Österreichische Fußballfans beim WM-Spiel zwischen Spanien und Österreich in Los Angeles.
©Imago / Crystal PixWarum ausgerechnet die Fußball-WM zeigt, was Europa im Alltag verliert.
Wenige Tage vor Beginn der Fußball-WM kam das deutsche Team nach Chicago für ein Freundschaftsspiel gegen die USA. Sie stiegen in einem Hotel ab, schräg gegenüber meiner Wohnung, wo ich den Sommer verbringe.
Die Straße war voll begeisterter Fans. Viele von ihnen schwenkten deutsche Fahnen und trugen das Dress der deutschen Mannschaft voller Freude und Gleichgültigkeit, ob nicht jemand sich irritiert fühlen könnte durch diesen Ausbruch von nationalem Stolz.
AfD-Wähler
Mich interessierte diese Begeisterung. Ich ging hinunter auf die Straße, bis ich eine Gruppe erreichte, die unter einander Deutsch sprach. „Seid ihr aus Deutschland gekommen, oder lebt ihr hier“, sprach ich die Gruppe an. „Wir sind extra angereist, und begleiten unser Team“, antworte einer. „Und all die Fahnen, habt ihr die mitgebracht?“, fragte ich. „Die haben wir mitgebracht, und halten sie jedem unter die Nase!“
Einige lachten in der Gruppe. „Warum unter die Nase?“, fragte ich. „Weil ich zu Hause schon blöd angesprochen werde, wenn ich die deutsche Fahne am Balkon hänge, dann halten mich alle für einen AfD-Wähler“, antwortete ein anderer. Einige lachten, andere nickten zustimmend.
Ein paar Wochen später sammelten sich deutsche Fußball-Fans in New York. Der Times Square, der größte Platz im Zentrum von Manhattan, war voll von deutschen Fahnen. Ohne World-Cup hätten sich manche wahrscheinlich erschüttert über diesen bedrohlichen „Aufmarsch der Rechtsextremen“ gezeigt.
Zugehörigkeit statt Ausgrenzung
Hunderttausende reisen derzeit aus allen Kontinenten zur Fußball-Weltmeisterschaft in die USA, Mexiko und Kanada. Mit Fahnen und Nationaltrikots, die Hymnen laut singend, feiern sie mit bunt bemalten Gesichtern ihre Herkunft.
Fahnen werden nicht als Symbol der Ausgrenzung verstanden, sondern der Zugehörigkeit. Nationalstolz gerät nicht in den Verdacht eines politischen Programms, sondern ist Symbol eines friedlichen Wettbewerbs, bei dem jeder gewinnen möchte und stolz auf sein Land ist. Nach dem Schlusspfiff wird oft gemeinsam ein Bier getrunken.
Symbol der Provokation
In Teilen Europas ist das Verhältnis zur eigenen Nation zunehmend von Misstrauen geprägt. Nationalbewusstsein gilt als verdächtig. Patriotismus wird mit Nationalismus gleichgesetzt, und damit als Ausgrenzung verstanden, die eigene Fahne als ein Symbol der Provokation.
Viele weichen aus, sich als Deutsche oder Österreicher zu definieren. Zeigen sich stolz, nicht stolz zu sein auf ihr Land, und geben langatmige Begründungen, warum die Zugehörigkeit zur Nation aufgrund historischer Verbrechen nicht akzeptiert werde – als sei nationale Geschichte nicht auch Familiengeschichte. Sie sehen sich in neuzeitlicher Vielfalt eines engen, kritischen Segments der Gesellschaft, das klischeehaft und geschichtslos die Vergangenheit kritisiert – sich selbst jedoch in einer Gegenwart definiert, als seien sie vor Kurzem von einem anderen Stern gelandet.
Nicht bund, sondern farblos
Die Weltmeisterschaft zeigt ein anderes Modell. Dort fühlt sich niemand beleidigt, wenn Brasilianer grün-gelbe Fahnen tragen oder Argentinier ihr Land lautstark feiern. Niemand verlangt von den Japanern, ihre Nationalfarben zu verstecken, um die Gefühle anderer zu schonen. Es ergibt eine Atmosphäre gegenseitiger Anerkennung. Eine angeblich offene Gesellschaft, die unterschiedliche Herkunft respektiert und die eigene ausschließt, ist nicht bunt, sondern farblos.
Nach dem Finale, zurück in der Heimat, verschwinden wahrscheinlich die Fahnen wieder in Kellern und Garagen, als müssten sich die Fans zu Hause für ihre Herkunft entschuldigen.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 28+29/2026 erschienen.
