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Mehr als ein Spiel: Warum Fußball politisch ist

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Beim G7-Gipfel in Évian-les-Bains, Frankreich, beschenkt der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz US-Präsident Donald Trump mit einem Dress der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.©IMAGO/ABACAPRESS

Präsidenten, Kanzler und Minister(innen) zeigen sich auf Tribünen oder posten mehr oder weniger Treffsicheres in den sozialen Medien. Der Doppelpass von Fußball und Politik ist kein Zufall. Erfolge bei Großereignissen wie der WM färben, zumindest für eine Weile, auf nationale Regierungen ab. Es gibt aber auch die Schattenseite dieser Beziehung: die FIFA und ihre skandalöse Nähe zu despotischen Regimen.

Geht es darum, Donald Trump zu gefallen, benützt Deutschlands Kanzler Friedrich Merz den Fußball. Zum 80er knapp vor Beginn der Fußball-WM beschenkte er den US-Präsidenten mit einem deutschen Teamdress. Selbst ein Spiel der Nationalmannschaft besuchen werde er nur, wenn Deutschland im Finale steht, ließ der Kanzler aber auch wissen. Seit Montag weiß er, dass er zuhause bleiben muss. Seinen mageren Beliebtheitswerten hätte es ohnehin wenig nützt.

Österreichs Kanzler Christian Stocker war schon da. Er reiste in die USA, um die Niederlage gegen Argentinien aus der Nähe zu sehen. Begleitet wurde er von einer fußballmannschaftgroßen Delegation. Um sich nicht dem Vorwurf einer Vergnügungsreise auszusetzen – der trotzdem kam –, eröffnete Stocker ein Konsulat in Dallas und traf österreichische Unternehmer.

Ballgespür wäre gut

„Fußball bietet ein Bündel positiver Attribute: Leistung, Emotion, Freude. Fußball ist anschlussfähig für jeden, unabhängig von Bildung und Einkommen. Politiker wollen daran und am Ruhm der Fußballstars mitnaschen, Teil dieser Vergemeinschaftung, des Wir-Gefühls, sein. Es geht um mächtige Symbole und Bilder – sonst würden die Strategieberater Politiker ja nicht ins Teamcamp schicken“, erklärt der Sporthistoriker Rudolf Müllner von der Uni Wien. Allerdings, merkt er an, „es kann schnell ins Lächerliche kippen, wenn man die Codes des Fußballs nicht kennt.“

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Österreichs Bundeskanzler Christian Stocker besuchte das Nationalteam in Dallas. Der Kanzler nutzte die Gelegenheit zum Plaudern und für ein Foto mit dem verletzten Christoph Baumgartner.

 © GEPA pictures/ Armin Rauthner

Politikexperte Peter Filzmaier spricht von einer „unbezahlbaren Werbung“, wenn Kanzler und Vizekanzler auf der VIP-Tribüne stehen. „Man ist aber als Politiker davon abhängig, ob der Held am Rasen den Ball an die Stange oder ein paar Zentimeter weiter links oder rechts ins Tor schießt.“ Gewinnt das Team, jubelt das Land und das färbt ein bisschen ab. „Auf Regierungsmitglieder wohlgemerkt, denn die Opposition hat hier Sendepause“, sagt Filzmaier.

Filzmaier mahnt Gespür für Inszenierung ein. „Mit elf Leuten nach Dallas zu reisen, gehört nicht dazu.“ Und er rät davon ab, in Fußballjargon zu verfallen. Es sei denn, man habe selbst gekickt wie der frühere Landeshauptmann Hans Niessl oder Ex-Sportminister Werner Kogler, der einst bei Sturm Graz gespielt hat. Gaberlt der für ein Video auf Social Media sei das glaubwürdig. Sonst „fragt man sich, wie oft die Szene gedreht werden musste, bis es geklappt hat“.

Doppelpässe

Es gibt Beispiele, wie fußballerisches und politisches Glück zusammenhängen. In Deutschland fiel das Ende der Ära Kohl mit einer glücklosen Phase der Nationalmannschaft zusammen. Filzmaier: „Der damals aufstrebende Gerhard Schröder hat es da tunlichst vermieden, im Umfeld des Teams aufzutauchen.“

2002 schaffte es Deutschland ins WM-Finale und Schröder gewann die Bundestagswahl. „Angela Merkel sah man 2014 jubelnd beim WM-Finale in Rio de Janeiro und inmitten ein Schar halbnackter Männer in der Kabine. Sie war da auf dem Höhepunkt der Macht.“

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Ein legendäres Bild: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck durften nach dem 1:0 Sieg Deutschlands gegen Argentinien im WM-Finale 2014 im Stadion von Rio de Janeiro sogar in die Kabine mit der deutschen Mannschaft. Merkel war damals auf dem Höhepunkt ihrer Macht.

 © APA-Images / Action Press / Bundesregierung

Doch wie lange hält die Jubelstimmung? Nicht zwangsläufig bis zur nächsten Wahl. Filzmaier bringt „ein sehr hypothetisches Beispiel: Würde Österreich Weltmeister (unwahrscheinlich) und wäre im September Nationalratswahl (aufgrund der Fristen ebenfalls unmöglich), könnte die Regierung auf einen Stimmungsbonus hoffen. Die FPÖ hätte es da schwerer. Ohnehin sieht man sie in den sozialen Medien eher verhalten jubeln.

Das kann am Migrationshintergrund der Teamspieler liegen, zum anderen, sagt Filzmaier, „profitiert die FPÖ politisch von schlechter Stimmung, die sie bewirtschaften kann. Da passen Jubelbilder nicht dazu. Die Partei hält sich in der Kommunikation die Möglichkeit offen, in Jubel einzustimmen. Sollte Österreich aber mit einem Debakel ausscheiden, wird die FPÖ der Regierung wohl auch die Schuld daran geben“.

Das deutsche „Sommermärchen“ aus dem Jahr 2006 hatte nichts mit dem Spielglück zu tun, erklärt Müllner. „Da gibt es einen Zusammenhang mit der Identitätskonstruktion Deutschlands nach 1945 und dem Trauma des Nationalsozialismus. Die Olympischen Spiele 1972 sollten fröhliche Spiele sein und zeigen ,Wir sind nicht die bösen Nazis, sondern an ganz normales Volk.‘ Aber die Spiele sind im palästinensischen Terror versunken. Also wollte man 2006 die sympathischen Deutschen zeigen.“ Der Geist von damals weht bisweilen noch heute.

Die gesamte Veranstaltung lebt von nationalen und nationalistischen Stereotypen. Fällt das Wort ,Deutschland‘, rasselt im Hintergrund eine ganze Kette von Zuschreibungen ab

Rudolf Müllner

Kampf der Stereotype

Was Fußball auch ist: ein Spiel mit dem Nationalismus. „Das beginnt schon damit, dass die Nationalhymne gesungen und Wappen auf den Trikots sind“, sagt Filzmaier. „Die gesamte Veranstaltung lebt von nationalen und nationalistischen Stereotypen“, erklärt Müllner. „Fällt das Wort ,Deutschland‘, rasselt im Hintergrund eine ganze Kette von Zuschreibungen ab. Asiaten wiederum sind bei den Kommentatoren immer flink, wendig, geschickt und diszipliniert. Das sind kolonialistische Stereotypen. Es geht um Abgrenzung, die emotionale Herstellung eines ,Wir‘. Das kann mehr oder weniger aggressiv oder jovial erfolgen.“

In den meisten Fällen ist wenigstens das Ende versöhnlich, betont Müllner: „Da wird gegenseitig abgeklatscht, Leiberl getauscht, die Spieler reden miteinander. Solche Szenen werden von Millionen Menschen gesehen und sind ein prototypisches Modell, wie man Auseinandersetzungen regelbasiert führt und wie man miteinander umgeht.“ Hier könne die Politik vom Fußball lernen.

Politikwissenschafter Filzmaier hat allerdings die Ausnahme von dieser Re­gel parat: den Fußballkrieg von 1969 zwischen Honduras und El Salvador. Im Kern ging es um etwa 300.000 Kleinbauern, die von El Salvador nach Honduras gekommen waren – erst willkommen, später als „Landräuber“ angefeindet. Zu dieser Zeit spielten die Nationalteams um die Teilnahme an der WM 1970. El Salvador gewann, es kam zu Ausschreitungen zwischen den Fans, zwei Tage später begann ein Krieg, der rund 100 Stunden dauerte und mehrere tausend Tote und Verletzte forderte.

Leiberltausch mit Diktatoren

Die Schattenseite der Nähe zwischen Fußball und Politik: Der Weltverband FIFA, aktuell mit Gianni Infantino an der Spitze, zeigt keinerlei Abgrenzung zu Diktatoren und Despoten. Vielmehr sei das Gegenteil der Fall, kritisiert Filzmaier: „Infantino hat bei der WM 2018 in Russland gesagt, er fühle sich dort wie in einem Bonbonlanden – in einer Diktatur. Vor der WM in Katar hat er sich dort einen Wohnsitz genommen. Er steht offen dazu, dass es um Geld und Macht geht. Siehe auch den Friedenspreis an Donald Trump, während des Irankriegs.“

Der Sündenfall der FIFA hat schon viel früher begonnen, erklärt Sporthistoriker Müllner: „Die Fußball-WM 1934 in Italien unter Benito Mussolini war der Prototyp der politischen Inszenierung und Instrumentalisierung. Die WM 1978 hätte gar nie in Argentinien stattfinden dürfen. Das war eine grausame Diktatur. In Hörweite des River Plate Stadions, wo das Finale gespielt wurde, war ein Foltergefängnis des Regimes.“

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FIFA-Boss Gianni Infantino beim WM-Finale 2018 mit Russlands Präsident Wladimir Putin, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der kroatischen Staatschefin Kolinda Grabar-Kitarović, die mit ihrer Freude und Begeisterung trotz Niederlage Sympathien erwarb.

 © APA-Images / dpa Picture Alliance / Elmar Kremser

Peter Filzmaier sagt: „Die FIFA hat einen Konstruktionsfehler: Von 211 Mitgliedsverbänden sind etwa 130 aus Diktaturen mit von den jeweiligen Regimen abhängigen Nationalverbänden.“ Da sei leicht erklärbar, warum Großevents in solchen Ländern stattfinden. „Die FIFA behauptet immer, die Verbände seien politisch unabhängig. Doch das ist absurd. Wie unabhängig soll ein Fußballfunktionär aus Nordkorea, Russland oder dem Iran sein? Wer sich hier kritisch äußert, verliert seinen, Job, seine Freiheit und womöglich sein Leben.“

Bleibt die Frage, warum die Verbände aus Demokratien dieses Spiel mitspielen. In Europa wäre das wirtschaftliche und fußballerische Gewicht da, um einen Gegenkurs zu erzwingen. „Dazu müsste man sich erst einmal einig sein“, meint Filzmaier – und sich nicht in die Ausrede flüchten, Fußball sei unpolitisch. Nachdem Russland die Ukraine angegriffen hatte, wurden russische Mannschaften auf europäischen Druck aus internationalen Bewerben ausgeschlossen. Die FIFA und Infantino haben da aber bereits den Retourgang eingelegt: Ab Herbst darf das russische Nationalteam bei der U15-WM mitspielen.

Keine Widerrede

Dass Fußball-Großereignisse bei Despoten gastieren, hat nicht nur mit den Mehrheitsverhältnissen im Weltverband zu tun. Gigantische Stadienbauten ohne Rücksicht auf Natur und Umwelt oder Menschenrechte sind dort leichter umsetzbar.

Es gibt keine Volksbefragungen, bei denen sich die Menschen gegen die Abhaltung der Spiele aussprechen könnte. Und, gibt Filzmaier zu bedenken: Würde man Weltmeisterschaften nur in astreinen Demokratien austragen, würde die Sportwelt eher klein.

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Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom besuchte das Spiel der USA gegen Paraguay. US-Präsident Trump soll angeblich nur zu Spielen in republikanisch regierten Bundesstaaten kommen.

 © The San Diego Union-Tribune

Gegen etwaige Zweifel hilft immer noch der riesige Geldtopf der FIFA. „Die Kosten der WM-Austragung übernimmt der jeweilige Staat, die Einnahmen bekommt die FIFA“, erklärt Müllner die simple Rechnung. Die wiederum schüttet viel Geld an die nationalen Verbände aus: Aruba, zum Beispiel, habe 2.500 Fußballer und in den letzten zehn Jahren 14 Millionen Euro bekommen. „Die wissen gar nicht, wohin mit dem vielen Geld.“ Als die FIFA 1904 gegründet wurde, habe es kaum Regeln gebraucht, so der Historiker. „Heute ist das ein multimilliardenschweres globales Unternehmen, das sich Regeln, wie das Geld aufgeteilt wird, selbst gibt und keinen externen Kontrollmechanismen unterliegt.“

Fußball und die FIFA, je nach Bedarf gibt man sich politikfern (z.B. wenn man Regenbogenfahnen in Stadien verbietet) oder eben nicht. Dabei hat der Weltverband sogar in seinen Statuten das Bekenntnis zu Völkerverständigung, Menschenrechten, die Ablehnung von Diskriminierung und Rassismus verankert. „Es gibt nichts Politischeres“, sagt Peter Filzmaier. „Infantino und Trump könnten bei der Siegerehrung eine flammende Rede für den Weltfrieden halten und befänden sich auf dem Boden ihrer Statuten.“ Das Traurige ist nur: Damit rechnet niemand.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 27/2026 erschienen.

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