ABO

„Ich möchte einfach nur in mein Bett und dann ist die Metro voller Tränengas“

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
6 min
Artikelbild

©Anadolu Agency, IMAGO

Während in Straßburg Tausende gegen hohe Lebenshaltungskosten und Missstände im Bildungssystem demonstrierten, wurden in Paris Geschäfte geplündert und Straßen verwüstet. NEWS.at-Redakteur Oskar Kaufmann erlebte die Proteste am 17. und 18. Oktober vor Ort.

News auf Google bevorzugen

Ich bin gerade mit Freunden auf der Suche nach einer Bar, als eine Gruppe von rund 60 maskierten Jugendlichen neben uns beginnt, auf die Scheibe eines „Coach“-Stores einzudreschen. Es dauert ein paar Minuten, bis sie das Glas vollständig durchbrochen haben und so viel wie möglich aus dem Luxusgeschäft in ihre Taschen stopfen.

„Das ist nicht normal, es tut mir leid, dass du das mit ansehen musstest“, sagt ein fassungsloser Pariser zu mir, nachdem die Gruppe mit ihrer Beute davongerannt ist. Eine junge Frau macht deutlich, dass sie mit den Plünderungen nichts zu tun haben möchte: „Ich hasse das!“

Blurred image background

Der verwüstete und geplünderte „Coach“-Store im Pariser Stadtteil Marais.

 © Oskar Kaufmann

Der Vorfall ereignete sich am Sonntagabend, dem 18. Oktober, im zentral gelegenen Pariser Stadtteil Marais. Was wir aus nächster Nähe beobachten konnten, war eine der vielen Plünderungen am Protestwochenende vom 17. und 18. Oktober in Frankreich. Schon Wochen zuvor protestierten Schüler:innen für bessere Lernbedingungen.

An diesem Wochenende riefen Student:innen, Schüler:innen, Gewerkschaften und die altbekannten „Gilets jaunes“ (Gelbwesten) zu einem Protesttag gegen hohe Lebenshaltungskosten und Missstände im Bildungssystem auf. Nach Regierungsangaben nahmen landesweit rund 550.000 Menschen teil, die Organisatoren sprachen von rund 800.000.

Geplünderte Geschäfte

In Paris wurden an diesen zwei Tagen, laut Angaben der Stadt, 451 Geschäfte geplündert oder beschädigt. Darunter nicht nur amerikanische Luxusboutiquen wie „Coach“, sondern auch zahlreiche kleine Läden.

Auch die Ohalei-Yaakov-Synagoge im 19. Arrondissement wurde verwüstet. Ob es sich dabei um einen antisemitisch motivierten Angriff handelte, war zunächst unklar. Nach Angaben des jüdischen Gemeindeschutzes gab es keine Hinweise auf eine gezielte Attacke auf jüdische Einrichtungen. An den Ausschreitungen waren unterschiedliche Gruppen beteiligt. Neben politisch motivierten Randalierern nutzten auch Personen die Situation für Plünderungen – aus kriminellen oder opportunistischen Motiven.

Zwei junge Männer, einer 21, der andere 26 Jahre alt, sitzen eine Woche später auf der Anklagebank. Ihnen wird vorgeworfen, an der Plünderung des „Coach“-Stores, die wir beobachtet hatten, beteiligt gewesen zu sein. Einem wurde bei der Festnahme das Knie gebrochen. Der andere beteuerte nur zufällig am Weg nach Hause zwischen Polizisten und Plünderer geraten zu sein. Die Männer werden mangels ausreichender Beweise freigesprochen.

Zerstörte Boulevards

Doch zurück zu meinem Sonntagabend in der Pariser Innenstadt. Auf dem Weg nach Hause über den zentral gelegenen Place du Châtelet konnte ich das Katz-und-Maus-Spiel zwischen der Polizei und den Jugendlichen beobachten. Eine Gruppe flüchtete in die Metro und die Polizei mit erhobenen Schlagstöcken rannte ihnen hinterher. Die Metrostation war daraufhin von Tränengas eingenebelt und unbegehbar. „Ich möchte einfach nur nach Hause in mein Bett und dann ist die Metro voller Tränengas, das kann doch nicht sein“, sagt mir ein etwa Mitte Zwanzigjähriger, bevor er genervt weggeht.

Auf dem langen Weg nach Hause gehen wir über den menschenleeren und völlig zerstörten Boulevard de Sébastopol. Der Gestank von brennendem Müll und Tränengas liegt schwer in der Luft. Ich bin erstaunt über das Ausmaß der Zerstörung. Unsicher fühle ich mich jedoch nicht: Als weißer Tourist bin ich weder für die Polizei noch für die Randalierer von Interesse.

Ein Tag zuvor in Straßburg

Doch ich möchte auch eine andere Realität abbilden. Circa 30 Stunden und eine Nachtbusfahrt zuvor war ich in Straßburg. An diesem Samstag, dem 17. Oktober nahmen nach Angaben der Gewerkschaften CGT und Solidaires etwa 20.000 Menschen an den Protesten teil.

Am Nachmittag sammelten sich die verschiedenen Demozüge auf dem zentralen Place Kléber. Es sticht mir sofort ins Auge, wie divers diese Demonstration ist. Von Menschen die man als „Bilderbuchlinke“ apostrophieren kann über alte Menschen und Kinder bis hin zu klassischen Arbeitern: es fühlt sich so an, als würden sich alle darauf einigen, dass es ihnen reicht. Eine Aufbruchsstimmung ist zu spüren. „C’est la révolution“ hört man von allen Seiten.

Blurred image background

In Straßburg gingen die Proteste etwas friedlicher über die Bühne als in Paris.

Was mir aber auch auffällt: Die Polizei scheint alles daran zu setzen, ihre Macht zu demonstrieren. Der Hass und die Angst vor den hundertfach vertretenen, bewaffneten Beamten sind greifbar. Eine Gruppe Jugendlicher wirft eine Flasche auf ein vorbeifahrendes Polizeiauto und die Menge jubelt. „Tout le monde déteste la police“ also „Alle hassen die Polizei” wird ständig von den Protestierenden skandiert. Das Tränengas trug jedenfalls nicht zur Deeskalation bei.

Natürlich kam es auch in Straßburg zu einigen Gewaltausbrüchen. Am Abend war die Stadt teilweise schwer wiederzuerkennen. Den Zusammenhalt und die Willensstärke der unterschiedlichsten Menschen, die auf den ersten Blick vielleicht wenig gemeinsam haben, aber Seite an Seite für die Zukunft ihres Landes protestieren, fand ich inspirierend. Im Gegensatz dazu zeigten mir die Eindrücke aus Paris das Ausmaß der willkürlichen Zerstörung.

Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER