationalen Regierungsmitgliedern radikaler Kleinparteien, deren Unterstützung Netanjahus nun ablaufende Amtszeit überhaupt ermöglichte.
Bleiben sie im Amt, dies illustriert diese Sequenz präzise, droht der Wahltag am 27. Oktober 2026 in Israels Geschichte als Datum zu verblassen. Und es bleibt dabei, dass die Geschichte weiterhin nicht über den 7. Oktober 2023 hinauskommt. Eine Geschichte der blinden Rachegefühle, der Panik und der blinden Verzweiflung.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 38/2026 erschienen.
