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Midterms 2026: „Demokratische Wähler wollen einen Kandidaten, der Feuer spucken kann“

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Julius van de Laar©teutopress, IMAGO

Schlechte Werte, lautes Organ: Donald Trump verzeichnet miserable Zustimmungswerte, dominiert aber weiterhin die mediale Diskussion in den USA. Politikstratege Julius van de Laar über die Relevanz der Kongresswahlen für Europa, warum Trans-Sportler mehr aufregen als Korruption, Amerikas Wut und weshalb so wenige zum Demonstrieren auf die Straße gehen.

News auf Google bevorzugen

Krieg, Inflation, Korruptionsvorwürfe: Donald Trump sorgt zwar für breite Ablehnung, aber noch lange für keine gesicherte Mehrheit für die Demokraten. Bei den Midterm-­Wahlen am 3. November entscheidet sich, ob die Republikaner weiter ungebremst regieren können – oder ob Trump die Kontrolle über den Kongress verliert. Julius van de Laar, Politikstratege und einst Wahlkämpfer Barack Obamas, analysiert, warum die Demokraten in der republikanischen Empörungsmaschine in den sozialen Medien untergehen, weshalb Abtreibungsverbote und tödliche ICE-Einsätze kaum Menschen mobilisieren – und ob Trump womöglich nur mit seinen eigenen Waffen zu schlagen ist.

Herr van de Laar, in Europa hat man das Gefühl, US-Präsident Donald Trump schießt sich seit fast zwei Jahren ein Eigentor nach dem anderen: Elon Musk feuerte zu Beginn von Trumps Amtszeit 300.000 Beamte und Regierungsbeauftragte, was das Einsetzen von Loyalisten erleichterte. Universitäten wurde die Finanzierung entzogen, das brutale Vorgehen von Agenten der Migrationsbehörde ICE forderte Tote. Trump lässt sich Flugzeuge aus Katar schenken, Menschen, die sich Vorteile erwarten, kaufen große Mengen seiner Kryptowährung, die Hochzeit seines Sohnes bezahlte ein russischer Oligarch und nun soll man sich um viel Geld eine Vorschau seiner Postings auf seiner eigenen Social Media-Plattform Truth Social kaufen können, da sie Börsenkurse beeinflussen. Derweil treiben Irankrieg und Zollstreit die Preise für die eigene Bevölkerung in die Höhe, während Trumps Vermögen seit seiner Angelobung um kolportierte 2,2 Milliarden Dollar gewachsen ist. Wo bleiben die Proteste?

Den Widerstand gegen Trump sehen wir derzeit an katastrophalen Zustimmungsraten zu Trumps Präsidentschaft. Je nach Umfrageinstitut geben zwischen 60 und 75 Prozent der Bevölkerung beim Thema „direction of country“ an, dass die USA auf dem falschen Kurs sind. Trump selbst hat 26 Prozentpunkte an Zuspruch im Vergleich zur Zeit der Angelobung verloren – das ist nicht nur deutlich schlechter als unter Joe Biden: Bei derart geringem Zuspruch verliert die regierende Partei im historischen Schnitt ganze 28 Sitze im Repräsentantenhaus. Das würde die Republikaner die Mehrheit kosten.

Dass die Menschen in den USA nicht auf die Straße gehen, stimmt so nicht. Ich erinnere an die No-Kings-Proteste. Aber viele Amerikaner überlegen zweimal, ob sie statt ihrer Abendschicht bei McDonald’s nochmal Sprit verfahren sollen, um demonstrieren zu gehen. Dazu sind die Jobs zu unsicher und die Alltagskosten zu hoch.

Obwohl die Demokraten genau für diese Zustände Lösungen versprechen, bekommen sie kaum eine Bühne. Welche Rolle spielen Medien und die Art der Kommunikation dabei?

Die Medienlandschaft ist extrem fragmentiert. Stimmung wird in den sozialen Medien gemacht. Und die Demokraten gehen nicht immer geschickt vor: Seit die demokratische Herausforderin Kamala Harris im Wahlkampf 2024 in einem Nebensatz meinte, Geschlechtsumwandlungen von Inhaftierten sollte der Staat, und damit die Steuerzahler übernehmen, wird das von den Republikanern medial ganz nach oben gespielt.

LGBTQ-Rechte stehen auf der Liste der Dinge, die für Amerikaner gerade wichtig sind, allerdings ganz unten: Das ist einfach kein Thema. Wenn dann aber auch der texanische Demokrat James Talarico meint, Gott sei unter Umständen non-binär, und habe damit also kein eindeutig identifizierbares Geschlecht, können die Republikaner diese Ausschnitte immer und immer wieder verwenden und sagen: Seht her, die Demokraten sind ein Haufen kommunistischer Verrückter.

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 © Waltl & Waltl

Sollten die Demokraten da dagegenhalten, genauso laut werden und Trump mit seinen eigenen Waffen schlagen? Freundlich und korrekt zu sein, dürfte bisher nicht zum Erfolg geführt haben.

Das wird durchaus probiert. Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom hat sich einen Namen damit gemacht, Trump auf Social Media durch den Kakao zu ziehen. Viel wichtiger wäre es allerdings, eine klare Vision zu finden, hinter der sich alle Demokraten versammeln können. Überspitzt gesagt: Die Demokraten können sich untereinander alle ganz gut leiden. Aber medial zerfleischen sie einander, weil sie bei Nuancen nicht einer Meinung sind.

Die Republikaner können einander oftmals nicht ausstehen. Aber wenn sie nach einem Parteitag aus dem Raum kommen, sprechen sie mit einer Stimme. Und die sagt: „Make America Great Again“. Und davon fühlen sich viele Amerikanerinnen und Amerikaner angesprochen. Auf der Webseite von Kamala Harris fand man im Präsidentschaftswahlkampf Hunderte Unterpunkte: Was machen wir für Frauen, was für die Landbevölkerung, was für Migranten. Aber nirgends stand: „Das machen wir für Amerika“.

Sie haben wiederholt Kamala Harris angesprochen. Um sie ist es ruhig geworden. Gibt es Persönlichkeiten in den Reihen der Demokraten, die mit Trump auch aus Sicht der Kommunikation und Selbstvermarktung in den Ring steigen können?

Alexandria Ocasio-Cortez (in Amerika AOC genannt, Anm.) steht hier sicher an der Spitze. Ich halte sie für die fähigste Kommunikatorin ihrer Generation weltweit. Sie ist Mitte dreißig, kommt aus der Bronx in New York, auf Instagram folgen ihr fast zehn Millionen Menschen. Wenn sie spricht, hört man ihr zu. Zuletzt hat sie viel Aufmerksamkeit bekommen, weil sie öffentlich gemacht hat, dass sie sich ihre Eizellen einfrieren lassen will, weil sie einen Kinderwunsch hat, dieser mit einer politischen Karriere in ihrem Alter aber nicht vereinbar ist.

Sie filmt sich also nicht nur beim Kochen, während sie beiläufig über Demokratie und die Ideen der Demokraten redet – man sieht sie auch, wie sie ins nächste TV-Studio geht und davor noch schnell die Bluse hochzieht und sich eine Hormonspritze setzt, die für die Behandlung notwendig ist. Und die ganze Welt kann daran teilhaben.

Sie bekommt dafür von konservativer Seite viel Gegenwind. Dabei stehen doch gerade die Republikaner fürs Kinderkriegen ein.

Richtig. Ich erinnere an Erika Kirk, die Mutter des auf offener Bühne erschossenen rechten Influencers und Trump-Supporters Charlie Kirk: „Habt mehr Kinder, als ihr euch leisten könnt.“ Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen von AOC, wenn sich wegen des Social Egg Freezings die Republikaner auf sie einschießen. Kinder, Familie, das sind Kernthemen des konservativen Lagers. Das ging so weit, dass das Weiße Haus diese Kritik als „not helpful“ bezeichnet hat, wonach es etwas ruhiger wurde.

Bleiben wir bei Selbstbestimmungsrechten für Frauen. Unter Trump ist der Oberste Gerichtshof erheblich nach rechts gerutscht. In manchen Bundesstaaten gibt es deshalb nun derart scharfe Abtreibungsgesetze, dass Frauen selbst nach Vergewaltigung und Inzest de facto nicht abtreiben können. Wie sehr wird sich das auf das Wahlverhalten der Amerikanerinnen auswirken?

Ich bringe hier nochmals die Liste an Themen auf, die für die Bevölkerung gerade relevant sind. Unter den Top 40 stehen Abtreibungsrechte auf Platz 35, gefolgt vom Ukrainekrieg auf Platz 36 und die vorher genannten LGBTQ-Rechte auf Platz 39. Das bedeutet nicht, dass diese Themen nicht wichtig sind. Aber es geht hier um die Lebensrealität der Mehrheit: Für die sind diese Abtreibungsverbote nicht relevant genug, um allein deshalb zu einer großen Wahlbeteiligung oder anhaltenden Protestbewegung zu führen.

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 © Waltl & Waltl

Die Demokraten kämpfen ja auch nicht nur gegen die Republikaner: In den sogenannten Primaries, den Vorwahlen vor den Midterms, wurde der Flügelkampf innerhalb der Partei sichtbar. Hier haben auffallend viele Kandidaten der DSA gewonnen – der Vereinigung der sogenannten Democratic Socialists. Kritiker warnen davor, dass dieser Flügel eher Politik für „College Activists“ mache, also für laute, linke, junge Studierende, und weniger für die große Masse.

Die Democratic Socialists stehen vor allem für eine Abrechnung mit einer Demokratischen Partei, von der sich viele Wählerinnen und Wähler betrogen fühlen. Das Desaster rund um Bidens zu spätes Ausscheiden im Wahlkampf gegen Donald Trump 2024 hat der Partei in den Köpfen vieler Menschen enormen Schaden zugefügt und Trumps Sieg erst ermöglicht. Nach sechs Jahren Trump wollen viele aus den demokratischen Reihen einen Fighter: eine starke Persönlichkeit, die Feuer spucken kann, sich nicht mehr starr an alle Regeln hält und gegen die Republikaner nicht nur in den Ring steigen, sondern auch gewinnen kann.

Die Niederlage von Kamala Harris 2024 deutet allerdings darauf hin, dass extreme Positionen vor allem von moderaten Wählerinnen und Wählern nicht immer goutiert werden.

Ja, moderate Demokraten könnten Teile des Programms der Democratic Socialists ablehnen. Darin finden sich immer noch Passagen wie „Defund The Police“, also der Polizei die Mittel zu entziehen, was bei der gemäßigten Mitte nicht gut ankommt. Andererseits gehört nicht nur der amtierende New Yorker Bürgermeister Mamdani zu den Democratic Socialists – laut einer CNN-Umfrage identifiziert sich heute schon ein Drittel der demokratischen Wähler mit den Werten der DSA.

Die Frage der Wählbarkeit ist sehr schwer vorab zu beantworten. 2008, also sieben Jahre nach den Anschlägen des 11. Septembers, hat ein gewisser Barack Hussein Obama in Iowa gewonnen, einem der konservativsten Bundesstaaten im Mittleren Westen. Erst die Vorwahl, dann die Präsidentenwahl. 99 Prozent der Leute hätten damals gesagt, Obama ist nicht wählbar, und er hat es trotzdem geschafft.

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Julius van de Laar (re.) als Wahlkämpfer für Barack Obama.

 © picture-alliance, dpa

Seit den Angriffen auf den Iran sind die Preise an den Zapfsäulen empfindlich gestiegen, Trumps Zollstreit mit der ganzen Welt spüren allen voran amerikanische Verbraucher. Jetzt wächst auch die Angst vor Künstlicher Intelligenz und ihre Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Wem nützt und wem schadet diese Angst?

Kein Thema hat im vergangenen Jahr so stark an Bedeutung zugenommen wie KI und Rechenzentren. Mark Zuckerberg spricht von einem Rechenzentrum, so groß wie Manhattan, in Texas will Google 40 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur investieren.

Gouverneur Greg Abbott wollte Texas überhaupt gleich zum „Epizentrum von KI-Entwicklung“ machen. Aber der Wind hat sich gedreht. Über 70 Prozent der Bevölkerung lehnen heute KI-Rechenzentren in der eigenen Nachbarschaft ab. Die Leute hätten heute lieber ein Atomkraftwerk vor der Haustür als ein Rechenzentrum die Straße runter.

Worum geht es den Anrainern da konkret?

Was die Leute aufregt, sind weniger Umweltbedenken, wie das in Europa der Fall wäre. Es geht um die Geheimniskrämerei, weil in irgendwelchen Hinterzimmern Deals mit Google gemacht werden. Es gibt Untersuchungen zum Verlust der Vertrauenswürdigkeit von Politikern, wenn sie behaupten, KI wird nicht zu Jobverlusten führen. 35 Prozent der Menschen misstrauen solchen Aussagen komplett, 32 Prozent sind sich unsicher.

Wenn sich Trump also vor die Kamera stellt und sagt „Macht euch keine Sorgen, ihr werdet durch KI nichts verlieren“, dann glaubt man ihm das nicht. Einige Demokraten haben auf dieses Thema gesetzt und so auch ihre Vorwahlen gewonnen. Aber man muss aufpassen: Big Tech sind am Aktienmarkt gerade die großen Gewinner. Dieses Wachstum preist aber auch ein, dass Rechenzentren gebaut werden, damit überhaupt genug Leistung für die KI zur Verfügung steht.

Sollte also nichts mehr gebaut werden, wenn die Demokraten das Repräsentantenhaus und den Senat gewinnen, könnten die KI-Bewertungen nach unten gehen. Das könnte zur Folge haben, dass die Blase platzt, und das sollte man bedenken. Denn wenn Amerika hustet, haben wir in Europa eine Lungenentzündung.

Die Midterms werden nicht alle Bevölkerungsschichten aus dem Haus locken. Wer wird im November zu den Wahlen gehen?

Die Wahlbeteiligung liegt in den USA bei Midterm-Wahlen mit 40 bis 50 Prozent generell nicht allzu hoch und deutlich unter jener bei Präsidentschaftswahlen, wo 50 bis 60 Prozent der Wahlberechtigten zur Abstimmung gehen. Zu den Midterms gehen traditionell eher gut gebildete Menschen. Derzeit weisen Umfragen aus, dass nur 49 Prozent der Republikaner, die keine Hardcore Trump-Wähler sind, zur Wahl gehen wollen – bei den Demokraten sind es 71 Prozent.

Deshalb sagen viele Prognosen einen Sieg der Demokraten im Kampf um das Repräsentantenhaus voraus und manche sehen auch Chancen auf den Senat. In der Zwischenzeit postet Trump KI-generierte Bilder von sich, auf denen er den Kanadischen Premierminister mit einem Eishockeyschläger verprügelt, er benennt Lake Ontario in Lake America um. Und manche republikanischen Wähler werden ihm vielleicht glauben, wenn er ihnen eine Auszahlung von 5.000 Dollar für ihre Stimme verspricht. Aber die gibt es laut Trump natürlich nur, wenn er auch gewinnt.

Steckbrief

Julius van de Laar

Julius van de Laar ist Polit- und Strategieberater mit Schwerpunkt auf US-Politik und Wahlkämpfen. Als ehemaliger Wahlkämpfer im Präsidentschaftswahlkampf von Barack Obama analysiert er regelmäßig politische Entwicklungen sowie deren gesellschaftliche sowie wirtschaftliche Auswirkungen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 44/2026 erschienen.

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