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Freiheitsplädoyer bei Eröffnung der Salzburger Festspiele

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Bürgerrechtlerin Lolesnikowa hielt die Festrede
©APA/APA/LAND SALZBURG/FRANZ NEUMAYR
Mit einem eindringlichen Plädoyer für Menschlichkeit, Dialog und Demokratie hat die belarussische Bürgerrechtlerin und Musikerin Maria Kolesnikowa Sonntagmittag die Salzburger Festspiele eröffnet. 226 Tage nach ihrer Entlassung aus mehrjähriger Haft betonte sie in der Salzburger Felsenreitschule, dass innere Freiheit unbesiegbar bleibe: "Mein größter Sieg war, dass ich nicht zuließ, dass Hass in meinem Herzen Wurzeln schlug - und dass ich trotz allem Mensch blieb."

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Kolesnikowa verglich eine freie Gesellschaft mit einem Orchester, in dem gegenseitiges Zuhören essenziell sei. Nicht allein das Äußern von Meinungen, sondern vor allem das Aufeinander-Hören halte die Demokratie lebendig: "Sprechen ist ein Recht. Zuhören ist Verantwortung. Genau dort beginnt Demokratie", so die 44-Jährige, die für ihre Rede nicht nur immer wieder Zwischenapplaus erntete, sondern an deren Ende auch Standing Ovations. Auch mit Blick auf den technologischen Wandel und künstliche Intelligenz mahnte die Künstlerin zur Wahrung menschlicher Werte: "Die Zukunft entscheidet sich nicht daran, wie intelligent unsere Maschinen werden, sondern daran, wie menschlich wir bleiben."

Zwischen musikalischen Darbietungen des Mozarteumorchesters Salzburg unter der Leitung des belarussischen Dirigenten Vitali Alekseenok, die neben den obligaten Hymnen (unter Mitwirkung des Theater Kinderchors) auch Werke von Édouard Lalo, Olivier Messiaen und Lili Boulanger umfassten, widmeten sich auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Salzburgs Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP) und Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) in ihren Reden Themen wie Demokratie, Heimat und Freiheit und würdigten Kolesnikowas Leistungen.

Van der Bellen sprach in seiner Eröffnungsrede gewohnt humorig anhand seiner eigenen Biografie über Migration und Heimat und gab ein paar Kostproben aus seiner "Kaunertaler Zweitsprache" zum Besten. Doch werde mit dem Begriff Heimat "viel gefährlicher Blödsinn getrieben", erinnerte er, bevor er auf den Gründungsgedanken der Europäischen Union zu sprechen kam und einen Bogen zur Demokratie spannte: "Das Innenleben jeder funktionierenden freien, liberalen Demokratie, besteht nolens volens auf Kompromissen, insbesondere in Koalitionsregierungen", so der Bundespräsident. "Wer das kleinredet und geringschätzt, missachtet den Kern des Aufblühens unserer Heimat." Besonders berührend war jener Moment, in dem der Bundespräsident vom Rednerpult herab die Festrednerin fragte, mit welcher Betonung man ihren Vornamen ausspreche - was dazu führte, dass Van der Bellen als einziger Redner die erste Silbe betonte und somit besonderen Respekt demonstrierte.

"Das heurige Festspielprogramm stellt der kalten Vernunft die Macht des Herzens gegenüber", unterstrich Babler in seinen Grußworten. "Es fragt, was uns in schwierigen Zeiten Orientierung gibt", so der Kulturminister, der sich in seiner Rede dem Thema Vernunft in Zeiten von Klimakrise und Spaltung der Gesellschaft widmete. "Als vermeintlich vernünftige Wesen akzeptieren wir gerade Entwicklungen, deren gefährliche Folgen wir aus der Geschichte längst kennen", mahnte der Vizekanzler, der in diesem Zusammenhang auch Ingeborg Bachmann zitierte ("Die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler") und unter Bezugnahme auf den "Jedermann" einen Vorgriff auf die Uraufführung von Elfriede Jelineks "Unter Tieren" formulierte: "Sie macht deutlich, was geschieht, wenn Jedermanns Lebensweise zur Funktionsweise einer ganzen Gesellschaft wird."

An Stefan Zweigs "Die Welt von Gestern" hatte in ihrer Begrüßungsrede Salzburgs Landeshauptfrau Karoline Edtstadler erinnert und an die von Zweig beschriebene Zeit "vor den großen Katastrophen Europas" gemahnt: "Wenn sich heute der Vorhang der Salzburger Festspiele hebt, dann schärft sich nicht nur unsere Wahrnehmung für die Kunst, sondern wir sind - ganz im Sinne Zweigs - auch aufgefordert, den Zustand unserer eigenen Welt zu reflektieren."

Den Zustand der Welt und insbesondere der Theaterkunst beschrieb Max Reinhardt, einer der Gründerväter der Festspiele, in einem 1943 entstandenen Text, den die Schauspielerin Senta Berger leidenschaftlich vortrug: "Heutzutage ernsthaft Theater zu spielen ist im Grunde genommen eine Donquichoterie. Das heißt mit künstlerischen Idealen ankämpfen zu wollen gegen die ungeheuren Windmühlen, die im Sturm unserer Zeit klappern", heißt es in dem Text, der in weiten Teilen aus der Gegenwart stammen könnte.

Mit den Worten "Die Salzburger Festspiele sind eröffnet" entließ Van der Bellen nach der fast zweistündigen Eröffnung das Publikum in einen regnerisch-kühlen Sommertag, der am Sonntagabend mit der Premiere von Bizets "Carmen" unter dem Dirigat von Teodor Currentzis und am Montagabend mit der Uraufführung von Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen" in der Regie von Jossi Wieler aufwartet. Bis einschließlich 30. August stehen über 170 Aufführungen in 45 Tagen an 19 Spielstätten sowie 37 Vorstellungen im Jugendprogramm "jung & jede*r" auf dem Programm.

(S E R V I C E - www.salzburgerfestspiele.at )

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