Eines der Stadien, in denen 1994 gespielt wurde, war die Rose Bowl in Pasadena.
©Imago, TTUnterwegs im Land der begrenzten Fußballmöglichkeiten: Wie tickten die USA vor 32 Jahren bei ihrer ersten Heim-WM, als Gesellschaft und als große Sportnation? Autor Andreas Jaros war damals vor Ort. Ein nostalgischer Rückblick zwischen Ost- und Westküste, Enthusiasmus und Ignoranz. Und heuer?
Mein „I’m from Austria“ kam nicht rasend gut an. Wahrscheinlich hätte ich’s trällern sollen, Fendrich-like. Aber zu spät: Der freiwillige Helfer beim Info-Schalter in einem Winkel des New Yorker JFK-Airports redet sich an diesem 14. Juni 1994 so richtig in Rage: „Warum hat sich dieser Hickersberger über uns lustig gemacht? Wir waren doch bei der WM 1990 nur dabei, um irgendwie zu überleben. Warum also diese harsche Kritik?“
„He has a big f***ing mouth“, hatte vier Jahre zuvor schon US-Stürmer Bruce Murray in Richtung österreichischer Fußballteamchef gebellt. Dabei hatte der Trainer-Sir aus Amstetten nie von einem Jausengegner gefaselt, erst recht nicht nach dem knappen 2:1 im direkten Duell in Florenz.
Optimismus, Patriotismus, Think-Big-Mentalität
Aber das Missverständnis war offenbar gut gealtert, sonst hätte sie der Volunteer nicht spontan wieder aufgegaberlt. Mit einem letzten verbalen Tackling entlässt er mich dann in den Big Apple. „Hättet ihr euch für unseren World Cup qualifiziert, wir hätten Hickersberger zur Vorrunde nach Florida in die Gluthölle von Orlando geschickt!“ Meinen Einwand, der Trainer sei schon längst Geschichte, verkneife ich mir lieber.
Die Organisation des Turniers – mit 24 und damit nur halb so vielen Mannschaften wie heuer: Flockig leicht und trotzdem atmosphärisch dicht. Das Lebensgefühl: Geprägt von guter Laune, Optimismus, Patriotismus, Think-Big-Mentalität. Das Amerika des Bill Clinton zelebrierte, sieben Jahre vor der Nine-Eleven-Paranoia, Willkommenskultur in seiner reinsten Form: Offene Grenzen, einladende, keinesfalls zu Festungen ausgebaute Teamcamps, offene Menschen, Herzen und Türen.
Open House in New Jersey
Springfield im „Garden State“ New Jersey, eine schmucke Wohngegend mit Häusern im viktorianischen Stil, gehobene Mittelklasse. Shirley und Howard Ross, seit bald 40 Jahren verheiratet, zwei Töchter, bitten in ihr alarmgesichertes Heim mit fünf Festnetztelefonen und den obligaten Autos in der Garage. Der Rasen wird nicht selbst gemäht, den schönen Künsten ist man dank Ballett-Abo zugetan, Tennisstunden sollen den Altersrost aus den Knochen klopfen. Zum 40. Hochzeitstag sind die Bahamas gerade gut genug.
Kein einziger amerikanischer Fußballnationalspieler ist dem rührenden Paar ein Begriff, aber immerhin hätten sie sich gerne den Überraschungscoup der Iren gegen den späteren Finalisten Italien (1:0) live vor ihrer Haustür in East Rutherford angesehen. Aber leider war das Match schnell ausverkauft. „Zwei Tage habe ich mich um Restkarten bemüht, aber die Nummer war immer besetzt. Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, ein wenig Ahnung zu bekommen von diesem für uns fremden Spiel“, erzählt Shirley.
Rangers, Knicks und O.J. Simpson
Dem Radiomoderator, den ich unterwegs zur Pressekonferenz der Azzurri in der privaten, prestigeträchtigen Pingry School – Leitbild: „Exzellenz und Ehre“ – lauschen muss, heuchelt erst gar nicht Interesse. „Am Samstag steigt das erste WM-Spiel im Giants Stadium. Aber ehrlich: wen kratzt’s?“ New York und Umgebung sind nach dem ersten Eishockey-Stanley-Cup-Sieg der Rangers seit 54 Jahren noch immer im Freudentaumel, und die Basketballer der Knicks haben in der NBA-Finalserie gegen die Houston Rockets gerade zum 2:2 ausgeglichen. Zu viel Konkurrenz für einen Exotensport, der auch noch gegen den alles dominierenden American Football und die Baseballer antreten muss.
Drüben in Kalifornien saugt zusätzlich ein anderes Spektakel Vorfreude ab: Der gefallene Footballstar O.J. Simpson und seine filmreife Flucht in einem weißen Bronco. Ein ehemaliger Running Back und Schauspieler, des zweifachen Mordes verdächtigt, auf einem Freeway in L.A. gejagt von Polizei und Medien. Minutiös und stundenlang direkt im Fernsehen seziert – in Sondersendungen und News-Updates. Meine Verwunderung kontert ein US-Zeitungsjournalist: „Wäre das nicht bei euch auch eine große Sache? Etwa bei einem vergleichbaren Szenario mit dem Olympiahelden Franz Klammer als Hauptdarsteller?“


Junge amerikanische Fußballfans
© HJS, ImagoVon den Großstädten putzte sich Chicago, Schauplatz des Eröffnungsspiels, am meisten für das Soccer-Fest heraus. Kleine Fußbälle als Blickfang beim Optiker, Slips mit WM-Motiv im „Bloomingdale’s“, Erklärbroschüren und Zeitungsbeilagen mit Regelkunde in Buchhandlungen. Selbst das Restaurant von Basketballgott Michael Jordan im trendigen North La Salle gab dem Fußball keinen Korb: über die Videowand flimmerten WM-Spiele, als Begleitmusik kickten die Ventilatoren Plastikbälle von der Decke. Sogar bei Schweiz gegen Rumänien war das Restaurant zum Brechen voll.
Nüchternheit statt Emotion
Im Schaufenster der Chicago Tribune sollen den Amerikanern die Relationen klar gemacht werden: „Das Finale der Fußball-WM 1990 hat eine Milliarde Menschen gesehen – viermal so viel wie der letzte Super Bowl“. Aber kommt diese Message auch bei der breiten Masse an? Ich fahre das 33-stöckige Verlagsgebäude hoch, wo mich der stellvertretende Sportchef des Renommierblatts – damals Top 10 landesweit mit einer Auflage von 700.000 unter der Woche – empfängt.
Die 2:1-Sensation der US-Boys gegen Kolumbien, Basis für den späteren Achtelfinaleinzug, ist noch frisch – kann sie den Nischensport aus der Bedeutungslosigkeit ballern, will ich von Ed Sherman wissen. „Als ich gestern heimgefahren bin, hat ein einziger gehupt und eine US-Fahne aus dem Autofenster hängen lassen. That was it. Ich schätze, wäre euch in Europa ein solcher historischer Erfolg gelungen, hätte der Bär gesteppt. Bei uns in der Stadt nur dann, wenn die Bulls wie zuletzt dreimal Basketballmeister werden“.
In den USA sei man sehr provinziell, auf sich bezogen. „Ich bin mit Football, Baseball und Basketball groß geworden, habe selbst nie Fußball gespielt und kenne auch die Regeln nicht oder die Bedeutung von Eckbällen, Gelben und Roten Karten. Ich fürchte, nach der WM wird man lange kein Soccer sehen, höchstens, du gehst in den Park“.
30 Jahre Produktentwicklung
Ganz so schlimm wurde es freilich nicht. Endlich konnte sogar eine landesweite Liga („Major League Soccer“, kurz MLS) den Betrieb aufnehmen, 1996 war das, erst zwei Jahre (!) nach der Heim-WM. Ein erster Versuch mit der NASL („North American Soccer League“) war krachend gescheitert, trotz prominentester Entwicklungshelfer wie Pele’, Cruyff, Georgie Best, Franz Beckenbauer und Giorgio Chinaglia. 1985 musste wegen fehlender TV-Präsenz der Spielbetrieb eingestellt werden.
Den fast schon reflexartigen Erwerb von Altstars aus Europa oder Südamerika als Strategie prolongierte auch die Nachfolgeliga MLS, die im Lauf der Jahre auf 30 Teams aufgepumpt wurde: Valderrama, Beckham, Gerrard, Ibrahimovic, Giroud, Marco Reus – nur eine Handvoll Beispiele von vielen.
Mit Andreas Herzog (L.A. Galaxy) und Andreas Ivanschitz (Seattle Sounders) naschten auch zwei österreichische Ex-Teamkapitäne im Spätherbst ihrer Karriere vom süßen American Way of Life
Und wem gehörten die Schlagzeilen bei der jüngsten Titelentscheidung? Weltmeister Lionel Messi, der mit Inter Miami im vergangenen Dezember gegen den Ur-Bayern Thomas Müller (Vancouver Whitecaps) 3:1 gewann. Die Golden Oldies füllen sich als Pensionsvorsorge noch einmal die Taschen voll und genießen dabei ein relaxtes Arbeitsumfeld und auch Anonymität. Bastian Schweinsteiger, deutscher Weltmeister von 2014: „Die erfolgreichsten Jahre hatte ich in München, die schönsten in Chicago.“
Mit Andreas Herzog (L.A. Galaxy) und Andreas Ivanschitz (Seattle Sounders) naschten auch zwei österreichische Ex-Teamkapitäne im Spätherbst ihrer Karriere vom süßen American Way of Life. Herzog: „Jeden Tag bei Sonne und auf einer Palmenallee zum Training – herrlich!“ Später, als Cotrainer des US-Nationalteams, bekam er auch schon die unübersehbaren Fortschritte mit. Fitness („Die rennen wie die Wieseln“) und Athletik waren nie ein Problem. Herzog: „Aber dann wurde auch das taktische Niveau in der Liga immer besser. Einfach weil es jetzt mehr Akademien gibt. Früher ist der Nachwuchs nur übers College gekommen, in dem nur ein paar Monate Fußball gespielt wird.“
Apple und Messi als Erfolgskombi
Im 30. Bestandsjahr der MLS wirkt einiges besser ausbalanciert, mehr Talente denn je werden in den Vereinigten Staaten ausgebildet und mit Einsatzzeiten belohnt, zusätzlich angeln die Verantwortlichen auch nach vielversprechenden Jungprofis von jenseits des Großen Teichs. Zum monetären und imagemäßigen Upgrade benötigte man aber dann doch wieder einen dicken Fisch: Dank der Sogwirkung des bald 39-jährigen Messi ist jetzt auch das Fernsehen voll im Bilde. 2,5 Milliarden Dollar blecht der Tech-Gigant Apple für die MLS-Übertragungsrechte für zehn Jahre.
Und an jedem neuen Apple TV+-Abo, das außerhalb der USA abgeschlossen wird, verdient der kleine Argentinier mit – als Körberlgeld zusätzlich zu seinem geschätzten 50-Millionen-Dollar-Jahreseinkommen. Auch macht die Nummer 10 die Schatzmeister der Konkurrenten glücklich – mit einem Messi-Zuschlag und dem Ausweichen in ihre größeren American-Football-Stadien lassen sich auch hübsche Sümmchen lukrieren.
1994 hätten eine solche Entwicklung nur die hartgesottensten Optimisten erwartet. Ja, die Durchschnittsamerikaner stürmten zwar die Stadien – im Schnitt 69.000 waren damals neuer WM-Rekord – aber sie waren eben weit weg von matchfit. Unvergessen mein Smalltalk mit einer weitgereisten Geschäftsfrau aus dem L.A.-Vorort Pasadena: „Mein einziger Matchbesuch bisher war bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles. Aber ganz ehrlich: was da unten auf dem Rasen passierte, blieb meinen Landsleuten und mir schleierhaft.“
Und obwohl sie nur ein paar Minuten zum Finalstadion von 1994, der Retro-Beauty „Rose Bowl“ gehabt hätte, blieb sie dem Endspiel zwischen zwei der größten Fußball-Weltmächte, Brasilien und Italien, fern. Eigentlich aber auch besser so. Der Showdown war zum Gähnen, mit einem im Elferschießen glücklicheren Brasilien.






