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Der Fleischersohn Rensing hat schon als Schulbub mit seinen Mitmenschen Probleme. Viel lieber schaut er seinem Vater bei seiner Arbeit zu, verbringt seine Zeit mit Rindern und übt sich schon früh im Umgang mit scharfen Messern. In der Fleischerfachschule ist er mit Abstand der Beste, sein Talent im Erkennen der Fleischqualität eines Tieres und im Auslösen und Verarbeiten einzigartig. Als er vom Vater auch noch das teure, 800-seitige "Handbuch für den Fleischer" geschenkt bekommt, wird das seine Bibel und sein Wunsch konkret: Er will der Beste werden!
Ein solches Handbuch sei tatsächlich am Anfang seines eigenen Buches gestanden, schildert der 1973 in Groningen geborene Autor, der ansonsten Literatur aus dem Französischen und Englischen übersetzt und als Dozent an der Übersetzerfachschule in Amsterdam arbeitet. Die Sprache, in der in diesem Standardwerk über eine der breiten Öffentlichkeit unbekannte Welt geschrieben werde, habe ihn fasziniert und ihm gleichsam das Sujet seines ersten Romans eingegeben.
Tatsächlich schafft es Manik Sarkar, dem blutigen Fleischhauergewerbe viel Poesie abzugewinnen, und das Erstaunliche ist, dass dabei das Abschreckende, nämlich das Töten, völlig in den Hintergrund tritt. Rensing junior betrachtet das Lebendvieh, wenn es gut gehalten und ansprechend gefüttert wurde, mit derselben Zärtlichkeit, die er an den Tag legt, wenn er aus einem glücklichen, wohlgenährten Tier Fleischstücke allererster Qualität zaubert. Alles könnte so schön sein - wenn da nicht die Menschen wären.
Der junge Rensing kann mit den Menschen wenig anfangen. Der tüchtigen Tochter eines Fleischerkollegen, mit der ihn sein Vater verkuppelt, kann er ebenso wenig echte Gefühle entgegenbringen wie seinen Kunden, von deren Zuspruch doch seine ganze Existenz abhängt, als er das Geschäft seines Vaters übernimmt. Die Distanz beruht auf Gegenseitigkeit. Kaum jemand, der die einzigartige Qualität seiner Ware zu schätzen weiß und bereit ist, den entsprechenden Preis dafür zu zahlen. Und auch die Geschäftsideen, die Rensing junior entwickelt, um aus der Krise zu kommen, erweisen sich als zu innovativ für die anspruchslosen Kunden. Denen kann man nämlich, wie der ehrgeizige Jung-Fleischer bald ernüchtert feststellt, jeden Dreck andrehen, Hauptsache er ist billig.
Das kann nicht gut gehen - und geht auch nicht gut aus. Das Risiko, das Manik Sarkar mit "Ochsenkopf" eingegangen ist, hat sich dagegen gelohnt. Er hat mit dem jungen Rensing eine Hauptfigur geschaffen, die in ihrer Ambivalenz aus Rohheit und Zärtlichkeit, Abstoßung und Hingabe ein würdiger Nachfahre des Fleischers Oskar ist, dem Ödön von Horváth in den "Geschichten aus dem Wiener Wald" einen Platz in der Weltliteratur verschafft hat. Und er hat es mit Sicherheit geschafft, dass nach der Lektüre dieses Buches niemand mehr Faschiertes einkauft, ohne es sich zuvor wirklich gut zu überlegen.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Manik Sarkar: "Ochsenkopf", aus dem Niederländischen von Ruth Löbner, Zsolnay Verlag, 172 Seiten, 23,70 Euro)
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Zsolnay Verlag
