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Fußball-WM: Ein Fest der Angst?

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ICE-Beamte bei einer Festnahme©ICE Office of Public Affairs

Fußballweltmeisterschaft der Superlative im Land der Superlative – erstmals nehmen 48 Teams an der WM in Nordamerika teil. Doch die USA sind zurzeit tief gespalten: Die Festnahmen und Abschiebungen durch die Einwanderungsbehörde ICE sorgen vor allem in migrantischen Communities für Angst. Wo hat dazwischen ein Fußballfest Platz?

Bei „Unite Here Local 11“ feiert man. Auf dem Platz vor dem SoFi Stadium in Los Angeles stehen etwa 200 Gewerkschafter mit Transparenten, Megafonen und Plastikfußbällen. „Unite Here“ vertritt mehr als 2.000 derjenigen, die bei den acht WM-Spielen im SoFi Stadium Getränke ausschenken, Mahlzeiten zubereiten oder an der Kassa stehen werden. Niedriglohnjobs, die meist von Menschen aus Süd- oder Mittelamerika gemacht werden. Diejenigen, die US-Präsident Donald Trump als „Tiere“, „Kriminelle“ oder „Monster“ bezeichnet. Diejenigen, die sich davor fürchten, von der US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE aufgegriffen und eingesperrt zu werden.

Die Vereinbarung, die mit den Stadion­betreibern getroffen wurde, kann sich sehen lassen, so Gewerkschafts-­Co-Präsident Kurt Petersen: bessere Löhne, Kündigungsschutz und einen Wohnraumfonds für Gewerkschaftsmitglieder. Aber was Petersen als Nächstes ankündigt, wird mit Jubel aufgenommen. Denn es bedeutet Schutz für die Arbeitenden, Schutz durch Solidarität: Ein Streikrecht, wenn die Arbeitenden ihre Sicherheit durch US-Einwanderungsbehörden bedroht sehen.

Unklarheit und Angst

Im Vorfeld der Fußball-WM gab es einige Verwirrung darüber, ob ICE bei Spielen zugegen sein wird oder nicht – und wenn ja, in welcher Rolle. Denn ICE ist nicht nur eine Einwanderungs-, sondern auch eine Zollbehörde. Bei vergangenen Großevents waren ICE-Beamte etwa nachgemachten Trikots und gefälschten Tickets nachgegangen.

Markwayne Mullin, der als Minister für Innere Sicherheit auch für ICE zuständig ist, hielt sich bedeckt: ICE sei wie jede andere Behörde auch „Teil der Sicherheitsoperationen“ und würde zur Terrorismusbekämpfung eingesetzt. Der Polizeichef von Los Angeles, Robert Luna, hingegen verkündete im Vorfeld, dass zumindest bei den Matches in Los Angeles keine Zivilbeamte zugegen sein sollen.

Und trotzdem: Die Angst vor Razzien durch ICE-Beamte sitzt tief bei den Menschen in Los Angeles. Ein Jahr ist es her, dass die Proteste dagegen ihren Höhepunkt erreicht hatten. US-Präsident Donald Trump hatte sogar die Nationalgarde in die Stadt geschickt.

„Die Leute hier sind wütend, dass die ICE-Razzien ihre Communities zerstören. Jeder hier kennt jemanden, der direkt betroffen ist“, sagt Nick Stern. Er ist Fotojournalist und eigentlich im Ruhestand. Doch als die Black-Lives-Matter-Proteste 2020 anfingen, hat Stern seine Kamera wieder ausgepackt. Er sagt, als Journalist müsse er für die Nachwelt dokumentieren, was passiert.

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Protest: Gewerkschaftsmitglieder demonstrieren vor dem SoFi Stadium für Arbeitsrechte, den Schutz vor ICE-Razzien und gegen Entlassungen in Verbindung mit KI.

 © Getty Images

Das „neue“ Normal

Nick Stern berichtet, wie Menschen ohne gültige Papiere aus Angst vor Abschiebung ihre Häuser nicht mehr verlassen würden. Wie sein Nachbar, der mit spanischem Akzent spricht, nun immer seinen US-Pass dabei hat, um seine Staatsbürgerschaft nachzuweisen. Wie mit Beginn der Razzien letzten Juni der Gärtner der Familie Stern, ein Lateinamerikaner, nicht mehr zur Arbeit gekommen ist. Stern und seine Familie hätten versucht, ihn zu erreichen, haben aber bis heute nichts von ihm gehört.

Die Zahlen des Deportation Data Project belegen, was für viele so schon offensichtlich ist: Viermal mehr Verhaftungen durch ICE gibt es, seit Donald Trump das Amt von Joe Biden übernommen hat. Dazu zählen einerseits Gefangenentransfers in die Verantwortung von ICE, andererseits hat die Einwanderungsbehörde angefangen, in größerem Maße Menschen auf der Straße anzuhalten und zu verhaften. Bilder von Menschen, die in schwarze SUVs gezerrt wurden, gingen im vergangenen Jahr um die Welt.

Doch auch die Rhetorik der Regierung hat sich mit Trumps Amtsantritt geändert. Es gibt wenig, was das besser beschreibt als eine neue Internetseite, die das Weiße Haus seit Ende Mai betreibt. „They Walk Among Us“ („Sie wandeln unter uns“) titelt es da in neongrünen Lettern auf schwarzem Hintergrund. Dazu spielt der Soundtrack von „Akte X“. Es geht um „Aliens“ – ein Wortspiel, denn das kann genauso „Außerirdische“ wie „Ausländer“ heißen. In Matrix-Ästhetik werden die Besucherinnen und Besucher der Seite aufgefordert, Begegnungen mit „verdächtigen“ Ausländern bei einer ICE-Hotline zu melden.

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 © Waltl & Waltl

Einreise

Dieses „neue“ Normal unter Donald Trump macht auch vor der Fußballweltmeisterschaft nicht halt. Fans aus 39 Ländern, die meisten muslimisch geprägt, kommen durch Trumps Reisebeschränkungen nicht oder nur sehr schlecht an Visa, um die Spiele ihrer Teams zu sehen. Für Spieler, Coachs und den Rest der Delegationen gibt es zwar Ausnahmen, reibungslos läuft das allerdings nicht.

Das iranische Team zum Beispiel bekam seine Visa erst kurz vor Turnierstart, Teile seiner Delegation durften aber gar nicht einreisen und auch das Trainingsgelände wurde aus den USA nach Mexiko verlegt.

Dem somalischen Schiedsrichter Omar Artan wurde die Einreise verweigert, ein Vertreter der US-Regierung warf ihm danach Verbindungen zu Terrororganisationen vor. Und auch der Stürmer Aymen Hussein, einer der bekanntesten Fußballer im Irak, wurde bei seiner Einreise sieben Stunden lang festgehalten und befragt.

Es gibt hier Menschen mit Arbeitsvisum, die jedes Recht haben, hier zu leben und zu arbeiten. Die werden trotzdem festgenommen und abgeschoben

Nick SternFotojournalist

Menschenrechte in Gefahr

Das österreichische Team hat dem Vernehmen nach ohne Probleme einreisen können. Und auch für Fans mit österreichischem Pass sind die Hürden deutlich niedriger: Nötig sind eine ESTA-Voranmeldung, ein gültiger Reisepass, ein schlüssiger Reiseplan. Aber das Außenministerium warnt auch: „Elektronische Datenträger wie Laptops, Notebooks, sowie Mobiltelefone etc. können durchsucht und Daten zur Überprüfung einbehalten werden.“

Das betraf 2025 laut US-Grenzschutz zwar nur einen sehr geringen Teil der internationalen Reisenden, allerdings dürfen die Behörden im Falle des Falles nicht nur Geräte einziehen, sondern auch Passwörter knacken, verschlüsselte Informationen entschlüsseln oder gleich den gesamten Inhalt des Geräts kopieren und behalten. Auch Social-­MediaAccounts können untersucht werden.

Zudem warnen Menschenrechtsorganisationen: Reisende, deren Geschlechtseintrag im Pass nicht dem bei Geburt entspricht, können Probleme bekommen. Das Außenministerium rät Reisenden mit dem Eintrag „x“, das bei Geburt zugewiesene Geschlecht anzugeben.

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Los Angeles, Kalifornien: Fans im SoFi Stadium vor dem Vorrundenspiel USA gegen Paraguay

 © Getty Images

Tickets: Zu teuer

„Mit gemischten Emotionen“, sagt Fotograf Nick Stern, blicke er auf die Weltmeisterschaft. In den USA habe sich der Sport in den vergangenen Jahren professionalisiert, besonders die vielen Menschen aus Mexiko seien leidenschaftliche Fans. Ins Stadion ginge aber trotzdem niemand, den er kennt, sagt Stern. Zu teuer seien die Karten, auch er könne sich die tausend Dollar für ein Vorrundenticket nicht leisten.

Wer sicher im Stadion sein wird, sind die Angestellten der Essensstände. Und mit ihnen die Angst, dass nach dem Abpfiff ICE-Agenten auf sie warten, um sie mitzunehmen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 25/2026 erschienen.

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